Bolivia Nr. 146
Mai - Juli 2006
(56 Seiten, erschienen am 25.07.2006)

Inhalt
Nach der Wahl der Verfassunggebenden Versammlung
     Ergebnisse, Streitpunkte, Bündnisse und Strategien
Frischer Wind oder Sturmgefahr?
     Bolivien am Vorabend der Verfassungsgebenden Versammlung
Verstaatlichung durch neue Verträge
     Chancen und Risiken der Nationalisierung von Erdgas- und Erdölvorkommen
Bolivien auf der Suche nach dem neuen politischen Weg
Die neue Agrarreform in Bolivien
- Ethik statt Religion?
     Der Religionsunterricht im Streit um die Erneuerung der bolivianischen Bildung
- Bildungsreform - Für ein anderes Bolivien
- Regionalentwicklung durch Agrarkolonisation? Erfahrungen aus Bolivien
- Bolivianische Migranten - eine unendliche Geschichte
- Was hat Archäologie in Bolivien mit Öl zu tun?
- Bolivienpartnerschaft auf dem Katholikentag
- Reserva Eduardo Avaroa - Wunder der Natur
     Eine Region zwischen ökologischem Verfall und ökonomischem Wachstum
- Höchste Skipiste der Welt schmilzt dahin

 

 

Auszüge aus den Beiträgen

 

Nach der Wahl der Verfassunggebenden Versammlung
Ergebnisse, Streitpunkte, Bündnisse und Strategien

Die Ergebnisse
Der Präsident des Wahlgerichtshofes Corte Nacional Electoral, Salvador Romero, zeigte sich mit dem Ablauf und der Stimmbeteiligung zu den Wahlen zur Verfassungebenden Versammlung vom 2. Juli 2006 - gerade auch im Blick auf den internationalen Vergleich - sehr befriedigt: 85 % der Wahlberechtigten (Dez. 2005: 84,5 %) hatten sich an diesen Wahlen wieder beteiligt!
In diesen Wahlen ging der regierenden MAS als klarer Sieger hervor, auch wenn er das erstrebte Ziel einer Zweidrittelmehrheit (170 und mehr) deutlich verfehlte. Nach Auszählung von 99,7 % (am 6.7.) der Stimmen ergaben sich 50,7 % und damit 137 Sitze für den MAS. (3,03 % weniger als die 53,74 im Dezember 2005). Der Sieg besteht nicht zuletzt darin, dass der MAS nun in allen Regionen des Landes (mit 80 % der Direktmandate) vertreten ist und dabei in 7 von 9 Departements (Ausnahme: die beiden kleinen Departements Beni und Pando) die Mehrheit erobert hat. Besonders ist hervorzuheben, dass der MAS auch in den auf "ihre" Autonomie drängenden Departements Santa Cruz und Tarija gewonnen hat. Bei diesem Resultat soll eine große Rolle gespielt haben, dass die neue geplante Landverteilung im großen Stil das Vertrauen der indigenen Bevölkerung gewonnen hat. MAS mit 26,3 % überrundete Podemos mit nur noch 24,7 % der Stimmen in Santa Cruz.
Auch der MBL - im Wahlkampf Alliierter des MAS - erlebte ein politisches Comeback mit 8 Sitzen. Zwei weitere potentielle Bündnispartner, der Movimiento Originario Popular (MOP) in Potosí und der Movimiento Ciudadano San Felipe de Austria (MCSFA) in Oruro erhielten 3 Sitze bzw. 1 Sitz, sodass MAS nun eventuell über 137+12 also über 149 Stimmen verfügen kann.

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Frischer Wind oder Sturmgefahr?
Bolivien am Vorabend der Verfassungsgebenden Versammlung

