|
Ein historisches
Votum: 54% für Evo Morales
Nur kurz nach Veröffentlichung der ersten
Hochrechnungen, die den MAS mit über 50% an erster Stelle sahen,
war das Wort in aller Munde: historisch. Ein historischer Moment für
Bolivien. Historisch deswegen, weil fortan zum ersten Mal in der bald
zweihundert-jährigen republikanischen Geschichte des Landes ein Angehöriger
der majoritären indigenen Bevölkerungsgruppen die Geschicke
der Nation leiten wird. Historisch aber auch, weil zum ersten Mal in der
neueren demokratischen Geschichte des Landes ein Kandidat auf Anhieb die
absolute Mehrheit der Stimmen für sich gewinnen konnte. Die Hoffnung,
dass die paktierte Demokratie' mit ihren die Mehrheit der Bevölkerung
ausschließenden Wirkungen die Hintertür der Nation in Richtung
Geschichtsbuch verlassen habe, durchdringt das ganze Land. Der neue Präsident
Evo Morales Ayma beschwor in diesem Sinne das Ende der neokolonialen
und neoliberalen Ära. Eine Reihe von grundlegenden Reformen soll
bald schon durchgeführt werden. Doch die Regierung Morales ist noch
nicht offiziell im Amt, da kündigen sich schon die ersten Hindernisse
und Widerstände an.
Fragile Mehrheit
Schon nach der Auszählung der ersten Tische stand der Wahlsieger
nahezu fest, die offiziellen Ergebnisse bestätigten ihn im Grunde
nur. Der MAS hat mit seinen Kandidaten Evo Morales und Alvaro García
Linera die Wahlen mit rund 54% der Stimmen gewonnen. An zweiter Stelle
liegt mit 29% das konservative Bündnis Podemos von Jorge Quiroga,
der seine Niederlage noch am Wahlabend eingestehen musste. Zementmagnat
Samuel Doria Medina brachte es auf 8% und der MNR mit dem Kandidaten Nagatani
erzielte 6%, ein unerwartet hohes Ergebnis. Auf einen unerheblichen Stimmenanteil
kamen der MIP von Felipe Quispe (2%) und die anderen kleinen Parteien,
die nach bolivianischem Recht ihren Parteienstatus nun verlieren werden.
...
(Der vollständige Artikel ist in
der aktuellen Ausgabe zu lesen.)
Zahlenspiele,
Machtrausch und Raketenzauber
Höhepunkte und Tiefschläge
im bolivianischen Wahlkampf 2005
Des Zentrale Wahlgericht Corte Nacional Electoral (CNE) veröffentlichte
Mitte Oktober die Zahlen der wahlberechtigten und in die Wählerlisten
eingetragenen Wählerinnen und Wähler: Demnach belief sich für
die anstehenden "historischen" Wahlen des Parlaments und des
Präsidenten sowie zum ersten Mal auch der Präfekten die Zahl
der Wähler auf 3 670 000, wovon über 10 Prozent, nämlich
418.190 neu eingeschrieben waren.
Aber bis dann endlich der Wahlkampf so richtig losgehen konnte, hielt
das komplizierte Kräftespiel zwischen Parlament als ganzem, den nur
an ihren Departementsinteressen (über die Partei und Fraktionsgrenzen
hinweg) orientierten "Parlamentsbrigaden", den Bürgerkomitees
"an der Basis" in den verschiedenen Departements, den sozialen
Kräften, dem CNE, dem Verfassungsgericht Boliviens und nicht zuletzt
dem Präsidenten (siehe dazu BOL 143, S. 19 ff.) das Land noch wochenlang
in Atem. Außerdem gab es ein paar wahlpolitische Knaller, wie die
Rufe des Chefs des Bauerngewerkschaft CSUTCB und MAS-Senators Román
Loayza nach direkter Herrschaft oder die Affäre um die verschwundenen
Raketen, wovon niemand etwas Rechtes wusste...
Doch noch Wahlen?
