|
Mission erfüllt?
Der neue Verfassungsentwurf lässt mehr Fragen offen als er beantwortet
Kein guter Anfang
Nach einer Auszeit von mehreren Wochen und angesichts der gespannten Lage
in der Stadt Sucre, wo die Forderung nach der Verlegung der Staatsgewalten
wiederholt zu gewalttätigen Ausschreitungen seitens ihrer Vertreter
geführt hatten, wechselte die Verfassungsgebende Versammlung (Asamblea
Constituyente, AC) ihren Tagungsort. Am 24. November kamen die Abgeordneten
der MAS und ihre Verbündeten in der, vor der Stadt neben dem Schloss
Glorieta gelegenen, Militärschule "Teniente Edmundo Andrade"
zusammen. Ohne die Anwesenheit der oppositionellen Gruppierungen und bewacht
von einem massiven Aufgebot an Polizei und Militär, wurde dort im
Schnelldurchlauf die neue Verfassung en Gros, d.h. ihr inhaltlicher Aufbau,
verabschiedet.
Währenddessen erlebte die Kleinstadt Sucre Szenen, die in ihrer langen
Geschichte bislang einmalig sein dürften - und es hoffentlich auch
bleiben. Mit dem Zusammentritt des Plenums in der Militärakademie,
das die Verhandlung des vollen Hauptstadtstatus für Sucre nach wie
vor verweigerte, kam es zu Demonstrationen, die später in massiven
Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften endeten. Aufgebrachte
Demonstranten zogen zur Akademie und belagerten das Gebäude, um die
Abgeordneten zur Beendigung der Sitzung zu zwingen.
Nachdem die Verfassung verabschiedet worden war und die Delegierten angesichts
der Belagerung auf Schleichwegen evakuiert werden mussten, versank Sucre
in einem Strudel der Hysterie. Insgesamt drei Menschen verloren in den
Ausschreitungen ihr Leben: zwei Demonstranten, beide von bislang unbekannten
Tätern erschossen und ein Polizist, der von einer aufgebrachten Mengen
gelyncht wurde. Mit den Toten radikalisierten sich die Proteste. Vor allem
randalierende Studentengruppen zerstörten staatliche Gebäude
und Einrichtungen der Polizei. Als die Aggressivität der Demonstranten
ihren Höhepunkt erreichte, sahen sich selbst die Sicherheitskräfte
gezwungen, die Stadt zu verlassen und sich selbst zu überlassen.
Nur langsam kehrte in den Tagen danach die Ruhe wieder zurück.
...
(Der vollständige Artikel ist in
der aktuellen Ausgabe zu lesen.)
Dezentralisierung
Boliviens und "soziale Kontrolle"
Ethnisch bestimmte Neugestaltung von Staat und Recht durch die neue Verfassung
Der am 24. November 2007 mit den Stimmen der MAS und seiner Anhänger
verabschiedete über 100 Seiten und 408 Artikel umfassende Entwurf
für eine neue bolivianische Verfassung enthält einige für
das bisherige, stark europäisch geprägte Rechtsverständnis
auffällige Neuerungen. War Bolivien zuvor in vier Ebenen - Zentralstaat,
Departements, Provinzen und Gemeinden - unterteilt, so ist dieser Struktur
durch die Ermöglichung der Bildung von "Regionen" noch
eine weitere Einheit hinzugefügt worden. Diese ist nicht wirklich
eine neue ("fünfte") Ebene, sondern steht - hierarchisch
gesehen - neben den Provinzen, und könnte diese auf die Dauer verdrängen
(siehe Bolivia 149, S.6f). Auch die bolivianische Rechtsprechung als Dritte
Gewalt des Staates bekommt durch die schlichte Anerkennung der herkömmlichen
indigenen Gerichtsbarkeit mit ihren ureigenen Normen und Verfahren ein
"konkurrierendes" Rechtssystem an ihrer Seite. So kommen zusätzliche
Aufgaben an das komplizierter werdende Rechtssystem zu. Auch das verfassungsrechtliche
Konzept "sozialer Kontrolle" enthält Unwägbarkeiten.
