Bolivia Nr. 143
August - Oktober 2005
(56 Seiten, erschienen am 17.10.2005)

Inhalt
- Wahlen 2005: Evo Morales oder Jorge "Tuto" Quiroga?
- Verfassungskrise mitten im Wahlkampf
- Nach dem Chaos: Vorgezogene Wahlen
- Erstmalige Präfektenwahl im Dezember 2005
- "Der konservative Charakter der bolivianischen Nation"
- Mit Chuños zum Mars ...?
- Kurznachrichten
- El Ceibo - Die höchste Schokoladenfabrik der Welt
- Tinku, Begegnung der Kulturen

 


Auszüge aus den Beiträgen

 

Wahlen 2005: Evo Morales oder Jorge "Tuto" Quiroga?

Der Wahlkampf begann in Bolivien in dem Moment, als der Kongress den Weg für den Urnengang am 4. Dezember freimachte. Seither steht die bolivianische Politik ganz im Zeichen der Auseinandersetzung zwischen den zur Wahl stehenden Rivalen. Allianzen werden geschmiedet, Programmpunkte erläutert, Kandidaturen verkündet und der politische Gegner verleumdet. Während Letzteres bei allen Parteien mit der gewohnten Übung vonstatten geht, tut sich die seit jeher zersplitterte Linke insbesondere mit Ersterem sehr schwer.

MAS und MSM: ungeliebte Allianz
Als am 17. Juni die Vollversammlung des MAS in Cochabamba tagte, war das Mandat der Basis klar: Die Parteiführung wurde aufgefordert, hinsichtlich der anstehenden Wahlen mit den verschiedenen sozialen Sektoren und Bewegungen des Landes zusammen eine "soziale Wahlfront" zu gestalten. Doch die Parteispitze um Evo Morales verfolgte zunächst eine andere Strategie. Ausgehend von der Überzeugung, die Wahlen können nur mit den Stimmen der urbanen Mittelschicht gewonnen werden, verhandelten sie eine Wahlallianz mit der gemäßigten "Bewegung ohne Angst" (Movimiento Sin Miedo, MSM) des paceñer Bürgermeisters Juan del Granado. Die Verhandlungen führten jedoch nicht weit. Gewichtige ideologische und programmatische Unterschiede, etwa bezüglich der Energiepolitik, trennen die beiden Parteien.
Im Innern der MSM regte sich schon bald Widerstand gegen ein mögliches Bündnis mit Evo Morales. Zu radikal, zu utopisch, zu unbesonnen, so das Urteil. Schließlich wurde die Gründung einer eigenen ‚zentrumsorientierten' Wahlalternative verkündet, die von einem ‚Pakt der Bürgermeister' aus Sucre, Oruro, Cochabamba, Cobija und Potosí getragen werden sollte und sich expliziert als Gegenblock zum MAS und der aufstrebenden ‚indigenen Linken' verstehen wollte. Präsidentschaftskandidat dieser "Breiten Front" (Frente Amplio, FA) sollte erst der paceñer Intellektuelle José Antonio Quiroga sein. Am Ende schien sich jedoch René Joaquino, Bürgermeister von Potosí, als Kandidat durchzusetzen - und spaltete die FA noch bevor sie offiziell gegründet war. Joaquino gilt als Eigenbrödler mit eigenen politischen Ambitionen, der in der Bevölkerung nur über wenig Akzeptanz verfügt und den meisten seiner Bürgermeisterkollegen missfällt. Mit dem Überlaufen von Miguel Becerra, Bürgermeister von Cobija, zur UN von Präsidentschaftskandidat Doria Medina zerbrach die Initiative letztlich. Joaquino zog seine Kandidatur zurück und der MSM wendete sich erneut dem Bündnis mit dem MAS zu. MSM - Mitglieder figurieren nun als Kandidaten des MAS für die paceñer Wahlbezirke.
Auf Kritik gestoßen ist die Annäherung zwischen MAS und MSM auch bei den radikaleren Gruppierungen, wie die Föderation der Nachbarschaftsverbände El Altos (FEJUVE), der Gewerkschaftsdachverband COB und die "Coordinadora del Agua y de la Vida" aus Cochabamba. Die Repräsentanten dieser Organisationen argumentierten, die vom MAS verfolgte "Politik der traditionellen Linken" mit einer Wahlallianz auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner, drohe die Hauptforderungen der sozialen Bewegungen, Verstaatlichung des Energiesektors und Verfassungsgebende Versammlung, zu verwässern. In der Tat hatte Del Granado mehrfach darauf hingewiesen, eine Nationalisierung der Energieressourcen nicht unterstützen zu wollen.1 Sowohl FEJUVE als auch die COB gaben die Gründung eigener "politischer Instrumente" bekannt, deren Hauptziele die entschädigungslose Enteignung der Gaskonzerne und die Verstaatlichung der nationalen Ressourcen sein sollten.
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(Der vollständige Artikel ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)


