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Von der "Neugründung
der Republik" zur marginalen Verfassungsreform?
Die konstituierende Versammlung in Bolivien
Erdrückende strukturelle Missstände haben
in den letzten Jahren die Forderung nach einer Verfassungsgebenden Versammlung,
vor allem in den Reihen der gut organisierten sozialen Bewegungen des
Landes, reifen lassen. Während seiner Amtseinführung hatte Präsident
Morales die Einberufung der Versammlung feierlich zur obersten Priorität
seiner Regierung erklärt. Nach einem spannungsgeladenen Hin und
Her im Parlament, begleitet von ausladenden Drohgebärden einiger
gesellschaftlicher Interessensgruppen, wurden die Gesetze zur Einberufung
der Verfassungsgebenden Versammlung und zur Abhaltung des Autonomiereferendums
schließlich am sechsten März vom Präsidenten unterzeichnet.
Die Tinte der Unterschrift war noch nicht getrocknet, da erhoben sich
schon erste kritische Stimmen, diesmal vor allem aus dem linken Spektrum.
Der lange herbeigesehnten Constituyente wird mangelnde Repräsentativität
und Verrat an der Sache der "Neugründung der Republik"
vorgeworfen.
Ringen um das Gesetz
Dass die Gesetze zur Einberufung der Asamblea Constituyente (fortan AC)
und zur Durchführung des Autonomiereferendums nur nach langem Ringen
vom Parlament verabschiedet würden, stand im Grunde schon kurz nach
den vergangenen Parlamentswahlen fest. Der MAS stellt 84 der insgesamt
147 Parlamentarier (Senat und Abgeordnetenhaus) - nicht genug, um eigene
Projekte mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit durchzuwinken. Die
schwierige Auseinandersetzung mit der Opposition war absehbar. Bis kurz
vor Ablauf der vom Vizepräsidenten gesetzten Frist (erste Märzwoche)
schien es sogar, als könne zwischen den politischen Kontrahenten
keine Einigung gefunden werden - obwohl die AC inzwischen von allen Parteien
gefordert wird.
Mitte Februar hatte die Exekutive dem Parlament einen eigenen Gesetzesvorschlag
zur Einberufung der Constituyente übermittelt, der nach ihrem Dafürhalten
dem parlamentarischen Plenum als Diskussionsbasis dienen sollte. Das
Projekt der Regierung, nach dem 204 Abgeordnete (jeweils drei in den insgesamt
70 Wahlkreisen des Landes mit einfacher Mehrheit direkt gewählt)
in einer mit umfassenden Kompetenzen ausgestatteten Versammlung über
das neue Gesicht des bolivianischen Institutionengefüges entscheiden
sollten, stieß unverzüglich auf Ablehnung. Insbesondere die
Departments mit geringer demographischer Dichte kritisierten den Entwurf,
der sie mit Blick auf den Anteil an Delegierten in der AC benachteiligen
würde. Von den verschiedenen Bürgerkomitees, allen voran das
in der Autonomiefrage protagonistische Comité Pro Santa Cruz (CPSC),
wurden eine stärkere Berücksichtigung der Regionen und eine
gerechtere Repräsentation von Minderheiten verlangt.
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(Der vollständige Artikel ist in
der aktuellen Ausgabe zu lesen.)
Armut,
Ungleichheit und mangelnde Repräsentation
Bolivien auf der Suche nach einer Patentlösung
In diesem Jahr wird in
Bolivien die Asamblea Constituyente, die Verfassungsgebende Versammlung
durchgeführt, die seit 2003, seit dem Sturz von Präsident Sánchez
de Lozada diskutiert wird. Dieser Artikel soll einen abrissartigen Überblick
über die sozio-politischen Probleme geben, die dem Wunsch nach der
Asamblea zugrunde liegen.
