Bolivia Nr. 147
August - Oktober 2006
(48 Seiten, erschienen am 24.10.2006)

Inhalt
Polarisiert und entscheidungsunfähig:
  Schlechter Start für die Verfassungsgebende Versammlung

Der lange Marsch hin zu größerer Souveränität
  Zur Außen- und Sicherheitspolitik Boliviens unter Evo Morales

Der Streit um den Berg Posokoni eskaliert - zahlreiche Tote und Verletzte unter den Minenarbeiter
Wie steht es um die Verstaatlichung der Kohlenwasserstoffe?
In einer Zwangsehe mit Brasilien
- Casimira Rodríguez Romero - eine Ministerin mit Persönlichkeit
- Exportschlager Soja - Zurück zum konventionellen Anbau?
- Hip-Hop in El Alto: Massenphänomen oder kultureller Ausdruck?
- Cecilio Guzmán de Rojas - der erste Indigena-Maler Boliviens
- Die GTZ in Bolivien
- "Santa Cruz - Notizen aus einem ganz anderen Land Bolivien"
- Die Wiphala
- Leserbriefe
- Bolivia - Hochlandkaffee direkt vom Erzeuger

 

 

Auszüge aus den Beiträgen

 

Polarisiert und entscheidungsunfähig: Schlechter Start für die Verfassungsgebende Versammlung

Als die Verfassungsgebende Versammlung mit viel Aufsehen und großer Symbolik am sechsten August in Sucre zusammentrat, hätte man meinen können, dass alles bald anders wird in Bolivien. Der Umzug der verschiedenen Ethnien des Landes, der am Nachmittag des bolivianischen Nationalfeiertags die Straßen Sucres füllte, führte das angestrebte "neue Bolivien" deutlich vor Augen, vor allem in Gestalt der Tieflandvölker, die zum ersten Mal überhaupt im öffentlichen Raum des Landes sichtbar wurden. Euphorie war zu spüren, die Delegationen wurden von der sucrenser Bevölkerung begeistert willkommen geheißen. Man fühlte sich bolivianisch. Durch und durch.
Dass die Hochstimmung in dieser Reinform nicht anhalten würde, war vermutlich jedem klar. Dass die Versammlung sich aber schon so bald als beschlussunfähig erweisen würde, vermutlich nicht. Nach über siebzig Tagen "Arbeit" hat sie nicht einmal ein internes Reglement zustande gebracht. Mit verheerenden Folgen: ein weiteres Mal verlagerte sich auf diese Weise ein politischer Konflikt auf die Straßen des schwer polarisierten Landes. Erst nach mehreren besorgniserregenden und kritischen Tagen scheint die Constituyente langsam aus ihrer Starre zu erwachen und ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Doch bleibt die Situation weiterhin prekär.

Entscheidungsregel und Kompetenzen
Vor allem zwei große Fragen beherrschten die Diskussionen im Plenum der Versammlung von Anbeginn: die Ausgestaltung des internen Reglements und ihr Charakter. Als besonders brisant gestaltete sich im ersten Falle die Frage der Entscheidungsregel. Hintergrund dieser Diskussion war eine "Neuinterpretation" des Gesetzes zur Einberufung der Constituyente, nach dem Entscheidungen mit Zweidrittelmehrheit zu treffen sind, durch die zahlenmäßig am stärksten vertretene MAS Fraktion. Der MAS forderte, dass im Sinne einer zügigen Arbeit Entscheidungen mit einfacher Mehrheit (50+1, mindestens 128 Abgeordnete) gefasst werden. Nur der endgültige Text der neuen Verfassung solle mit Zweidritteln der Stimme angenommen werden müssen. Eine überaus verständliche "Neuinterpretation", wenn man bedenkt, dass der MAS in diesem Falle mit seinen 137 Abgeordneten die Versammlung kontrollieren könnte.

