Bolivia Nr. 154
Mai - Juli 2008
(40 Seiten, erschienen am 29.07.2008)

Inhalt
-  Referendumsmarathon in Bolivien
-  Das Amtsenthebungsreferendum (Referendum Revocatorio)
-  Autonomie von rechts
-  Großes deutsches Interesse am Aufbruch zur neuen Verfassung
-  Angespannte Beziehungen zwischen Bolivien und den USA
-  Profitiert das Agrarland Bolivien von der Nahrungsmittelkrise?
Thema Buchbesprechungen:
   -  "Evo Morales- die Biografie"
   -  "Presidencia Sitiada - Memorias de mi Gobierno" von Carlos D. Mesa
   -  "Ciudadano X" von Emilio Martínez Cardona
   -  "Die Straßenkinder von Tres Soles" von Stefan Gurtner
-  Para Bolivia y el mundo - Der bolivianische Tanz erobert die (Cyber)Welt
-  Bilder vom Karneval der Kulturen am 11. Mai in Berlin

 

Auszüge aus den Beiträgen

 

Referendumsmarathon in Bolivien
Das Referendum feiert derzeit in Bolivien Hochkonjunktur. In den letzten vier Jahren nach seiner Einführung durch den damaligen Präsidenten Carlos Mesa war die bolivianische Bevölkerung zweimal aufgerufen, sich direkt an politischen Entscheidungen zu beteiligen: in der Befragung zur zukünftigen Ausrichtung der nationalen Gaspolitik im Jahr 2004 und in der Abstimmung über die Einführung regionaler Autonomien im Jahr 2006. Keine Befragung brachte eindeutige Ergebnisse, beide gerieten zum Anlass wilder Spekulationen. Nun erlebt das Land eine wahre Explosion in Sachen Volksbefragung: Anfang Mai fand die Abstimmung über die Autonomiestatuten in Santa Cruz statt, gefolgt von den regionalen Referenden in Beni und Pando sowie in Tarija. Zuletzt zogen auch Legislative und Exekutive nach und ratifizierten das von Präsident Morales Ende vergangenen Jahres in die Diskussion gebrachte "Amtsenthebungsreferendums" (referéndum revocatorio): am zehnten August dieses Jahres sollen die BolivianerInnen darüber entscheiden, ob Präsident, Vizepräsident und die Präfekten der neun Departments des Landes im Amt verbleiben. Wohin dieser Referendumsmarathon führt, ist ungewiss.
Mit den Referenden über die Autonomiestatuten (estatutos autonómicos) in den Departments des südöstlichen ‚Halbmondes' geht die Auseinandersetzung zwischen Exekutive und den Präfekten der oppositionellen Regionen in eine neue Runde. Mit einem Etappensieg für Letztere. Trotz der bekannten Illegalität der Befragungen, wurden die Statuten in den vier betroffenen Regionen mit großer Mehrheit angenommen. Auch im Detail betrachtet sind der Verlauf und die Ergebnisse der Befragungen in allen departamentos gleich: große Zustimmung in den Städten und Ablehnung in den ländlichen Gebieten bei sehr hohen Enthaltungsquoten. Zwar kam es nicht zu den im Vorfeld erwarteten großen Konflikten, doch verzeichneten die vier Regionen Auseinandersetzungen zwischen Statutengegnern und Autonomisten, vor allem den organisierten und gewalttätigen Jugendgruppen aus Santa Cruz, die auch in die anderen Regionen angereist waren, um die Referenden "abzusichern". Darüber hinaus kam es vereinzelt zu Straßenblockaden und Boykottmaßnahmen durch die Referendumsgegner.

...

(Der vollständige Artikel ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)


