Bolivia Nr. 148
November 2006 - Januar 2007
(52 Seiten, erschienen am 29.01.2007)

Inhalt
- Constituyente: Herrschaft der Mehrheit oder Veto der Minderheit?
- Überlegungen und Fragen zum Regierungsstil von Evo Morales
- Boliviens "Zweite Agrarrevolution"
- Die Verstaatlichung der bolivianischen Erdöl- und Erdgasvorkommen ist nach fast einem Jahr abgeschlossen
- Land unter, wenn das Christkind kommt
- Visa für US-Amerikaner sorgt für Aufregung
- Tiwanaku: Förderprojekt der Kultur oder nur Mittel zum Zweck aktueller Politik?
- Vizepräsident Álvaro García Linera in Bonn
- 40 Jahre DED in Bolivien
- Andine Textilkunst als Ausdruck der kulturellen Identität

 

 

Auszüge aus den Beiträgen

 

Constituyente: Herrschaft der Mehrheit oder Veto der Minderheit?

Bolivien scheint erneut im Chaos zu versinken: Hungerstreiks, Massendemonstrationen, Märsche und gewalttätige Auseinandersetzungen mit mehreren Toten erschütterten das Land in den vergangenen Wochen. Inmitten dieses Panoramas flattert die immer noch beschlussunfähige, zerstrittene und fremd gesteuerte Verfassungsgebende Versammlung (Asamblea Constituyente, AC) wie ein Fähnchen im Wind. Die erste Hälfte ihres institutionellen Lebens hat die Constituyente bereits ergebnislos hinter sich gebracht hat. Die inhaltliche Arbeit hat noch nicht einmal begonnen. Nach den vergangenen Wochen des Straßenprotestes von Regierungsgegner- und anhängern scheint die Versammlung nun vor der letzten Chance zu stehen, ihrer Mission gerecht zu werden und dem Land eine neue Verfassung zu geben. Es bleiben hierzu noch etwa 150 Tage.
2/3 sind Demokratie
Die Abgeordneten der Verfassungsgebenden Versammlung konnten in der Frage des Entscheidungsmechanismus immer noch keine Einigung erzielen. Nach wie vor stehen sich die Position der Regierungspartei MAS, die Entscheidungen nach der absoluten Mehrheit favorisiert, und die der Opposition, die eine zwei Drittel Mehrheit gültig sehen will, unversöhnlich gegenüber. Nach wiederholten ergebnislosen Verhandlungsläufen mit den Oppositionsparteien, verhängte die MAS-Fraktion Mitte November kurzerhand eine Frist, nach deren Ablauf sie die absolute Mehrheit im Alleingang beschließen wollte.
Erbost über dieses Verhalten rief Samuel Doria Medina, Chef von UN, der drittgrößten Partei in der Versammlung, zu einem Hungerstreik auf. Zunächst mit nur mäßigem Erfolg: bereits am Tag danach beschloss der MAS, in einer Sitzung, an der die Opposition aus Protest nicht teilnahm, die absolute Mehrheit.

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Überlegungen und Fragen zum Regierungsstil von Evo Morales

Evo Morales ist mit Hilfe einer sozialen Bewegung an die Macht gekommen, die aus der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Krise im Land hervorgegangen ist. Die traditionelle politische Klasse in Bolivien wollte die Probleme auf ihre Art und Weise unter Missachtung der Realität lösen, womit sie selbst zum Problem wurde. In der Folge brachte die soziale Indígena-Bewegung berechtigterweise Evo Morales an die Macht. Dieser erklärte nach seinem Triumph: "Dank der Volksbewegung, dank der bolivianischen Indígenabewegung bin ich da, wo ich bin". Diese neue soziale Bewegung, die im Laufe eines langen historischen Prozesses entstanden war, empfing ihn mit neuen Hoffnungen, mit Erwartungen, mit Jubel.
Nun sind zehn Regierungsmonate vergangen - zu wenig, um eine gründliche Bilanz des komplexen politischen Prozesses in Bolivien zu ziehen. Dennoch können im Lichte einzelner Ereignisse gewisse Aspekte des politischen Geschehens diskutiert und einige Fragen formuliert werden, die von der MAS-Regierung noch nicht eindeutig beantwortet worden sind.
Eine Errungenschaft ist die Verfassunggebende Versammlung, sie gibt aber auch Anlass zur Sorge. Die Wahl der Verfassunggebenden Versammlung, wo Verschiedene als Gleichberechtigte zusammengekommen sind (zumindest war das die Absicht), ist ohne Zweifel der Regierung von Evo Morales und dem MAS zu verdanken. Bleiben wir bei den Absichtserklärungen vom 6. August 2006. An diesem Tag erklärte Evo Morales, die Constituyente sei "ein Instrument zur juristischen Neuordnung, um unter den Bedingungen von Gleichheit und Gleichberechtigung Bolivien zu verändern". Vizepräsident García Linera bekräftigte, dass "sowohl das Gesicht des Aymara, das des Quechua, das des Mestizen sowie des Sirionó usw." vertreten seien. Mit anderen Worten, die Verfassunggebende Versammlung wurde geschaffen, um die tiefgreifenden Veränderungen im Lande zu kanalisieren. Ziel ist die Erarbeitung einer demokratischen Verfassung für alle Bolivianer, in der alle Bürgerrechte ohne Ausgrenzung und Diskriminierung anerkannt sein sollen.