Verfassungskrise mitten im Wahlkampf

Gerade hatten sich die Wahlbündnisse formiert [siehe dazu den Artikel von Bettina Schorr in diesem Heft!] und die heiße Wahlkampfphase sollte anlaufen, da versetzte das Urteil des bolivianischen Verfassungsgerichtes hinsichtlich einer zu korrigierenden Sitzverteilung zwischen den Departementen die politische Öffentlichkeit in erhebliche Unruhe. Gleichzeitig wurde eine Klage der Abgeordneten von Potosí für das Verfassungsgericht vorbereitet, in der die Feststellung gefordert wurde, dass der gegenwärtige Wahlprozess nicht in Übereinstimmung mit der Verfassung stehe, da die Verfassung keine Verkürzung der Wahlperiode des Parlaments, sondern nur eine mögliche Nachwahl eines Präsidenten vorsehe! Seit über zwei Wochen sieht es so aus, als könnten die emotionsgeladenen Reaktionen aller Betroffenen noch den ganzen Wahlprozess in Gefahr bringen, zumal die politische Klärung der Folgen dieses Urteils ihre Zeit braucht und die technischen Abläufe einer landesweiten Wahl nicht beliebig verkürzbar sind.

Die Klage der Santa-Cruz-"Fraktion"
Am 6. Juli wurde vom Parlament nach Änderung des Artikels 93 der Staatsverfassung die laufende Legislaturperiode verkürzt, um Neuwahlen des Präsidenten und des Parlaments (sowie die historisch neue Wahl von Präfekten) zu ermöglichen. [s. Bolivia 142, S.12] Die Neuwahlen wurden für den 6. Dezember 2006 anberaumt. Aber am 4. August reichte die Gruppe der Abgeordneten (verschiedener Parteien) des Departements Santa Cruz eine Feststellungsklage beim Verfassungsgericht Boliviens ein. Ihrer Meinung nach war beim jetzigen Wahlakt der Artikel 60 der bolivianischen Verfassung verletzt worden, der die Bestimmung der Anzahl der den einzelnen Departements zustehenden Sitze auf der Grundlage der Resultate der letzten Bevölkerungszählung - in diesem Falle der des Jahres 2001 - vorschreibt. Immerhin ging es darum, dass Santa Cruz laut Berechnungen auf Grund seines Bevölkerungswachstums vier Abgeordnetensitze und Cochabamba zwei Sitze mehr zustehen. Brisant wurde der Rechtsstreit gerade dadurch, dass ja gleichzeitig anderen Departements mit abnehmender Bevölkerungszahl diese Sitze entzogen werden müssen. Die Veränderung der Anzahl der Parlamentssitze würde danach wie folgt aussehen: Santa Cruz (+ 4), Cochabamba (+ 2), La Paz (- 1), Oruro (- 2) und Potosí (- 3). Das Verfassungsgericht erklärte am 22. September die Klage der "Santa Cruz-Fraktion" für berechtigt und forderte den Kongress auf, den Artikel 88 des Wahlgesetzes entsprechend zu modifizieren. Der Kongress sei verpflichtet, "mit Dringlichkeit die Verletzung der Verfassung, die er sich hat zuschulden kommen lassen, indem er die von der Verfassung vorgeschriebene Neuverteilung der Parlamentssitzes unterlassen hat, zu beseitigen."
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(Der vollständige Artikel ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)