Das Amtsenthebungsreferendum (Referendum Revocatorio)
"Pachamama1 gibt uns eine Chance" - dies waren die ersten Worte von Evo Morales, als er erfuhr, dass die Senatoren der Oppositionspartei PODEMOS überraschend im Senat das Gesetz über Amtsenthebungsreferenden gebilligt hatten, nachdem der Gesetzentwurf monatelang im Kongress auf Eis gelegen hatte. Bei einem Amtsenthebungsreferendum können die Bürger eines Staates in allgemeiner, freier und geheimer Abstimmung entscheiden, ob ein bei allgemeinen Wahlen gewählter Amtsträger weiter regieren darf oder nicht.
Das von Morales-Mitarbeitern entworfene Gesetz war in der Abgeordnetenkammer mit Mehrheit angenommen worden und hing dann im Senat fest, bis sich beim Autonomiereferendum von Santa Cruz 86 % der Wähler für die Autonomie des Departements aussprachen. Zwei Tage später holten die Senatoren von PODEMOS unbegreiflicherweise das Gesetz hervor und nickten es ab, ohne daran auch nur ein Komma zu ändern. Das Gesetz sieht vor, dass der Präsident und der Vizepräsident bzw. die Präfekten der Departements ihrer Ämter enthoben werden, wenn im Referendum mehr Wähler die gestellte Frage mit "Nein" beantworten, als bei den letzten Wahlen vom 18. Dezember 2005 für den betreffenden Amtsinhaber gestimmt haben.
Im Fall des Präsidenten und des Vizepräsidenten müssen die Wähler über folgende Frage abstimmen: Sind Sie damit einverstanden, dass der von Präsident Evo Morales Ayma und Vizepräsident Álvaro García Linera angeführte Reformprozesss fortgesetzt wird? Wenn dabei über 53,74% der Wähler und mehr als 1.544.374 der Wähler mit Nein stimmen, werden beide Mandatsträger ihres Amtes enthoben.
Zu den Präfekten lautet die Frage: Sind Sie mit der Fortsetzung der Politik, der Maßnahmen und der Amtsführung des Departementspräfekten einverstanden? Dabei müssen die Präfekten prozentual jeweils mindestens so viel Ja-Stimmen erreichen wie bei den letzten Präfektenwahlen 2005. So müssten zum Beispiel im Departement La Paz mehr als 37,988% der Wähler mit "Nein" stimmen, um den derzeitigen Präfekten seines Amtes zu entheben. Laut Gesetz muss dann der bolivianische Präsident den neuen Präfekten einsetzen. Das bedeutet aber auch, dass der Präfekt des Departements La Paz abgesetzt werden kann, obwohl 62,011% der Wähler mit der Politik, den Maßnahmen und der Amtsführung des Präfekten einverstanden sind.
...


(Der vollständige Artikel ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)


Autonomie von rechts
Von radikaleren linken Kreisen als reformerisch und wenig revolutionär gescholten, von Konservativen als autoritär, populistisch und indianistisch gebrandmarkt, lässt sich die von der Regierung Morales auf liberaldemokratischem Wege beschrittene Neugründung Boliviens vielmehr als den gewaltlosen Versuch einer tiefgreifenden Veränderung der bis dato kolonial tradierten innergesellschaftlichen Macht- und Besitzverhältnisse sowie der asymmetrischen wirtschaftlichen und politischen Außenbeziehungen beschreiben. Angesichts der historischen Tragweite und Komplexität des aktuellen Transformationsprozesses ist der Grad der aktuellen innergesellschaftlichen Konflikte hoch, aber keineswegs überraschend. Einen erschreckenden und menschenverachtenden Höhepunkt der Konflikteskalationen stellen die gewalttätigen, rassistischen Übergriffe und öffentlichen Demütigungen indigener Landbevölkerung und MAS-AnhängerInnen am 24.Mai 2008 in Sucre dar.
Politisch sieht sich die Regierung Morales mit den Abstimmungserfolgen der verfassungswidrig durchgeführten Autonomiereferenden in den vier östlichen Tieflandregionen konfrontiert. Und derzeitig versucht die Opposition, das auf ihre Initiative hin am 12. Mai 2008 verabschiedete Gesetz zum Abwahlreferendum, welches am 10. August 2008 stattfinden soll, zwischenzeitlich wieder zurückzunehmen bzw. zugunsten der Präfekten zu modifizieren. Interessanterweise werden im Zuge des Abwahlreferendums erstmals Risse in der gemeinsamen Front der Opposition sichtbar, welche die Regierung sich unter Umständen zunutze machen könnte.
Schwierig ist, dass das Regierungslager des MAS in sich extrem heterogen ist und alle hier versammelten Gruppen spezifische Interessen und Zukunftsvision vertreten. Aber die zentrale Bastion des Widerstandes gegen die Regierung und ihre Reformen bilden nach wie vor die Großgrundbesitzer- und Unternehmereliten im flächenstärksten und reichsten Department Santa Cruz. Und Santa Cruz übernahm auch die Vorreiterrolle bei der Durchsetzung der - auch international - kritisierten illegalen Autonomiereferenden. Laut dem Endergebnis des regionalen Wahlgerichtshofes (Corte Departamental Electoral) nahmen hier 62,09% (552.575) der 936.163 im WählerInnenverzeichnis registrierten cruceños/as an der Abstimmung über das regionale Autonomiestatut, welches ohne demokratische Beteiligung der Bevölkerung zustande kam, teil. Das Autonomiestatut sichert der Regionsregierung weitreichende Kompetenzen in den Bereichen Steuern, Erziehung und Bildung, Polizei sowie bei der Kontrolle über die Landvergabe und die Bodenschätze. Von den WählerInnen stimmten 85,6% (477.872) für die Annahme des Autonomiestatus, 14,4% (80.380) dagegen und knapp 4% (21.261) stimmten ungültig oder enthielten sich. Der Anteil der NichtwählerInnen entsprach somit 37,91%.

...