1. Warum eine Verfassungsgebende Versammlung? - Die Problemlage
Die Idee einer Verfassungsgebenden Versammlung ist nicht neu, sie ist
auch keine Folge der sozialen Unruhen des sog. "Octubre Negro"
(Schwarzer Oktober) des Jahres 2003. Eine Verfassungsgebende Versammlung
wird in Bolivien von den verschiedensten gesellschaftlichen Fraktionen
(jedoch kaum von politischer Seite) bereits seit 2000 gefordert. Die
Ursachen jedoch reichen weiter zurück, bis (mindestens) 1985, als
Bolivien (nach der Demokratisierung 1982) eine radikale Marktöffnung
betrieb und ein neoliberales Wirtschaftsmodell übernahm. Nachdem
in den Neunzigerjahren ein moderates aber stetiges Wirtschaftswachstum
zu beobachten war, kehrte sich dieser Trend in den letzten Jahren um und
das Wirtschaftswachstum ging stetig zurück oder hielt sich auf geringem
Niveau. Erst in den kommenden Jahren wird wieder mit einem steigenden
Wirtschaftswachstum gerechnet. Gleichzeitig herrscht eine extreme Ungleichheit:
Bolivien weist einen Gini-Koeffizienten von 44,7 auf (der Gini-Koeffizient
ist das Maß für die Ungleichverteilung von Einkommen: Ein
Wert von 0 bedeutet vollkommene Gleichheit, ein Wert von 100 vollkommene
Ungleichheit. Deutschland hat einen Gini-Koeffizienten von 38,2 [Weltbank,
2003].). Die ärmsten zehn Prozent der Bevölkerung verdienen
gerade einmal 1,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, während die
reichsten zehn Prozent 32,0 Prozent verdienen (UNDP, 2003). Damit ist
Bolivien eines der ungleichsten Länder Lateinamerikas nur noch hinter
Brasilien und Chile (World Bank, 2004, S.9). Am stärksten von der
Armut betroffen ist die indigene Bevölkerung. Sie stellt den Großteil
der Landbevölkerung Boliviens. 83,41 Prozent der Landbevölkerung
leben in Armut, 66,80 Prozent in extremer Armut, d.h. mit weniger als
einem Dollar pro Tag (ebenda, S.3). In diesem Zusammenhang verwundert
es auch nicht, dass Bolivien in der Rangliste der Mangelernährung
auf Platz 4 im lateinamerikanischen Vergleich steht, mit knapp 24 Prozent
unterernährter Menschen (UNDP, 2003, S.54). Das United Nations Development
Programme in Bolivien (PNUD) stellt in seinem neuesten Bericht über
die menschliche Entwicklung in Bolivien einen statistisch signifikanten
Zusammenhang zwischen indigener Identität und Armut fest (PNUD, 2004,
S.109f.).
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(Der vollständige Artikel
ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)
Aufbruch
zu einer neuen Außen- und Sicherheitspolitik
Evos erste Schritte auf der weltpolitischen Bühne
Die Reise des gewählten,
aber noch nicht in sein Amt eingeführten Präsidenten Evo Morales
führten ihn zunächst nach Kuba und Venezuela, wo die sozialistischen
Zielsetzungen der neuen Regierung stärker geäußert wurden,
- sowohl in Abgrenzung von der imperialistischen Supermacht als auch durch
die Ankündigung bzw. Unterzeichnung von Kooperationsverträgen.
In Spanien sollte eine weitere strategische Partnerschaft auf vielerlei
Gebieten gestärkt werden, die wiederum Türen zu Europa öffnen
soll. Hier wurde Morales aber deutlich an das Hauptinteresse der Europäer
erinnert: die Sicherheit ihrer Investitionen, die in ihren Augen auch
eine gewisse ("nicht zu kleine") Gewinnmarge einschließt.
Morales nahm auf seinem Weg allerhand Gastgeschenke in Form verschiedener
Donationen für Entwicklungsarbeit mit. Schon in den ersten Monaten
seiner Amtszeit war das Verhältnis zu den USA durch vielerlei schwierige
Probleme belastet: eventuell der Verlust des bolivianischen Sojamarkts
in Kolumbien an die US-Amerikaner, Ringen um gerechte Handelsbeziehungen
(Energie, Textilien u.a.), die Entwicklung eines unabhängigen südamerikanischen
Marktes statt Freihandelsabkommen mit den USA, die Raketenaffäre
und die Auswechselung des militärischen Führungspersonals,
die Streichung US-amerikanischer Militärhilfe, der Kokaanbau, die
linken strategischen Allianzen. Klimatisch verbesserten sich die Beziehungen
zu allen angrenzenden Staaten deutlich, nicht zuletzt zu Brasilien und
Chile. China zeigte sich weiterhin an Investitionen interessiert und Japan
beeindruckte durch die Schenkung einer kompletten Fabrik für Milchverarbeitung.
In Südafrika erinnerte man sich des gemeinsamen Leidens unter rassistisch
geprägter Vorherrschaft der Weißen in beiden Ländern,
gleichzeitig wies Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu den Weg der
Versöhnung.
Bekenntnis zu sozialistischen Freunden
Morales' erste große Auslandsreise in verschiedene Länder Amerikas,
Asiens, Afrikas und Europas sollte auch die Behauptung der alten Wahlkampfgegner
und heutigen Opposition (v.a. PODEMOS) entkräften, Bolivien werde
durch einen Wahlsieg des MAS in der Welt isoliert dastehen.
Am Vorabend des 47. Jahrestag der kubanischen Revolution Anfang Januar
2006 empfing Fidel Castro seinen künftigen Kollegen Evo Morales
mit den Ehrungen, die sonst nur Staatsoberhäuptern zukommt. Eine
neue Etappe der Beziehungen zwischen Bolivien und Kuba sollte eingeleitet
werden mit einem höheren Niveau der bilateralen Kooperation, aber
zugleich sollte auch eine neue Etappe einer lateinamerikanischen Integrationspolitik
beginnen mit Ländern, die einen von der Politik der Vormacht USA
unabhängige(re)n Kurs eingeschlagen haben, wie Venezuela, Brasilien,
Argentinien. Grundlage für diese enge Zusammenarbeit sollten die
"ideologische Übereinstimmungen" beider Politiker sein.