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Boliviens "Zweite Agrarrevolution"

Nach langen Jahren der politischen Unruhen um die rechte Verteilung und Nutzung des Bodens, nach monatelangem heftigem Streit im Kongress um die Kernpunkte der Agrarreform sowie dem wohlinszenierten Aufbau einer politisch-symbolischen Druckkulisse außerhalb des Parlaments gelang es schließlich Ende November 2006, das neue Gesetz "3545" im Kongress durchzubringen. Mit der Verabschiedung des neuen Agrarreformgesetzes hat die Regierung Morales eines ihrer wichtigsten Ziele - neben denen der Reform der Verfassung sowie der Energie- und der Schulpolitik - erreicht. Damit ist auch das alte Agrarreformgesetz von 1996, das zudem nie ganz umgesetzt war, überholt. Das große Agrobusiness im Tiefland wird in seinem Kern nicht angetastet, wenn es seine Produktivität nachweist und sich gegenüber den neuen Bestimmungen loyal verhält. Enteignung wegen Missbrauchs oder fehlender ökonomisch-sozialer Funktion (die auch eine klare ökologische Komponente enthält) von Ländereien, aber auch zugunsten bisher vernachlässigter Gruppen (indigene Gemeinschaften, Siedler) sind nun möglich. Bodenspekulation dürfte bald der Geschichte angehören. Das neu zugeteilte Land soll kollektiv bewirtschaftet werden. Bei der Feststellung der produktiven Verwendung des Bodens sind auch die Vertreter der sozialen Organisationen in die Aktivitäten der Agrarreformbehörde INRA eingebunden.
Die Landfrage seit der Revolution von 1952
Zwar erfüllte die Revolution der 50er Jahre ihr Ziel, und Indigene und Bauern im Hochland erhielten ihr Land zurück, sie beseitigte jedoch nicht die Armut oder wappnete sie für die darauf folgende Entwicklung. Bevölkerungswachstum und Erbfolge führten zur immer weiteren Aufteilung der Böden, die heute an die Grenzen ihrer Tragfähigkeit stoßen oder diese schon längst überschritten haben. Dies vermerkt Britta Horstmann in ihrer knappen und treffenden Analyse der historischen und gegenwärtigen Situation in Schlüssel Info Nr. 08 / 2006, von der wir im ersten und im letzten Teil dieses Artikels Gebrauch machen. Im Altiplano und den Bergregionen über 2500m leben heute ungefähr doppelt so viele Menschen auf dem Land wie vor 50 Jahren. Die in den letzten Jahrzehnten einsetzenden Abwanderungen der Hochlandbauern führten bzw. führen diese u.a. in das bolivianische Tiefland, wo die Nachfrage nach Land und neue Ansiedlungen immer wieder Konflikte hervorrufen.[s.a. BOL 135 (Juli - Okt. 2003) S. 38-45, bes. S. 40 ff.] Im Tiefland liegt das Land im Gegensatz zum Hochland in den Händen weniger Großgrundbesitzer. Die Bildung des Großgrundbesitzes wurde unter anderem während der Militärdiktaturen durch die Vergabe von Land für politische Treue und Gefälligkeiten gefördert.