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(Der vollständige Artikel ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)


Der lange Marsch hin zu größerer Souveränität
Zur Außen- und Sicherheitspolitik Boliviens unter Evo Morales


Deklaration über die Rechte der indigenen Völker
Nach 21 Jahren intensiver Arbeit und zäher Verhandlungen entschied die UNO im Juni 2006 in Genf die Verabschiedung einer Deklaration über die Rechte der indigenen Völker. Einige wichtige Bestimmungen des 45 Artikel umfassenden Dokuments seien hier erwähnt: Die indigenen Völker haben das Recht, ihre eigenen politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Besonderheiten ebenso wie ihre Rechtssysteme zu bewahren und zu stärken. Dabei dürfen sie gleichzeitig ihre Rechte auf volle Teilhabe am Leben ihres Staates aufrecht erhalten. (Art. 4) Sie dürfen nie gegen ihren Willen oder ohne Entschädigung von ihrem Land vertrieben werden. (Art. 10) Sie haben das Recht auf Landbesitz und auf Institutionen für die Entwicklung und den Umgang mit ihren Ressourcen. Ihre Staaten müssen jede Einmischung oder widerrechtliche Besitznahme verhindern.(Art. 26) Sie haben das Recht, Prioritäten und Strategien für die Entwicklung und den Gebrauch ihrer Ländereien selbst zu erarbeiten und zu bestimmen; die Staaten müssen sie über einschlägige Projekte, die diese Rechte tangieren, vorher informieren und um Zustimmung bitten. (Art. 30) Der bolivianische Präsident Evo Morales, dessen Partei gleichartige Bestimmungen in die Verfassungsdebatte eingebracht hat (s. Artikel zur Constituyente in diesem Heft!), entschied sich, dieses Thema auch beim Gipfeltreffen der Blockfreien Staaten in Cuba und in die diesjährige Mitgliedervollversammlung der UNO Mitte September in New York vorzutragen.
Bei der Konferenz der blockfreien Staaten in Cuba verabschiedeten die Staatschefs von über 100 Nationen eine Resolution, in der sie das Recht Boliviens auf volle Souveränität über seine natürlichen Ressourcen zum Wohle seiner ganzen Bevölkerung betonten und darauf , einen alternativen Weg zu "freiem Handel" zu finden. Sie verurteilten jeden möglichen Versuch, gegen die bolivianische Regierung ein Komplott zu schmieden. Morales nutzte auch die Gelegenheit, von den USA die Auslieferung des Expräsidenten Sánchez de Lozada und zweier seiner Minister wegen der Anklage des Genozides zu fordern.
In seiner 15-minütigen ersten Rede vor der UN-Vollversammlung hob der bolivianische Staatschef das Recht der indigenen Bevölkerung auf ihre Kulturpflanze Koka hervor und sprach sich für einen gerechten Handel zwischen Bolivien, Europa und den USA aus. Es sei besser, wenn die USA und die EU aus Bolivien Produkte bekämen statt Migranten. Er forderte den Rückzug der Truppen aus dem Irak, denn auch dieser Krieg diene nur dem Raub von Ressourcen. Damit erntete er großen Beifall. Auch hier forderte er die USA zur Auslieferung von Sánchez und seiner Minister auf.

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(Der vollständige Artikel ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)


Der Streit um den Berg Posokoni eskaliert - zahlreiche Tote und Verletzte unter den Minenarbeiter

Erstmals seit dem Amtsantritt der indigenen Regierung kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Gruppierungen, die bislang zu den engsten Verbündeten von Evo Morales gezählt wurden. Bei den gewalttätigen Zusammenstößen zwischen den Arbeitern der staatlichen Minengesellschaft COMIBOL (Corporación Minera de Bolivia) und Mitgliedern der in der Mine Huanuni tätigen Genossenschaften am und um den Berg Posokoni wurden unter massiven Einsatz von Sprengstoff 16 Bergarbeiter getötet und 61 verletzt. Hintergrund des Konflikts sind ungeklärte Schürfrechte in der Mine. Nach längeren Verhandlungen haben nun jedoch der staatliche bolivianische Bergbaukonzern COMIBOL und Vertreter der Genossenschaften ein Friedensabkommen geschlossen und damit die zwei Tage währenden blutigen Auseinandersetzungen beendet. Wie lange der Frieden anhält bleibt angesichts des ungelösten Konflikts erst einmal abzuwarten.
Die Auseindersetzungen begannen bereits im Juni dieses Jahres, als insbesondere die lukrativeren tiefer gelegenen Bereiche der Mine per Dekret an COMIBOL übertragen wurden. Hierdurch fühlten sich viele der lokalen Bergarbeiter aus dem Dorf Huanuni (30 Kilometer entfernt von Oruro) benachteiligt, die in den näher zur Oberfläche gelegenen, jedoch weitaus weniger zinnhaltigen Schichten arbeiten müssen. Der Konflikt über die jeweiligen Schürfrechte in der Zinnmine spitzte sich zu, als rund 4.000 Genossenschaftsmitglieder versuchten, ihre Bohrungen in der Zinnmine deutlich auszudehnen und damit auf das von COMIBOL betriebene Territorium stießen.