Mit den neuen, verfassungsrechtlich komplizierten, vielleicht gar nicht
praxistauglichen Verhältnissen könnten weitere Reibungen und
Konflikte auf allen Ebenen des politischen Lebens sowie im Bereich der
Schaffung und der Auslegung von Recht entstehen.
Indigene Autonomie und die Neugestaltung Boliviens von unten
Die Absicht des MAS, von der Basis des Landes her politische Einheiten
mit indigener Selbstbestimmung zu schaffen, kommt im vorliegenden Entfassungsentwurf
vom 24.11.2007 klar zum Ausdruck. In Artikel 30 heißt es definitorisch:
"Indigene originäre bäuerliche Nation und Volk ist die
ganze menschliche Kollektivität, welche kulturelle Identität,
Sprache, historische Tradition, Institutionen, Territorialität und
Kosmovision teilt, deren Existenz älter als die spanische Kolonie
ist." Hinter allen Grundentscheidungen der Verfassunggebenden Versammlung
steht also die Absicht, der indigenen Bevölkerung einen ihrer historischen
Bedeutung und ihrer großen Zahl angemessenen Zugriff auf die politisch-rechtliche
Gestaltung Boliviens zu ermöglichen.
Artikel 268 bestimmt: Bolivien wird hinsichtlich seines Territoriums in
Departements, Provinzen, Gemeinden und indigene Territorien eingeteilt.
Die (neu zu bildenden) "Regionen" bilden einen Teil der territorialen
Organisation, wie sie die Verfassung und das Gesetz vorschreibt. Dabei
geschieht die Schaffung, Änderung und Begrenzung der territorialen
Einheiten durch den demokratischen Willen ihrer Einwohner.
...
(Der vollständige Artikel
ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)
Ein
Dorn im Auge
In ganz Bolivien behandeln zurzeit kubanische Augenärzte kostenlos
die Menschen. Einige Bolivianer finden das gar nicht gut.
Seit vielen Stunden schon stehen die alten Frauen vor der Klinik in Alto
Cochabamba, einem Vorort am Hang der Stadt, in dem die Häuser aus
Lehm, die Straßen nicht asphaltiert sind. Wortlos und hoffnungsvoll
warten sie darauf, von den kubanischen Augenfachleuten, die jetzt im
Land sind, behandelt zu werden - kostenlos. Hier in Alto Cochabamba werden
die Patienten zunächst untersucht. Für eine Operation müssen
sie in die 160 Kilometer entfernte Augeklinik von Villa Tunari fahren,
die jetzt mit Hilfe Kubas und Venezuelas eröffnet wurde. Unter den
Wartenden ist auch Prisca Lopez, 74 Jahre alt. Sie trägt geflochtene,
lange Zöpfe und eine pollera, den typischen, weiten Rock der Cholitas.
Prisca ist Hunderte von Kilometern aus ihrem Dorf in der Provinz von Cochabamba
angereist, um ihre Augen untersuchen zu lassen. Seit etwa vier Jahren
sieht sie immer verschwommener, mitunter fast gar nichts mehr. "Meine
Tochter sagt, dass ich vielleicht den Grauen Star habe. Da kann man nichts
machen, habe ich gedacht, dann werde ich wohl blind auf dem Feld arbeiten
müssen", sagt Prisca López in gebrochenem Spanisch. Eine
Augenoperation kam jedenfalls für sie bisher nicht infrage, denn
der Eingriff kostet in einer der Privatkliniken Boliviens bis zu 2000
Dollar. Für Prisca López, wie für die meisten Bolivianer,
ist neues Augenlicht daher unerschwinglich.
Die Behandlung der kubanischen Augenärzte hat einen Namen: "Operación
Milagro" (Operation Wunder). Es ist ein Angebot der kubanischen Regierung.
