Bolivia Nr. 157
Mai 2009
(44 Seiten, erschienen am 25.05.2009)

Inhalt
Mit Fasten zum Sieg
     Nach schwierigem Kompromiss mit der Opposition kann Evo Morales die Wahlen im Dezember durchführen

Überfall auf das Haus von Ex-Vizepräsident Cárdenas
Umstrittene Erde
Gringuero oder marginalisierter Mann?
     Reflexionen zu Migration und Gender-Identitäten

Perspektiven südamerikanischer Integration
- Was fließt in den Flüssen Boliviens?
- Farbe und Kontraste aus Bolivien
     Eine Ausstellung bolivianischer zeitgenössischer Malerei
- Kurzmeldungen
- Bolivien auf der 43. ITB Berlin / 11. - 15. März 2009
     Der Kick: per Mountainbike im Affenzahn auf der Todesstraße nach Coroico
- Tourismus gegen Unterdrückung und Kokain
     Zu Besuch bei den Yuracaré-Indianern im bolivianischen Tiefland

 


Auszüge aus den Beiträgen

 

Mit Fasten zum Sieg
Nach schwierigem Kompromiss mit der Opposition kann Evo Morales die Wahlen im Dezember durchführen
Gegen Ende der christlichen Fastenzeit eskalierte der Streit um das in der neuen Verfassung festgelegte Datum und die Bedingungen für die ersten allgemeinen Wahlen nach der Abstimmung über die neue Verfassung (s. die Artikel darüber in Bolivia 156 und Artikel "Umstrittene Erde" in diesem Heft!) Nach einem sechstägigen Hungerstreik des Präsidenten, parlamentarischen Tumulten und zähen Marathon-Verhandlungen der Regierung mit Vertretern der Opposition gelang es, einen Kompromiss zu erzielen, der die Durchführung der in der Verfassung festgelegten Dezemberwahl garantiert, zugleich aber wichtige Forderungen der Opposition erfüllt.
Hungerstreik als Mittel der Politik
Seit den Tagen des glücklosen Präsidenten Siles Zuazo (1982-1985) hat es das noch nicht wieder gegeben: Ein Präsident tritt in einer wohlgeplanten Aktion in einen Hungerstreik, um die Durchsetzung seiner Politik zu erzwingen. Um Ostern bewies Evo, dass auch er mit diesem Mittel "moralischen" Druck auszuüben in der Lage ist. Sogar große deutsche Blätter von BILD bis SZ widmeten sich diesem Thema. In der größten aller deutschen Presseprodukte konnte man am 13.4. Evo Morales auf einem perfekten PR-Foto zu sehen. In größtmöglicher Aufmachung liegt da Evo - tief gebräunt und strahlend wie immer - adrett gekleidet etwas erhöht auf einer Matratze im Präsidentenpalast. Die Rechte erhebt er zur Geste des Staatsmannes, der den Weg in die Zukunft weist, die Linke liegt entspannt auf dem unteren Teil seines Brustkastens, wo wir den (am 5. Tag) schon ordentlich geschrumpften Magen vermuten. Nur das an sich vornehme Oberhemd erweckt mit seinen grau-weißen Streifen Assoziationen von Gefangenschaft und Leiden.
...

(Der vollständige Artikel ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)