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Die Verstaatlichung der bolivianischen Erdöl- und Erdgasvorkommen ist nach fast einem Jahr abgeschlossen

Evo Morales hat eines seiner zentralen Ziele erreicht. Ende Oktober 2006 wurde die Re-Nationalisierung der bolivianischen Erdöl- und Gasvorkommen endgültig vollzogen. Nach langen Verhandlungen haben alle in Bolivien tätigen internationalen Energiekonzernen die Verträge über die Neuregelung des bolivianischen Energiesektors akzeptiert. Vorausgegangen wären zähe Verhandlungen. Im Mai hatte Evo Morales ein 180 Tage währendes Ultimatum gestellt. Innerhalb dieser Frist hatten die Konzerne den neuen Verträgen zuzustimmen, oder aber das Land zu verlassen. Nachdem sich die Konzerne lange gegen die Unterzeichnung gesträubt und mit dem Abzug aus Bolivien gedroht hatten, lenkten sie letztlich ein. Petrobras Bolivia, Petrobras Energia, RepsolYPF, Andina, British Gas, Chaco, Matpetrol, Pluspetrol, Total und Vintage haben die Verträge unterzeichnet.
Am 1. Mai 2006, nur knapp 6 Monaten nach seiner Amtsübernahme, hatte Evo Morales die Nationalisierung der bolivianischen Erdöl- und Ergasvorkommen verkündet und diesem Beschluss mit der Entsendung von Truppen in die Förderfelder medienwirksam Nachdruck verliehen. Nunmehr ist dieser Beschluss durch konkrete Verträge auf eine legale Grundlage gestellt worden.

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Land unter, wenn das Christkind kommt

Heftige Niederschläge und Dürren in Bolivien sorgen für Chaos. Straßen sind zerstört, Flüsse sind über ihre Ufer getreten und heftige Hagelschauer zerstören die Ackerböden. Viele Menschen haben ihre Ernte und z.T. sogar ihr zu Hause verloren. Aber auch die bolivianischen Gletscher schreien um Hilfe - Wissenschaftler geben ihnen allerdings nur noch 10 bis 20 Jahre.
In einem bekannten Weihnachtslied heißt es: "Alle Jahre wieder, kommt das Christus Kind. Auf die Erde nieder wo wir Menschen sind". Von dem Christkind ist aber nicht nur in Liedern und der Bibel die Rede, sondern auch in der Klimatologie. "El Niño", übersetzt das Christkind, heißt das klimatologische Phänomen, welches seit ca. 150 Jahren, in Abständen von zwischen zwei und sieben Jahren, immer um die Weihnachtszeit auftritt.
In normalen Jahren befindet sich über Indonesien ein Tiefdruckgebiet und über dem Pazifik an der Westküste Südamerikas ein Hochdruckgebiet. Da zwischen den beiden Regionen starke Luftdruckunterschiede bestehen, strömt die Luft von Indonesien nach Südamerika und beeinflusst auch die Meeresströmungen, so dass der Meeresspiegel in Indonesien ca. 60 cm niedriger als vor der Westküste Südamerikas liegt. Diese Strömung bringt kaltes, nährstoffreiches Wasser mit sich, die auch für die großen Fischschwärme vor beispielsweise Peru verantwortlich sind, da sie für die Fische eine geeignete Ernährungsquelle darstellen. In sogenannten "El Niño - Jahren" ist der Luftdruckunterschied nicht so stark wie üblicherweise, da sich über Indonesien ein Hochdruckgebiet gebildet hat, so dass auch die Strömung von Indonesien nach Südamerika abgeschwächt ist. Das der Westküste Südamerikas vorgelagerte Subtropenhoch, welches gegen den Uhrzeigersinn rotiert, ist ebenfalls nur schwach vorhanden, so dass auch der küstenparallele, von Süden kommende Humboldtstrom an Energie verliert. Es bildet sich in der Äquatorregion ein, sich mit dem Uhrzeigersinn drehendes Tiefdruckgebiet aus. Dies bewirkt, dass wärmeres Wasser von Norden nach Süden der Südamerikanischenküste entlang strömen kann. Durch das so warme Oberflächenwasser, verdunstet mehr Wasser und gelangt in Form von Wasserdampf in die Atmosphäre, so dass es zu starken Niederschlägen im Westen Südamerikas kommen kann. Eben diese klimatische abnorme Situation ist im Dezember 2006 wieder aufgetreten und hält bis in die ersten Monate des neuen Jahres an.

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