(Der vollständige Artikel ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)


Großes deutsches Interesse am Aufbruch zur neuen Verfassung
Vize-Präsident der Verfassungsgebenden Versammlung in Berlin - Internationale Schlichter gefordert
In zwei dicht aufeinander folgenden öffentlichen Veranstaltungen (25. / 26. Juni 2008) wurde in Berlin der Aufbruch zur neuen Bolivien-Verfassung analysiert. Dabei zeugten sowohl die Anhörung der Fraktion "Die Linke" im Deutschen Bundestag mit mehr als 60 Teilnehmern im Berliner Jakob-Kaiser-Haus als auch die Podiumsdiskussion der "Gesellschaft für bedrohte Völker" (GfbV) im Berliner Rathaus mit ebenfalls mehr als 30 Anwesenden vom beachtlichen deutschen Interesse an der politischen Entwicklung in dem Andenland. Im Mittelpunkt beider Termine standen die überaus fachkundigen Ausführungen des Vize-Präsidenten der Verfassungsgebenden Versammlung, Professor Dr. Roberto Aguilar. Ziel der Anhörung der Fraktion "Die Linke": deutsche politische Handlungsfelder auszumachen. Die GfbV verfolgt bereits einen ersten konkreten Ansatz und fordert die Entsendung internationaler Konfliktschlichter. Die anwesenden Mitglieder der Fraktion "Die Linke" waren sich einig, die Entwicklung in Bolivien relativ spät aufgegriffen zu haben. Parallelen sowie andererseits auch gewisse Unterschiede verliehen beiden Terminen ihre eigene Prägung.
Fundamentale Grundwerte und Eckpfeiler der Weltanschauung aus Sicht der indigenen Bevölkerung vermittelte jeweils zunächst der Botschafter Boliviens in Deutschland, S.E. Walter Prudencio Magne Veliz. Zentrale Perspektiven dieser Denkweisen seien in den Entwurf der Verfassung eingeflossen. Gut in Einheit mit der Erde leben, sei einer dieser essentiellen Ansätze. Ein weiteres Werte-Prinzip der indigenen Kultur: Nicht stehlen, nicht faul sein, nicht lügen. "Das sind indigene Basis-Elemente, die nirgends festgeschrieben sind. Doch jede Mutter bringt sie ihren Kindern bei", so der Botschafter. Auch Komplementarität zähle dazu: z.B. Mann - Frau, Berg - Tal. In Anlehnung an westliche klassische Staatstheorien ergänzte Magne Veliz: "Auf der Suche nach einer harmonischen Lebensweise mit der Natur versucht Präsident Evo Morales in dem Entwurf der Verfassung einen neuen sozialen Vertrag zu schließen."
...


(Der vollständige Artikel ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)

 


Angespannte Beziehungen zwischen Bolivien und den USA
Bolivien verlangt von den USA die Auslieferung des Ex-Präsidenten Gonzalo Sanchez de Lozada und zwei seiner damaligen Minister. Ihnen soll der Prozess wegen Völkermords im Oktober 2003 gemacht werden. Die USA haben die Auslieferung von Sanchez de Lozada, Ex-Verteidigungsminister Carlos Sanschez Berzain sowie Jorge Berindoague abgelehnt und ihren Anträgen auf Asyl stattgegeben.
Was war geschehen: Im Oktober 2003 musste Sanchez de Lozada nach zahlreichen Protesten und gewalttätigen Unruhen, bei denen es ursprünglich um den Export von Gas ging, als Präsident Boliviens zurücktreten. Bei den über Wochen anhaltenden Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei bzw. Armee starben insgesamt 60 Menschen, Hunderte wurden verletzt. Unmittelbar nach dem Rücktritt der Regierung setzten sich der Präsident und seine Minister in die USA ab. Andere Mitglieder der Regierung von Sanchez de Lozada ("Goni") flohen nach Mexiko.
Die Spannungen zwischen den USA und Bolivien um die Auslieferung Gonis eskalierten, als am 9. Juni dieses Jahres Hunderte von Menschen aus den regierungsnahen "Organizaciones Populares" versuchten, die Botschaft der USA in La Paz zu stürmen und anzuzünden. Erst im letzten Augenblick wurde dies durch die Polizei verhindert. Bei den Tumulten gab es viele Verletzte sowohl auf Seiten der Polizei als auch bei den Demonstranten. Die Mehrheit der Protestierer kam aus El Alto.
Überraschenderweise wurde kurze Zeit nach Beendigung der Ausschreitungen der Polizeichef von La Paz, Colonel Victor Hugo Escobar, entlassen. Er hatte den Befehl erteilt, die Demonstranten an der Verwüstung der US-Botschaft zu hindern. Die USA riefen ihren Botschafter zur Berichterstattung zurück und beklagten, dass Bolivien sich nicht an die Wiener Konvention für den Schutz von diplomatischen Einrichtungen halte. Dadurch seien in Bolivien lebende US-Bürger und andere Angestellte der Botschaft in Gefahr.
...

(Der vollständige Artikel ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)