Überfall auf das Haus von Ex-Vizepräsident Cárdenas
Am 7. März 2009 stürmten Hunderte von Dorfbewohnern das Landhaus des Ex-Vizepräsidenten Víctor Hugo Cárdenas. Sein Anwesen liegt in der Provinz Omasuyo, die zur Gemeinde Sank`ajawira gehört, ca.70 Kilometer von La Paz entfernt gelegen. Die aufgebrachte Menschenmenge zerrte die sich im Haus aufhaltenden Familienmitglieder, darunter seine Frau, seine Cousine und seine beiden Söhne, unter Peitschenhieben und Steinwürfen auf die Straße. Die Söhne wurden später mit Verletzungen in das städtische Krankenhaus eingeliefert. Danach versuchten die Eindringlinge, das Haus zu plündern und in Brand zu stecken. Anschließend wurde eine fiktive Beerdigung mit einer Puppe inszeniert, der ein Schild um den Hals gebunden war, auf dem "Verräter" und "Ich habe nichts für meine Leute getan" geschrieben stand. Cárdenas selbst blieb von den Angriffen verschont, da er sich zur Zeit des Überfalls nicht zu Hause aufhielt.
Die Polizei erschien zwar am Ort des Geschehens, griff jedoch nicht ein, sondern wartete in rd. 200 Metern Entfernung auf Verstärkung. Schon früher war aus dieser Gemeinde von Gewalttätigkeiten berichtet worden. Im November 2007 hatten die so genannten "Ponchos Rojos", paramilitärisch ausgerüstete indigene Milizen mit engen Beziehungen zu Evo Morales, Hunde gefoltert und enthauptet. Diese Aktion war damals als Warnung an die Präfekten der Opposition gerichtet.
...

(Der vollständige Artikel ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)


Umstrittene Erde
Zusammen mit der Annahme der neuen Verfassung am 25.1.2008 (siehe Bolivia 156) wurde auch über die Höchstgrenze der Grundstücksflächen entschieden. Nach dieser Abstimmung kamen eine Menge von Bodenkonflikten erst richtig zu Tage, die nun in einem langen und komplizierten Prozess gelöst werden müssen. Der Fall Víctor Hugo Cárdenas, zeigt, dass nicht mehr klar zwischen Haus- und Bodenbesitz unterschieden wird und ein verdienter Protagonist indigener Rechte nicht vor ideologisch drapiertem Raub geschützt ist.
Die Kampagne der Regierung
Schon bei der Kampagne der Regierung für die Maximalgröße von 5000 ha konnte der Wähler bei der Befassung mit den Details feststellen, dass die Neuregelung nicht rückwirkend gelten dürfe. Alle seit der Revolution von 1952 bestehenden Großgrundbesitze von bis zu 50.000 ha pro Familie sollten also unangetastet bleiben - was natürlich den Neuverteilungsspielraum (ohne Brandrodung) von agrarisch nutzbaren Flächen schon erheblich einschränkte. Hier wurden von der Regierung zu große Hoffnungen erweckt. Präsident Morales reiste im Lande umher und verkündete überall, die Latifundienbesitzer müssten nach der Annahme der Verfassung und der Regelung der Agrarflächen den "Überschuss" ihrer Ländereien an den Staat zurückgeben. Nach dieser Denkweise müsste zum Beispiel Isaac Ávalos aus Santa Cruz von seinen 100.000 ha 95.000 ha dem Staat abgeben, der sie an Bauern ohne Land verteilen würde.
...

(Der vollständige Artikel ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)