Tatsächlich äußerte Morales andernorts, er habe genau
die gleichen Ziele wie Kuba - mit dem Unterschied, dass er seine Ziele
mit demokratischen Mitteln erreichen wolle. Castro erklärte die Bereitschaft
Kubas, beim Kampf zur Ausrottung des Analphabetismus und bei einem Gesundheitsprogramm
mitzuwirken. Als dann der Einsatz der 600 kubanischen Ärzte bereits
angelaufen war, gab es auch kritische und misstrauische (neidische?) Kommentare
vonseiten der bolivianischen Ärzteschaft: Ein Ärztekongress
Mitte März stellte in Frage, ob die 600 Leute überhaupt Ärzte
seien und ob sie über die vom bolivianischen Gesetz verlangten Fähigkeiten
verfügten. Die kubanische Seite konterte knapp eine Woche später
mit einer Erfolgsbilanz: In ihrem ersten Monat hätten die Ärzte
über 130 000 Fälle in über 1200 Ortschaften und 245 Lagerplätzen
behandelt und dabei 290 Menschenleben gerettet.
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ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)
Morales'
Amtsantritt: Das Echo in den deutschen Print-Medien
Ist Bolivien in der deutschen
Presselandschaft doch eher eine Randerscheinung, (nur selten einer Fußnote
wert), so hat der Wahlsieg von Evo Morales doch erstaunlich viele Reaktionen
in den Tages- und Wochenzeitungen hervorgerufen. Jedoch muten diese überwiegend
ironisch-arrogant an, verfallen oft gängigen Klischees und es fehlt
immer wieder an Präzision. Die Bezeichnungen schwanken zwischen "früheren
Lamahirten", "Kokabauern", "Abkömmling von Aymara-
und Quechua-Indio", "Indio aus dem Volk der Aymara".Mit
Sicherheit ist es wichtig, die indigene Herkunft Morales' (unter Anderem
als historische Zäsur in der Geschichte Boliviens) hervorzuheben,
doch die Wortwahl in der Benennung zeugt eher von Unbeholfenheit und
nicht selten von westeuropäischer Überheblichkeit.
Und so scheint nicht nur die Herkunft des neuen Präsidenten in erster
Linie folkloristisch-exotischen Unterhaltungswert für die deutschen
Medien zu haben, sondern auch die "Legalisierung der Kokapflanze"
(so lautet ein Titel in der FAZ vom 30. Dezember 2005 "Bolivien auf
dem Weg zum Rauschgiftstaat? - Der neue Präsident Evo Morales ist
Kokabauern-Führer und will den Anbau der Pflanze entkriminalisieren").
Ebenso wird sein informelles Outfit hervorgehoben, der überall erwähnte
blau-weiss-rot-gestreifte Pullover, den Morales bei seinen Auslandsreisen
trug ("Des Präsidenten neuer Pulli - Das bolivianische Staatsoberhaupt
Evo Morales hat mit seiner Ethno-Mode schon Arbeitsplätze geschaffen",
FAZ vom 23.01.06).
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der aktuellen Ausgabe zu lesen.)
Neue
Rollen und Kompetenzen für die Präfekten
Parallel zur Präsidentenwahl wurden erstmals
in der Geschichte Boliviens die Präfekten als oberste Vertreter der
neun Departements direkt vom Volk gewählt. Früher hatte der
Präsident der Republik die Präfekten entsprechend seine Vorstellungen
eingesetzt. Als Zugeständnis an die von Santa Cruz ausgehenden Autonomiebestrebungen
wurde der entsprechende Artikel in der Verfassung durch ein Dekret sowie
ein Interpretationsge-setz ergänzt, welches die Direktwahl der Präfekten
durch das Volk vorsieht.
In den ersten Wochen nach ihrer Wahl waren die Präfekten vor allem
bemüht, neue Strukturen in den Präfekturen einzurichten. Die
hierbei getroffenen Festlegungen tragen jedoch noch einen provisorischen
Charakter, da die Stellung der Präfekten und ihrer Verwaltung im
zukünftigen politischen System noch immer ungeklärt sind. Zu
einem ersten Meinungsaustausch über ihre zukünftige Rolle im
politischen System des Landes trafen sich die neu gewählten Präfekten
in Tarija. Im Zentrum der Gespräche standen die verfassungsgebende
Versammlung und das Referendum über die Autonomie der Regio-nen.
Es war das erste Mal in der Geschichte Boliviens, dass die durch eine
freie Wahl demokratisch legitimierten Präfekten zusammentrafen. Nicht
zu den Gesprächen er-schienen waren die von der MAS gestellten Präfekten
aus den Departements von Oruro, Potosi und Chuquisaca. Sie ließen
sich ohne Angabe von Gründen entschuldigen. Zu vermuten ist, dass
sie wenig Interesse hatten, an einem Gedankenaustausch über Mög-lichkeiten
einer stärkeren Autonomie für die Regionen teilzunehmen, der
sie möglicher-weise in einen Loyalitätskonflikt mit der Zentralregierung
gebracht hätte.
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