Es dämmert schon, als wir nach einen scheinbar endlosen Flug in Santa Cruz de la Sierra ankommen. Nach dem ebenso endlosen Anstehen, um die Einreiseformalitäten zu erledigen, warten wir schließlich am Gepäckband - vergeblich. Mein Rucksack ist nicht mitgekommen, niemand weiß, wo er hingeflogen ist. "Haben Sie Geduld", rät mir der junge Mann, der die Reklamation entgegennimmt, und ich werde mir darüber bewusst, dass ab jetzt die Uhren wieder anders ticken, dass wir angekommen sind.
Hugo Chávez und die nationale Souveränität
Auf dem Weg vom Flughafen ins Zentrum von Santa Cruz fallen mir zuallererst die Wahlbanner ins Auge, die über die Straße gespannt sind. Podemos, Partei von Tuto Quiroga, bietet sich großspurig für die Verfassungsgebende Versammlung an. Auch die regionale Allianz Andrés Ibañez, ein Sammelbecken von ehemaligen Politikern der traditionellen Parteien, die sich die regionale Autonomie auf die Fahnen geschrieben haben, werben mit riesigen Plakaten um die Wählerstimmen. Von der MAS sehe ich auf der kurzen Fahrt kaum etwas. Nur ein Graffiti fällt mir auf: "Evo, sei vorsichtig!" mahnt es an. Die Stimmung zwischen der Regierung und der Regionalelite von Santa Cruz ist derzeit besonders schlecht, werde ich in den nächsten Tagen erfahren.
Als wir bei unserem Bekannten im "zweiten Ring" ankommen, läuft im Wohnzimmer der Fernseher und überträgt eine pompöse Veranstaltung im Präsidentenpalast, wo Boliviens Präsident Evo Morales, Venezuelas Hugo Chávez und Carlos Lage, Vizepräsident von Kuba, mehrere Kooperationsabkommen unterzeichnen. Ich frage, was los sei und mein Bekannter antwortet mir, er habe keine Ahnung, "dieser Präsident kommt in letzter Zeit oft nach Bolivien". Er meint Hugo Chávez und mir nichts dir nichts stolpere ich in die große politische Diskussion, die Bolivien dieser Tage bewegt: die vermeintliche Einmischung Venezuelas in innere Angelegenheiten Boliviens.

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Verstaatlichung durch neue Verträge
Chancen und Risiken der Nationalisierung von Erdgas- und Erdölvorkommen


Am 1. Mai 2006 verfügte die bolivianische Regierung mit dem Obersten Dekret 28701 "Helden des Chaco" die Verstaatlichung der Kohlenwasserstoffe. Die Verkündung des Dekrets wurde von einem sehr öffentlichkeitswirksamen symbolischen Akt umrahmt - der Besetzung von Erdölanlagen (Förderstätten, Tankstellen und der Raffinerien in Valle Hermoso und Palmasola) durch die Streitkräfte. Vor hunderten auf der Plaza Murillo versammelten Personen verkündete Evo Morales, dass "Erdöl und Erdgas wieder allen Bolivianern gehören werden".
Das Dekret legt fest, dass die ausländischen Unternehmen ihre gesamte Produktion der staatlichen Erdölgesellschaft YPFB (Yacimientos Petrolíferos Fiscales Bolivianos) übergeben, neue Verträge unterzeichnen und sich innerhalb einer Frist von 180 Tagen den neuen Bedingungen anpassen müssten, wenn sie weiterhin in Bolivien tätig sein wollten. Präsident Evo Morales hatte dem bolivianischen Volk schon während seiner Wahlkampagne versichert, er werde das unter der Regierung von Gonzalo Sánchez de Lozada privatisierte Erdöl und Erdgas wieder zurückgewinnen. Die Verträge mit den transnationalen Erdölunternehmen waren damals ohne Ratifizierung durch den Kongress und zu für das Land ungünstigen Bedingungen abgeschlossen worden, da die Erdölunternehmen von einer Absenkung der Lizenzgebühren von 50 % auf 18 % profitierten. Dies war einer der Auslöser für die Unruhen in der Bevölkerung, die in sozialen Mobilisierungen und der Entmachtung des ehemaligen Präsidenten gipfelten.

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Bolivien auf der Suche nach dem neuen politischen Weg