Nach dem Chaos: Vorgezogene Wahlen

Die dramatische soziale und politische Instabilität in Bolivien hält bereits mehr als zwei Jahre an, und die Bevölkerung ist ihrer sichtbar müde und überdrüssig geworden. Wirtschaftlich betroffene Klein- und Großunternehmer versuchen, sich wieder aufzurappeln, während die allgemeine Bevölkerung das wachsende Chaos, die politische Manipulierung legitimer Forderungen und das Fehlen einer ideologischen, oder zumindest kohärenten, Orientierung ablehnt. Leider hat sie davon noch viel vor sich, wie der in den letzten massiven Protesten im Mai-Juni diesen Jahres eingeforderte und gegenwärtig laufende Vor-Wahlkampf beweist.
Die Proteste selbst waren ein Chaos: sie begannen mit der Forderung nach einem 50%igen Anteil [des Staates, A.d.Ü.] an den aus der Ölförderung gewonnenen Einkommen, dazu kamen dann sektorielle und regionale Forderungen aller Art und schließlich trat der damalige Präsident Carlos Mesa Gisbert zurück. Niemand hatte auf dieses Ergebnis hingearbeitet, sondern es wurde im Inneren der Parteien selbst, denen im Verlauf der Krise eine massive Ablehnung entgegenschlug, fabriziert. Im Konflikt gab es mehr als 38 Straßenblockaden, einen Toten und mehrere Verletzte, Streichungen von Inlandsflügen und sogar von ein paar Auslandsflügen; Gerüchte und Gewaltdrohungen führten zu einer Massenpsychose. Kleine Kaziken tauchten plötzlich auf und beanspruchten die Vertretung ihrer Regionen, Organisationen oder politischer Gruppierungen, schüchterten ihre Basis ein und vertieften noch zusätzlich die inneren Spaltungen. Im Unterschied zu den früheren Auseinandersetzungen (im September 2002 und Februar und Oktober 2003) wurden die Forderungen nach einem repräsentativeren politischen System, die Wiedergewinnung der staatlichen Ressourcen, die regionalen Autonomien und andere mit Hilfe von Geldspritzen, deren Quellen unidentifiziert blieben und wahrscheinlich nie identifiziert werden, ausgeblendet und kooptiert. Ein Zeichen der Schwäche der sozialen Bewegungen und der tiefen Diskrepanzen im nationalen Selbstverständnis der Bevölkerung waren die Bestrebungen einiger Militärs, auf die politische Bühne zurückzukehren und "die Ordnung wiederherzustellen".
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(Der vollständige Artikel ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)