Venezuela sichert die Finanzierung. Doch nicht alle Bolivianer sehen die
kubanischen Fachleute in ihrem Land gerne. Der "Service" sorgt
sogar für starke Polemik. Es handele sich bei den Kubanern im Land
gar nicht um Fachleute, lautet einer der Vorwürfe. Viele hätten
gerade mal die Universität abgeschlossen und dürften offiziell
noch gar nicht behandeln, geschweige denn operieren "Wir sind ihre
Versuchskaninchen", so die Befürchtung. Jeden Tag tauchen neue
Horrormeldungen auf. Als in Sucre eine Frau nach einer Operation aus ungeklärter
Ursache stirbt, geben manche sogar dem kubanischen Arzt die Schuld daran.
Dass er die Patientin gar nicht selbst behandelt hat, wie sich kurz nach
dem Vorfall herausstellt, interessiert da schon niemanden mehr.
...
(Der vollständige Artikel
ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)
Politische
Transformation in Bolivien
Die Diskussion nach der Bestandsaufnahme bei der 25-Jahrfeier von SAGO
Bolivia
Zwei Vorträge standen im Mittelpunkt der Jubiläumsveranstaltung
zum 25-jährigen Bestehen der Bolivien-Berichterstattung aus Berlin
am 23. November 2007 im Mehringhof der Metropole. Vor fast 50 interessierten
Freunden dieses südamerikanischen Landes und in Anwesenheit des Bolivien-Botschafters
Walter Prudencio Magne Veliz referierte Dr. Juliane Stroebele-Gregor über
"Zwei Jahre MAS an der Regierung - Herausforderungen und Hindernisse".
Bettina Schorr's Beitrag hatte das Thema: "Der Verfassung gebende
Prozess - Einberufung, Verlauf, gegenwärtiger Stand". Beide
Aspekte der aktuellen politischen Transformation Boliviens hat SAGO mit
den wesentlichen Ereignissen in seinen jüngeren Ausgaben vorgestellt.
Den Referaten folgte in der Moderation des Journalisten Horst Engelhardt
eine aufschlussreiche Diskussion zu diversen Komplexen. Diese wird an
dieser Stelle weitgehend im Wortlaut wiedergegeben.
Frage: Wie viele unterschiedliche Volksgruppen oder Ethnien gibt
es? Angegeben sind 36.
Stroebele-Gregor: Im Hochland sind es letztlich drei sprachliche
Gruppierungen. Alles andere ist Tiefland. Nun kann man das noch einmal
unterteilen in die verschiedenen Gruppierungen: Die Aymara- und die Quechua-Sprachigen.
Bis vor kurzem war von 34 die Rede. Das sind zum großen Teil indigene
Völker des Tieflandes.
Schorr: Wobei man hinzufügen muss, dass es zum Teil ganz kleine
Volksgruppen gibt, neben den beiden großen der Quechua und Aymara.
...
(Der vollständige Artikel ist in
der aktuellen Ausgabe zu lesen.)
Bolivien
neu gründen, um gut zu leben
Donnerstagsgespräch der deutschen Kirchen zur Armutsbekämpfung
Die Ansätze zur grundlegenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen
Neuordnung Boliviens unter Präsident Evo Morales fanden weitgehend
Zustimmung bei einer Podiumsdiskussion der "Gemeinsamen Konferenz
Kirche und Entwicklung" (GKKE). Im Berliner Haus der Katholischen
Akademie erörterten Ende Oktober 2007 im Rahmen der Donnerstagsgespräche
zur Armutsbekämpfung Experten vor einem interessierten Publikum
mit rund 100 Teilnehmern die aktuelle Entwicklung in dem Andenland. Dabei
warb insbesondere Boliviens Botschafter Walter Prudencio Magne Veliz als
kompetenter Interpret der Morales-Politik um Verständnis für
angestrebte völlig neue Strukturen und beträchtliche Änderungen
in der Verfassung seines Landes. Das erwünschte Ziel: die bisher
benachteiligten Lebenschancen der indigenen Bevölkerungsmehrheit
überwinden. Die programmatische Vorgabe dazu lautet: "Refundar
Bolivia para vivir bien".
...
(Der vollständige Artikel
ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)
|