Zunächst wurde am 13. Oktober die umfassende Klage einiger Abgeordneter
des Altiplano über die Zulässigkeit dieser Wahlen überhaupt
vom Verfassungsgericht voll und ganz zurückgewiesen. Die Parlamentarier
Juan Luis Choque (MNR-Senator Potosí) y Marleny Paredes (MAS-Dissidentin
La Paz.) hatten den Wahlprozess mit dem Argument in Frage gestellt, dass
er das Ergebnis eines politischen Handels sei, welcher die Staatsverfassung
verletze. Im zweiten Urteil widersprachen die Verfassungsrichter der Ansicht
von Paredes, die Wahlen der Präfekten dürften nicht durchgeführt
werden, weil der Verfassungsartikel 109 die Bestimmung von Präfekten
mittels Designation durch den Präsidenten und nicht mittels Volkswahl
vorsehe. Die Richter widersprachen dieser Auffassung, indem sie konstatierten,
dass es auch jetzt eine Designation durch den Präsidenten gebe -
nach vorangegangener Wahl des Volkes.
...
(Der vollständige Artikel
ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)
Wirtschaftswachstum
für El Alto
Wirtschaftsförderungsgesetz
lockt Investoren auf den Altiplano
El Alto - die junge Schwesterstadt "hoch über den Dächern
der Andenmetropole La Paz" - boomt. Noch vor einem Viertel Jahrhundert
gab es hier auf dem bolivianischen Hochland kaum mehr als bescheidene
ländliche Ansiedlungen. Heute aber, so sagt man, "sei auf dem
"Altiplano" der Teufel los". An die 800.000 Menschen leben
hier auf dem Hochland in 4080 Metern Höhe bei klimatisch extrem unwirtlichen
Witterungsbedingungen. Dicht an dicht fristen viele Menschen in einer
immensen Anhäufung chaotisch zusammen gewürfelter und rudimentär
aus dem Boden gestampfter Behausungen ein Dasein am Existenzlimit. Das
riesige Aglomerat wächst täglich, breitet sich weiter aus in
ungeplanter, zügelloser Bauweise und erstickt jeden Versuch eines
Aufbaus solide geplanter Infrastruktur fast im Keim.
Dabei drängt das pulsierende junge El Alto mit seinen immens vielen
Gotteshäusern, den charakteristisch hohen Kirchtürmen und der
modesten Urbanisation auf sandigen Gassen und Lehm zerfurchten Straßen
näher und näher gen "heiligem Titicacasee der Inka"...
- Aus vielen Regionen des Anden-Hochlandes hat es Arbeit suchende in die
neue Altiplano-Stadt verschlagen: Landlose und Campesinos, die ihr Land
verlassen mussten, weil die Erträge des kargen Altiplano-Bodens nicht
zum Überleben reichten und viele arbeitslose Mineros aus stillgelegten
Bergwerken. So ist El Alto zum Zufluchtsort für Menschen der sozial
schwächsten Bevölkerungsschichten des Landes geworden. Mehr
als 85 Prozent seiner Einwohner sind indigen. Die "Arme-Leute-Stadt"
mit der eigenen Stadtverwaltung gilt bei einer jährlichen Wachstumsrate
um 9 Prozent als eine der schnellst wachsenden Städte des südamerikanischen
Kontinents1. Ein paar Jahre weiter, und die neue Stadt auf dem Altiplano
könnte es dank hoher Bevölkerungsdichte geschafft haben, die
Millionengrenze zu erreichen .
...
(Der vollständige Artikel
ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)
20
Jahre seit In-Kraft-Treten des Dekrets 21060
Mit der bevorstehenden
Wahl Evo Morales zum neuen Präsidenten Boliviens könnte das
Ende der neoliberalen Politik besiegelt werden, die vor gut zwanzig Jahren
begonnen hatte. Am 29. August 1985 war mit der Verabschiedung des Dekrets
21060 ein grundlegender Wandel der bolivianische Wirtschaft eingeleitet
worden. Mit dem Dekret 21060 wurde der erste Schritt zur Liberalisierung
der Wirtschaft in Bolivien vollzogen. Die Verabschiedung des Dekrets markiert
somit den Übergang der bolivianischen Wirtschaft von einer weitegehend
staatlich dominierten zu einer freien Marktwirtschaft. Oftmals wird von
dem Beginn der Ära des Neoliberalismus in Bolivien gesprochen.
Der Verabschiedung des Dekrets ging eine lange Phase politischer und wirtschaftlicher
Instabilität voraus. Zwar hielt seit 1964 das Militär die alleinige
politische Macht über das Land. Dennoch gelang es den regierenden
Generälen nicht, für Stabilität im Land zu sorgen. In den
siebziger Jahren war die innenpolitische Lage in Bolivien durch permanente
Streiks, besonders der Minenarbeiter gekennzeichnet. Die politischen Auseinandersetzungen
zwischen linken Gruppierungen und Parteien auf der einen Seite und den
Rechten, durch das Militär unterstützten Parteien auf der anderen
Seite verliefen häufig sehr gewalttätig. Kaum eine Regierung
überstand die reguläre Amtszeit, in der Regel wurden sie lange
zuvor aus dem Amt geputscht.