Erstmalige Präfektenwahl im Dezember 2005
Am 4. Dezember finden in Bolivien nicht nur die Wahlen zum Präsidenten, Vizepräsidenten und zu den beiden gesetzgebenden Kammern (Abgeordnetenhaus und Senat) statt. Erstmals seit Bestehen der Republik werden auch die so genannten Präfekten gewählt. Nach der bolivianischen Verfassung wird jedes Departement in Bolivien von einem Präfekten an der Spitze verwaltet. Diese wurden bisher vom Präsidenten der Republik ernannt. In der Vergangenheit sind daher die Präfekten von dem jeweiligen Präsidenten gemäß seinen politischen Vorstellungen ausgewählt und bestellt worden. Als Zugeständnis an die von Santa Cruz ausgehenden Autonomiebestrebungen wurde der entsprechende Artikel in der Verfassung durch ein Dekret sowie ein Interpretationsgesetz ergänzt. Hiernach werden bei der kommenden Wahl die Präfekten von der Bevölkerung der Departements direkt gewählt. Um gewählt zu werden, genügt die einfache Mehrheit, d.h., die Mehrzahl der Stimmen. Die so gewählten Präfekten werden anschließend vom Präsidenten bestellt, wobei es sich hierbei um einen eher formalen Akt handeln soll.
Der bisherige Verlauf der Aufstellung der Kandidaten verläuft jedoch teilweise chaotisch. Ein Grund für die Schwierigkeiten bei der Kandidatenbestellung ist die unklare rechtliche Stellung der Präfekten. Diese müssen sich in ihrer Amtsausübung nicht nur mit der Zentralregierung, sondern überdies mit den Departementsräten abstimmen. Die im laufenden Jahr aufgrund des wieder steigenden Staatsdefizits durch die Regierung in La Paz beschlossenen Einschränkungen öffentlicher Ausgaben werden das Agieren auf Departementsebene zusätzlich erschweren. Hinzu kommt, dass die Wahl politisch eher unattraktiv ist: Die Dauer der Amtszeit der neuen Präfekten hängt ebenso wie ihre späteren Handlungsmöglichkeiten von den Entscheidungen ab, die im Rahmen der verfassungsgebenden Versammlung noch getroffen werden müssen. Als Folge der Probleme und Ungewissheiten haben bereits jetzt Parteipolitiker verschiedener politischer Richtungen erklärt, dass sie ihre gegenwärtigen Ämter nicht zugunsten einer Kandidatur bei den Präfekturwahlen aufgeben wollen. Das Wahlgericht hat bis jetzt lediglich vier Präfektenkandidaten zur Wahl zugelassen: Julia Ramos (MAS), Mario Cosio (MNR), Jaime Paz Zamora (MIR), Carlos Cabrera (ACD).
Nach einer demoskopischen Umfrage zählen der aus Santa Cruz stammende und japanische Herkunft aufweisende Mikiaki Nagatani (MNR), der jetzige Bürgermeister von El Alto, Jose Luis Paredes (PP) und der Ex-Bürgermeister von Cochabamba, Manfred Reyes Villa (NFR) zu den beliebtesten potenziellen Kandidaten. Würde schon jetzt gewählt bekäme Nagatani 28% der Stimmen in Santa Cruz, Jose Luis Paredes 26% in La Paz und Manfred Reyes Villa 17% in Cochabamba. Allerdings hat sich bisher nur Nagatani als Kandidat zu Wahl gestellt.
Bis jetzt sind 60 Anmeldungen von Kandidaten für die Wahl des Präfekten in den neun Departements des Landes eingegangen. Nicht alle können jedoch damit rechnen, zur Wahl zugelassen zu werden. Beispielsweise haben sich in Tarija 2 Kandidaten, Luis Alfaro und Julia Ramos für die gleiche Partei (MAS) aufstellen lassen, was nach dem Wahlgesetz nicht erlaubt ist. Der gleiche Fall ereignete sich bei der MNR in Potosi, wo sich Cinthia Flores und Pedro Lagrava gleichzeitig als Wahlkandidat aufstellen ließen. Das Departement mit den meisten Kandidaten für die Wahl des Präfekten ist Potosi. Hier bewerben sich 12 Personen um den Posten. In Oruro sind es 10, in Cochabamba und La Paz 8, in Santa Cruz und Chuquisaca 6, in Tarija 4 und in Pando und Beni jeweils 3 Kandidaten.
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(Der vollständige Artikel ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)


Rezension
"Der konservative Charakter der bolivianischen Nation"
von dem bolivianischen Philosophen und Politikwissenschaftler H.C.F. Mansilla (2003)

Die kollektive Mentalität der Bolivianer erschwere ihr Zusammenleben und behindere ihren Einstieg in den Modernisierungsprozess, so H.C.F. Mansilla. Wirksamstes Mittel gegen die Laster der bolivianischen Identität sei eine tiefgreifende Reform des Bildungssystems für alle sozialen Schichten und ethnischen Gruppen. Mansilla ist der Meinung, dass die soziokulturellen Aspekte durch den Einfluss von Bildung und Massenmedien veränderbar seien, selbst wenn sie das Wesen einer Nation über sehr lange Zeiträume prägen. Er untersucht jene Elemente, die den Charakter der Bolivianer seit der Kolonialzeit beeinflusst haben und ist sich mit Arguedas1 darin einig, dass die spanische Kolonisierung in Bolivien besonders hart war, weil die Konquistadoren hier mit äußerster Brutalität, Habgier und Ignoranz vorgingen.
Mit seinem Werk "Der konservative Charakter der bolivianischen Nation" leistet H.C.F. Mansilla einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der außerökonomischen Gründe, die eine wirtschaftliche Entwicklung Boliviens behindern. Der Autor liefert eine rückhaltlose und gründliche Beschreibung der bolivianischen Mentalität und geht dabei auf solche Aspekte wie den Autoritarismus und die fehlende Flexibilität, den Paternalismus, Zentralismus und den Mangel an Selbstkritik ein. Die nur begrenzte Einwanderung, die geographische Isolation des kolonialen Hochperu, die geringen Kontakte mit der Außenwelt und das Desinteresse der Kolonialverwaltung haben Mansilla zufolge dazu beigetragen, dass sich die genannten Phänomene etablieren konnten. Nach dem Ende der spanischen Herrschaft wurden diese dann als selbstverständlich und als Teil der sozialen Identität angenommen.
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(Der vollständige Artikel ist in der aktuellen Ausgabe zu lesen.)