Gringuero oder marginalisierter Mann?
Reflexionen zu Migration und Gender-Identitäten
Lateinamerikanische Männer werden hierzulande gern mit dem vordergründigen Bild des "macho" assoziiert, der seine Männlichkeit in übertrieben-präpotenter Art zur Schau stellt während weiße "gringas" in Lateinamerika nicht selten mit permanenter Anmache und idealisierten Vorstellungen von Europa konfrontiert werden. Wie sich bi-nationale Liebesbeziehungen an diesen vereinfachenden Stereotypen reiben und welche Auswirkungen die resultierende Migration auf das (geschlechtliche) Selbstverständnis der Partner haben kann, möchte der folgende Artikel thematisieren.
Auch wenn (entgegen populistisch-rechten Horrorszenarien) tatsächlich nur ein sehr kleiner Teil der Weltbevölkerung auswandert und sich diese Migration noch dazu meist innerhalb der eigenen Landes- oder Erdteilgrenzen abspielt, muss doch anerkannt werden, dass transnationale Lebenswege heutzutage kein Ausnahmefall mehr sind. Studienaufenthalte, Arbeitsmigration und Flucht führen dazu, dass immer mehr Menschen zumindestens einen Teil ihres Lebens im Ausland verbringen, eine Tatsache, die das Entstehen bi-nationaler Liebesbeziehungen begünstigt.
Geht man nun davon aus, dass Geschlechter-Identitäten etwas sind, das sehr stark durch das sozio-kulturelle Umfeld geprägt wird, dann ist es klar, dass solche partnerschaftlichen Konstellationen die "eigenen" Vorstellungen von Geschlecht und Geschlechterrollen in Frage stellen und komplexe Aushandlungsprozesse in Gang setzen können. Derartige Beziehungen führen gleichzeitig sehr deutlich vor Augen, wie stark Geschlechtsidentitäten nicht nur von der ethnischen Zugehörigkeit, sondern auch von der gesellschaftlichen Stellung der Partner im Herkunfts- und Aufnahmeland abhängt und wie sehr auch hier (post)koloniale Machtverhältnisse zum Tragen kommen. Auf der Basis von sieben Interviews mit bolivianischen Männern und mitteleuropäischen Frauen, die in einer bi-nationalen Beziehung leben sowie jahrelangen persönlicher Beobachtungen möchte ich nun einige der Aspekte skizzieren, die sich hier im Zusammenhang mit Migration ergeben.
...

(Der vollständige Artikel ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)

 


Perspektiven südamerikanischer Integration - innerhalb und außerhalb des Kontinents
Die lateinamerikanischen Integrationsprojekte, die man bis vor ein paar Jahren kannte, hatten ihre Schwerpunkte im Handelsbereich, da gab es auf der einen Seite die Comunidad Andina de Naciones (CAN, Andengemeinschaft) und auf der anderen Seite den Mercado Común del Sur (MERCOSUR, Gemeinsamer Markt des Südens). Beide teilten den Kontinent in zwei große Blöcke. Schon seit vielen Jahren sprach man von der Möglichkeit, einen einzigen dritten Block zu bilden, der es erreichen würde, alle südamerikanischen Länder einzubinden. So wird Ende 2004 offiziell die Bildung der Comunidad Sudamericana de Naciones (CSN, Südamerikanische Staatengemeinschaft) unterschrieben, die die beiden übernationalen Blöcke sowie Chile, Surinam und Guyana eingliedert. Zum ersten Mal in der Geschichte etabliert sich eine Instanz, der die zwölf südamerikanischen Staaten als Mitglieder angehören. 2007 nimmt die CSN den Namen Unión Nacional del Sur (UNASUR) an.
Ihr Hauptziel ist es, gemeinschaftlich auf folgenden Gebieten mehr Verbindungen zu erreichen, als man es bisher in Südamerika geschafft hat: Im ökonomischen Bereich: eine ökonomische Kooperation, die Entwicklung und Wachstum der schwächsten Mitglieder ermöglicht, energetische, industrielle, kommerzielle und finanzielle Integration. Im sozio-politischen Bereich nahm man sich vor: die Erstarkung als übernationaler Block, die Entwicklung seiner verschiedenen Mitglieder, der Kampf zur Gewährleistung von Frieden und Sicherheit sowohl innerhalb der Nationen als auch zwischen den verschiedenen Nationen, den Umweltschutz, der Kampf für soziale Gleichheit, die Verbesserung der Bildung, die Förderung der kulturellen Vielfalt und schließlich die Konstruktion einer gemeinsamen südamerikanischen Identität. In gewisser Weise kann man mehrere Ziele dieses Projekts mit dem Modell vergleichen, das heutzutage als erfolgreichstes Integrationsmodell der Welt bezeichnet wird: der Europäischen Union.
...

(Der vollständige Artikel ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)