Bolivia Nr. 155
August - Oktober 2008
(32 Seiten, erschienen am 27.10.2008)

Inhalt
- Ende des Verfassungsdramas?
     Nach Gewalteskalation einigen sich Regierung und Opposition auf einen Verfassungsentwurf

- Bolivien im Zentrum internationaler Friedensbemühungen
- Die Hintergründe des Massakers im Pando
- Wiedergeburt der Gewalt als politisches Mittel in Bolivien
- Ein gebrochener Geist
- Pressefreiheit in Bolivien wird zunehmend eingeschränkt
     Die Regierung provoziert mit harscher Kritik an den Medien gewalttätige Übergriffe auf Journalisten

- Internationale Presseschau
- Die Geburt bei den Aymara
- Evo und die Indígenas

 

Auszüge aus den Beiträgen

 

Ende des Verfassungsdramas?
Nach Gewalteskalation einigen sich Regierung und Opposition auf einen Verfassungsentwurf
Gewalt in der media luna
Im September erlebte der bolivianische Halbmond (die Departments Santa Cruz, Beni, Pando und Tarija) den bislang heftigsten Gewaltausbruch seit dem Aufkommen der "Autonomiebewegung". Aus Protest gegen den von der Regierung favorisierten neuen Verfassungsentwurf und die Kürzungen der regionalen Anteile aus den Einnahmen der Gasrente (IDH) legte zunächst eine mehrere Wochen andauernde Straßenblockade im südlichen Chaco-Gebiet die Region völlig lahm. Da die Proteste ohne politische Folgen blieben, die Regierung lenkte nicht ein, beschlossen die oppositionellen Präfekturen eine Radikalisierung. Bei dem Versuch die Autonomie de facto zu vollziehen, kam es sowohl in den Städten als auch in den Provinzen der media luna zu gewalttätigen Auseinandersetzungen und zu Vandalismus. Staatlichen Institutionen (Steuerämter, Zollbehörden, Flughäfen, etc.) wurden, vor allem von Jugendgruppen, gewaltsam besetzt und zum Teil völlig zerstört. Im Falle des für die Landreform zuständigen INRA vernichteten die Besetzer die gesamte Dokumentation. Die Gewalt, der die Polizei nicht mächtig werden konnte, richtete sich allerdings nicht nur gegen Einrichtungen des Staates. Wie schon in der Vergangenheit mehrmals der Fall, wurden auch Institutionen und Privatpersonen, die als Regierungsverbündete oder - Sympathisanten gelten, zum Ziel der Angreifer. Büros von Menschenrechtsorganisationen wie das in der Landreform aktive CEJIS (Centro de Estudios Jurídicos y de Investigación Social) und Gebäude der indigenen Basisorganisationen CIDOB (Confederación Indígena del Oriente Boliviano) und CPESC (Confederación de Pueblos Étnicos de Santa Cruz) wurden verwüstet. Einmal mehr sind Politiker der Regierungspartei und Kritiker der Autonomiebewegung von militanten Jugendlichen auf offener Straße angegriffen worden.

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Bolivien im Zentrum internationaler Friedensbemühungen
Anfang September befand sich Bolivien in einer Gewaltspirale ohnegleichen, organisatorisch unterstützt und durch Reden angestachelt von den oppositionellen Präfekturen und Bürgerkomitees. Es gab zahlreiche Blockaden, in Pando und Tarija waren mindestens sechs staatliche Institutionen von oppositionellen Gruppen im Sinne ihrer "Autonomie" besetzt worden. Der Präsident des Bürgerkommitees Tarija, Reynaldo Bayard, kündigte eine Radikalisierung der Druckmittel an: Man werde schon sehen, wenn "der Chaco in Flammen aufgehe". Auch die Unión Juvenil Cruceñista (UJC), David Sejas, die gerne mal ihre Fahrzeuge mit Hakenkreuzsymbolen schmückt, und weitere Kräfte in den oppositionellen Departements heizten die Situation weiter an. Sogar die Ordnungsmacht des Militär wurde als "unerwünscht" hingestellt. Schon wurde von Seiten der Regierung an die Ausrufung des Ausnahmezustands gedacht. Der 10. September brachte einen doppelten Höhepunkt der Krise. Zunächst gab es ein Attentat auf die größte Gas-Pipeline des Landes zwischen den Gasfeldern von San Alberto und San Antonio, was zu einer unmittelbaren Reduktion der Gaslieferungen nach Brasilien um 10% führte.
Der innenpolitische Konflikt wird international
Wenige Stunden später erklärte Präsident Morales den Botschafter der USA Philip Goldberg zur persona non grata und verwies ihn sowie 60 Mitarbeiter der US-amerikanischen Anti-Drogen-Einheit (DEA) des Landes. Vorwurf: Goldberg suche die Teilung des Landes. Schon zuvor war Goldberg der Botschafter mit den meisten Mahnungen vonseiten des bolivianischen Außenministeriums. Nach Meinung des US-Botschafters waren aber seine Gespräche mit oppositionellen Spitzenpolitikern Teil seiner Arbeit und seien im Rahmen von Kollaborationsverträgen mit den Regionen geschehen. Ob Goldberg, der bereits als Spitzendiplomat mit besonderem Schwerpunkt auf geheimdienstliche Arbeit in den Krisengebieten der Welt (Libanon; Kosovo etc.) gearbeitet hatte, so harmlos gehandelt hat, wie er nach außen deklarierte, kann man getrost weiteren historischen Recherchen überlassen.