Geschichtlicher Hintergrund
Nahe Villa Huanuni liegt der Berg Posokoni. In und um den Berg befindet sich die reichste Zinnmine des Landes. Nach Experteneinschätzungen könnten die Zinnreserven bei einer gemäßigten Produktion von 200 Kubikmetern pro Monat noch cirka 30 Jahre reichen. In Posokoni arbeiten derzeit 1.020 Arbeiter vom COMIBOL und etwa 4.000 Mineros der 4 Genossenschaften Playa Verde, La Salvadora, K'arazapato und Libres. Die Bergarbeiter von COMIBOL befürchten, dass die Genossenschaften, wenn sie unbeschränkt schürfen dürfen, den Berg in nur 2 Jahren ausbeuten und das ganze Dorf in Armut hinterlassen könnten. Der Präsident von COMIBOL, Antonio Revollo (mittlerweile ersetzt durch Hugo Miranda Rendon), erklärte, dass die staatliche Produktion monatlich ca. 360 bis 370 Tonnen beträgt, während die im Dachverband FENCOMIN (Federación de Cooperativas Mineras) zusammengeschlossenen Genossenschaften aus dem Berg 3.000 Tonnen im gleichen Zeitraum herausholten. Hintergrund des Kampf um die Schürfrechte ist der deutlich gestiegene Weltmarktpreis für Zinn. Vor zehn Jahren lag der Preis bei lediglich $ 2,80. Derzeit notiert das Pfund Zinn am Londoner Markt mit rund $ 3,95 etwa 70% höher.

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(Der vollständige Artikel ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)


Wie steht es um die Verstaatlichung der Kohlenwasserstoffe?

Vor einigen Tagen hielt sich Carlos Miranda, ehemaliger Minister für Energie und Superintendent für Kohlenwasserstoffe (bis 2002), in Berlin auf. Er war zusammen mit anderen Experten eingeladen worden, um über Energiepolitik in Lateinamerika, speziell in Bezug auf Kohlenwasserstoffe, vorzutragen und zu debattieren (s.a folgenden Artikel In einer Zwangsehe mit Brasilien). Er sagte, dass in Bolivien die Gasproduktion verstaatlicht wurde, nicht aber die Unternehmen, wie die Presse fälschlich behauptete, und dass niemand sich zu ängstigen bräuchte, da es keine gewaltsame Aktion war: Auch wenn Angehörige des Militärs präsent waren, blieb alles friedlich und es gab keinerlei Übergriffe gegen die ausländischen Firmen oder ihre Arbeiter.
Außerdem hob er die Bedeutung Boliviens als Eigentümerin enormer Gasreserven hervor, die in Form von Gas aus der Erde geholt werden können, im Unterschied zu Venezuela, wo es mit Erdöl vermischt auftaucht (was eine große Schwierigkeit für Venezuela darstellt, denn um eine größere Menge Gas zu erhalten, müssten große Mengen Erdöl gefördert und beide Bestandteile getrennt werden). Die Schwierigkeit des Erdgasexports besteht im Transport, da es im Unterschied zu Erdöl nur in Pipelines befördert werden kann, deren Bau sehr kostspielig ist. Er erwähnte, dass Bolivien im Vergleich mit den weltweiten Gasreserven nur ein Zwerg ist, sich aber in der südamerikanischen Region in einen Riesen verwandelt, da es seine Nachbarn für die nächsten 20 Jahre mit Erdgas versorgen kann, weshalb das Land bestrebt ist, Alleineigentümerin über die eigenen Naturressourcen zu sein.