Venezuela und Kuba sind Fixpunkte auf der Suche nach dem künftigen politischen Weg Boliviens. Doch Eins zu Eins kopieren könne Evo Morales beide Vorbilder nicht. Zudem deute sich an, dass Venezuelas Präsident Hugo Chavéz bereits den Zenit seines Einflusses auf andere südamerikanische Länder überschritten habe. So befindet sich Bolivien weiterhin auf der Suche nach dem neuen politischen Weg abseits traditioneller Pfade und Einflussnahmen aus den USA oder der EU. Dies war weitestgehend Konsens einer hochkarätig besetzten Runde aus Wissenschaftlern, Attachés lateinamerikanischer Botschaften und Experten renommierter Institutionen, zu der die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen Mitte Juni ins Berliner Paul-Löbe-Haus geladen hatten.
Chavéz strebt die regionale Führung in der lateinamerikanischen Region an. Mit Petrodollars und einem antiamerikanischen Kurs versuche der Präsident Venezuelas, die Politik auf dem Kontinent zu beeinflussen, argumentierte Alfredo G. A. Valladao, Professor Institut d'études politiques de Paris, Mercosur Chair. Natürlich habe Chavéz die Wähler in Bolivien nicht direkt beeinflusst. Doch eine gewisse Unterstützung habe es schon gegeben. Klar sei auch: Ohne die Rückendeckung durch den venezolanischen Neopopulisten hätte Bolivien das Projekt einer Verstaatlichung der Gasförderung nicht geschafft. Dass es in dem Zusammenhang nun Schwierigkeiten mit dem linken Regierungschef in Brasilien, da Silva (Lula), gebe, sei vorhersehbar gewesen. So versuche Chavéz denn auch, südamerikanische Staaten gegeneinander auszuspielen. Valladao: "Venezuelas Präsident stellt somit eine Gefahr für den gemeinsamen südamerikanischen Markt Mercosur dar".

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Die neue Agrarreform in Bolivien

Die Regierung von Präsident Evo Morales will mit einer neuen Agrarreform der unproduktiven Nutzung der Latifundien in Bolivien ein Ende setzen. Betroffen sind vor allem die Regionen von Santa Cruz, Pando und Beni. Hierzu plant der Präsident ein neues Gesetz und ein Verordnungspaket zu verabschieden. Es wird erwartet, dass vor allem die "elitären Großgrundbesitzer", aus ureigenstem Interessen die Umsetzung des Gesetzes zu verhindern trachten. Für diesen Fall hat die Regierung angekündigt, dass gegebenenfalls auch unter Einsatz von Polizei und Militär die Umverteilung des Landes durchgesetzt werden soll.
Nach Meinung von Vize-Landminister Almaraz wird die Landverteilung noch vor dem Beginn der Asamblea Constituyente über die Bühne gehen. Dabei geht er davon aus, dass ähnlich wie bei der angekündigten Verstaatlichung der Öl- und Gasindustrie eine große Mehrheit der Bevölkerung auch die Durchsetzung der neuen Landreform von der Regierung erwartet.
Die erste bolivianische Landreform von 1953
Die erste Landreform von 1953 hat vor allem im Hochland dazu geführt, dass Bauerngemeinden und Kooperativen Grundstücke zur Nutzung zugewiesen bekommen haben. Die Landreform beendete damit das System der Landoligarchie, bei dem die Bauern für den Großgrundbesitzer ohne Lohn arbeiten mussten. Nach der Agrarreform durften die Bauern auf eigene Rechnung das Land bebauen. Dennoch konnte die Reform nicht verhindern, dass in einigen Regionen wieder neuer Großgrundbesitz entstand. Vor allem im Tiefland wurde die Landreform faktisch nicht umgesetzt. Die "richtige" Parteizugehörigkeit vorausgesetzt blieben die großen Ländereien in der Hand nur weniger Besitzer. Im Hochland gibt es heutzutage kaum noch fruchtbaren Boden an die schnell wachsende Bevölkerung zu verteilen. Aus diesem Grund emigrieren immer mehr Hochlandbewohner nach El Alto bei La Paz, immer mehr aber auch in die Außenbezirke der Großstädte in den Tieflandregionen. Bei der ersten Landreform bekam jeder Bauer 10 Hektar Land zugesprochen, die er später unter seinen Kindern verteilen musste. Die Kinder wiederum wollten mit ihrer Familie auf eigenem Grund und Boden wirtschaften. Mit der zunehmenden Zersplitterung nahmen sehr schnell die innerfamiliären Konflikte zu, zumal die Rechtslage häufig unklar war. Insbesondere die langwierige bürokratische Bearbeitung sorgten dafür, dass die Bauern oftmals keine Besitzurkunde hatten. Folglich blieben die Eigentumsverhältnisse lange Zeit ungeklärt. Angesichts dieser unsicheren Lage war die Bereitschaft gering, Anstrengungen zur Steigerung der Produktion zu unternehmen. Viele Hochlandbauern zogen es vielmehr vor, aus dem Hochland fortzuziehen.

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