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Die Hintergründe des Massakers im Pando1
Pando, das kleinste der insgesamt 9 Departements in Bolivien liegt im Nordosten des Landes und grenzt direkt an die Nachbarländer Brasilien und Peru. Ökonomisch war die vergessene, da schwer zugängliche und großflächig von Regenwald bedeckte Region lange Zeit das Zentrum der nationalen Kautschukproduktion. Aktuell zählen die Ernte der Paranuss und Holzschlagkonzessionen zu den zentralen wirtschaftlichen Einnahmequellen innerhalb des Departments. Hinzukommen Schmuggel und Drogenhandel, begünstigt durch die nahegelegenen Grenzen und einen Staat, der vor allem durch Abwesenheit glänzt(e). Alle legalen und illegalen ökonomischen Aktivitäten befanden sich bisher fest in der Hand einiger weniger Familien, die als Regional- und Lokalfürsten im Pando herrschten und die zahlreichen, aber demographisch oft sehr kleinen und versprengt lebenden indigenen Tieflandvölker bis heute in feudalen bis sklavereiähnlichen Arbeits- und Abhängigkeitsverhältnissen hielten. Der nun in Haft sitzende und wegen des Massakers an Indigenen und KleinbäuerInnen angeklagte Ex-Präfekt Leopoldo Fernández war allseits als lokaler Kazike bekannt. Die Herrschaft des ADN-Anhängers und engen politischen Weggefährten des Ex-Diktators Hugo Banzers über die Amazonasregion dauerte 38 Jahre. Auf die Frage, wie er beim Abwahlreferendum am 10.08.2008 erneut mit 56,21 % im Amt bestätigt werden konnte, gibt Cristián Domínguez1 zu bedenken, dass Leopoldo Fernández seit Jahrzehnten ein höchst effizientes System aus Klientelismus und Korruption sowie aus Überwachung, gezielten Drohungen und Einschüchterungen durch paramilitärische Gruppierungen pflegt, welches erfolgreich genug war, um seine Macht auch unter demokratischen Bedingungen abzusichern. Doch laut Aussagen einiger der Überlebenden des Massakers repräsentiert Fernández ohnehin nur den sichtbaren Arm eines sehr viel größeren Kartells, welches seine ökonomische und machtpolitische Basis in Riberalta im Norden des Nachbardepartments Beni hat und von dort aus großräumig operiert.

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Wiedergeburt der Gewalt als politisches Mittel in Bolivien
Aufgeschoben ist nicht Aufgehoben
Am 10. August 2008 wurde in Boliven das sog. Referendum Revocatorio zur Bestätigung des Präsidenten und der Präfekten abgehalten. Die Tage danach verliefen alles andere als ruhig. Als träfe man einen alten Bekannten aus der Zeit Gonis oder Mesas wieder: Politisch motivierte Gewalt hat in den Straßen Boliviens wieder Hochkonjunktur. Dabei war es genau dieser Strudel von Gewalt, welchen die damalige Oppositionspartei MAS (Movimiento Al Socialismo) dem ehemaligen Präsident Boliviens Gonzalo Sánchez de Lozada anlastete. Was passiert heute? Inwiefern ist die ehemalige Oppositionspartei, die momentane Regierung, mitverantwortlich für den neuen Strudel von Gewalt, in welchem Bolivien zu versinken droht?
Einen nicht-verfassungskonformen, aber kompromissbereiten Vorschlag brachte im Jahr 2005 Carlos D. Mesa vor seinem politischen Scheitern ein: Um Bolivien kurzfristig vor einer Spaltung zu bewahren, bot er im Jahre 2005 an, nur Präfekten zu ernennen, welche in den Departamentos direkt gewählt wurden.1 Die Wahlen des Präsidenten, des Vizepräsidenten, der Senatoren und Abgeordneten sowie die Wahlen der Präfekten fanden dann am 4. Dezember 2005 zugleich statt, wodurch der Großteil der Präfekten von der Opposition gestellt wurde (siehe Grafik). Am 22. Januar 2006 trat Evo Morales Ayma als neuer Präsident dieses paradoxe Erbe eines aufgeschobenen Konfliktes an.

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Pressefreiheit in Bolivien wird zunehmend eingeschränkt
Die Regierung provoziert mit harscher Kritik an den Medien gewalttätige Übergriffe auf Journalisten
In der Regierungszeit von Evo Morales sind in zunehmendem Maß verbale Attacken gegen Journalisten zur Regel geworden. Mit ihrem aggressiven Ton sorgt die Regierung dafür, dass der Respekt vor einer unabhängigen Berichterstattung immer weiter sinkt. So ist es nicht verwunderlich, dass die Zahl der körperlichen Übergriffe auf Journalisten dramatisch zugenommen hat. Die zunehmende Gewaltbereitschaft zeigt sich im Übrigen sowohl bei den regierungsnahen als auch bei den oppositionellen sozialen Bewegungen. Seinen unheilvollen Ausgang nahm die Kampagne der Regierung bereits am Tag der Ernennung von Evo Morales zum Präsidenten. Bereits hier bezeichnete er sich als Opfer eines Medienterrorismus und machte Witze über die Verstaatlichung der Medien.
Im Verlauf des ersten Regierungsjahres (2006) von Evo Morales werden nur vereinzelte Übergriffe gegen die Pressearbeit registriert. Dies ändert sich im darauf folgenden Jahr, als im Mai 2007 eine Menschenmenge das Kamerateam von La Razon in Patacamaya attackiert. Zum ersten Mal lassen einige soziale Gruppen ihrer Wut gegen die Presse ungehinderten Lauf, mit der Begründung, dass "Evo sagt, dass die Presse lügt". Seither steigt die Zahl gewalttätiger Übergriffe kontinuierlich. Einen vorläufigen Höhepunkt findet sie im Tod des Journalisten Carlos Quispe. Er wird in Pucarani von einer aufgekratzten Menschenmenge zu Tode geprügelt, als er darüber berichten will, wie der Mob die politische Führung einer Kommune gewaltsam stürzt.

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