Haben die "Verstaatlichungen" des vergangenen Jahrhunderts zu wirtschaftlichem Aufschwung geführt?
Die Rentenorientierung Boliviens ist die gleiche geblieben wie zuvor. Die gegenwärtige "dritte Verstaatlichung" (siehe Bolivia 146) scheint dies ebenfalls kaum zu verändern, sondern im Gegenteil zu verstärken. Nach der Analyse von Yesko Quiroga, Leiter des Büros der Friedrich Ebert Stiftung in Chile, zuvor in La Paz, beruht die bolivianische Wirtschaft auf einem Extraktionsmodell, das sich auf den Export von Rohstoffen spezialisiert hat. Heute wie früher bestehen die bolivianischen Exporte aus völlig unbearbeiteten Rohstoffen ohne jeglichen Mehrwert. An erster Stelle der Exporte stehen Gas und Erdöl, die fast die Hälfte aller Exporte insgesamt ausmachen, gefolgt von Metallen wie Zink, Silber und anderen, und an dritter Stelle Soja und Sonnenblumenöl. Die Exporte sind seit Ende der siebziger Jahre nicht bedeutend gestiegen, während in derselben Zeit andere Länder ihre verdoppelt oder verdreifacht haben, meint Quiroga.

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(Der vollständige Artikel ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)


In einer Zwangsehe mit Brasilien

Bolivien und Venezuela besitzen mit ihren großen Vorräten an Gas und Erdöl erhebliche energiepolitische Machtpotenziale, die sie zunehmend in Lateinamerika ausreizen. Während Bolivien dabei seine Nachbarländer im Fokus hat, möchte Venezuela den gesamten Kontinent einbeziehen. Diese Tendenz wurde bei einer Podiumsdiskussion der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung unter dem Titel "Energiepolitik in Lateinamerika - Integrationsmotor oder Konfliktherd" Ende September in Berlin erkennbar. Als Referenten vor einer beachtlichen Zahl an Zuhörern hatte die Stiftung eingeladen: Edgar Contreras Otálvora (Universidad Central de Venezuela), Carlos Mendoza Potellá (Berater des Präsidenten der Zentralbank von Venezuela), Dr. Luiz Pinguelli Rosa (Koordinator des Energie-Planungs-Programms COPPE/UFJR, Brasilien), Carlos Miranda Pacheco (Berater, ehemaliger Minister für Energie und Öl, Bolivien).
"Wir wollen mit allen lateinamerikanischen Ländern zusammen eine Pipeline bauen", gab Mendoza für Venezuela die Marschzahl vor. Aber auch Japaner oder Russen seien eingeladen, die Vorkommnisse zu nutzen, damit Venezuela nicht länger von angelsächsischen Beziehern abhängig sei. Bescheidener und auf das nähere Umfeld konzentriert zeigte sich der bolivianische Referent Miranda: "Wir haben sehr viel verfügbares Erdgas, um unsere Nachbarn zu beliefern". Erinnert wurde noch einmal an unterschiedlichen Transportverfahren. Erdöl könne man überall in die Welt hin exportieren, während Gas eben Rohre benötigt. Zugleich wurde offenbar, dass Bolivien mit seinen Rohstoff-Ressourcen praktisch konkurrenzlos ist. Venezuela verfügt zwar ebenfalls über Naturgas. Überlagert wird dies aber durch die gekoppelte Erdölproduktion.
Seit 1972 sei Bolivien Hauptlieferant von Gas an Argentinien, so Miranda. In Richtung Brasilien fließe diese Energie seit 1999. Nicht immer ganz ohne bilaterales Tauziehen um den Preis. So fuhr der Basilianer Pinguelli schweres Geschütz auf: "Flüssiges Gas können wir auch aus anderen Ländern importieren." Gleich darauf räumte er allerdings ein, dass Brasilien erhebliche Probleme hätte, wenn aus Bolivien kein Gas mehr kommt. Boliviens Ex-Energie-Minister beschwichtigte und verglich das Hick-Hack um den Preis mit einer Zwangsehe. Da gäbe es auch schon mal Streit, um dann wieder harmonisch in den Armen zu liegen. Miranda: "Wir haben eine lebenslange Ehe geschlossen."

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(Der vollständige Artikel ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)