Im Zuge der sich rapide verschlechternden Wirtschaftslage kam es zu blutigen
Massenaufständen, die letztlich das Militärregime zwangen,
den Weg zu demokratischen Wahlen frei zu machen. Mit Hernan Siles Suazo
(UDP), der 1982 durch eine demokratische Wahl Präsident wurde, endete
die Zeit der totalitären Regime. Das Land krankte aber noch unter
den Auswirkungen der jahrelangen diktatorischen Herrschaft und kam nicht
zu Ruhe. Hernan Siles Zuazo versuchte durch rigorosen Sparmaßnahmen,
eine Stabilisierung der zerrütteten staatlichen Finanzen zu erreichen.
Der Sparkurs ging jedoch größtenteils zu Lasten der sozial
Schwachen. Dies schürte vor allem in der Bauernbevölkerung
massiven Widerstand und mündete in erneuten Aufständen. Drei
Jahre nach der Übernahme der Regierung rief Zuazo zu vorzeitigen
Präsidentenwahlen auf, nachdem er im Parlament die Mehrheit verloren
hatte und das Land durch einen 27-tägigen Streik ins Chaos gestürzt
war. Die Jahresinflationsrate hatte im Bolivien den unvorstellbaren Wert
von 24.000% erreicht und drohte bis zur 100.000% anzusteigen. Hier wurde
der Grundstein für die bis heute anhaltende Dollarisierung gelegt.
...
(Der vollständige Artikel ist in
der aktuellen Ausgabe zu lesen.)
Der
Preis der Korruption
Das Vermeiden einer Verkehrsstrafe, Zollabfertigungen
oder ein Rechtsstreit vor Gericht haben ihren Preis. Die Antikorruptionsvereinigung
(Red Anticorrupción) stellt fest: Die Schmiergeldzahlungen in Bolivien
betragen jährlich 1,15 Millionen US$. "Zahlen Sie Schmiergeld
zur Erlangung oder Beschleunigung einer öffentlichen Leistung?"
lautete die Frage einer landesweiten Erhebung zur Ermittlung der Kosten
der Korruption für die Haushalte. Dabei wurde ermittelt, dass die
Hälfte der bolivianischen Haushalte (984.000) zugegeben haben, Schmiergeldzahlungen
geleistet zu haben. Die Stichprobe der Erhebung umfasste 3.488 Fälle
und hat eine statistische Reabilität von 95 % und einen Messfehler
von 2,3 %.
Bei der Vorstellung der Ergebnisse dieser Studie sagte der frühere
Vizepräsident Luis Ossio, die ermittelten Ergebnisse belegen, in
welcher "Kultur der Korruption" die bolivianische Gesellschaft
angelangt ist. Die 115 Millionen US$ entsprechen etwa der Hälfte
des Defizits des Staatshaushaltes oder 25% der veranschlagten Investitionen
für 2005 oder 5% des bolivianischen Exports. Der größte
Anteil der Schmiergeldzahlungen entfällt auf Erlangung des Personalausweises,
Gerichtsverfahren, Schulanmeldungen, Verkehrsstrafen u.ä. Hinweise
auf Korruption finden sich am meisten bei der Polizei, danach folgt der
Zoll, die Justizbehörden, die Steuerverwaltung, Meldeämter und
Ministerien. Carmen Beate Ruiz, ehemalige stellvertretende Ombudsfrau,
sagt, dass "sind eindrucksvolle Ergebnisse; für die dringend
Lösungen gesucht werden. Der Hauptteil der Summe der Schmiergeldzahlungen
entfällt auf das Departement La Paz mit 455 Mio. Bolivianos (56,3
Mio. US$). Im Vergleich der Städte La Paz, Cochabamba und Santa Cruz
übertrifft Santa Cruz die anderen Städte mit 149 Mio. Bs. (18,4
Mio. US$). Die meisten einzelnen Schmiergeldzahlungen entfallen jedoch
auf das Departement Oruro mit 21,78 % der Gesamtmenge.
...
(Der vollständige Artikel ist in
der aktuellen Ausgabe zu lesen.)
|