Bolivia Nr. 141
Februar - April 2005
(48 Seiten, erschienen am 11.04.2005)

Inhalt
Scheitert Mesa auf dem Weg der "Neugründung" Boliviens?
Aguas de Illimani" lässt die Armen auf dem Trockenen sitzen
Interview mit Evo Morales: "Das Rücktrittsgesuch war eine Show"
Comité Pro Santa Cruz: "Der Löwe ist erwacht"
Zehn Jahre "alternative Bildungswege" - Rückblick und Zukunftsperspektive
- Buchbesprechung: "In Lumpen gewickelt"
- Kurznachrichten
- Bolivien auf der ITB Berlin 2005

 


Auszüge aus den Beiträgen

 

Scheitert Mesa auf dem Weg der "Neugründung" Boliviens?
Die turbulenten Ereignisse der vergangenen Monate bewirkten einen beispiellosen Schlingerkurs des bolivianischen Präsidenten. Der Druck auf die Regierung durch die Autonomiebestrebungen der Departements und die sozialen Bewegungen (Kampf ums Wasser in El Alto, Cocaleros) sowie weiterhin durch die im Hintergrund immer deutlich vernehmbaren Transnationalen steigerte sich noch. Hinzu kam ein schwer kalkulierbares und kaum zu loyaler Zusammenarbeit mit Mesa bereites Parlament. Der Präsident versuchte, sich aus diesem Szenario enormer politischer Umklammerung durch zwei große "Ausbruchsversuche" zu befreien. Aber sowohl sein Rücktrittsangebot und eine nachfolgende Massenmobilisierung "pro Mesa" als auch sein zorniger Vorschlag, die ganze politische Tagesordnung umzuwerfen und umfassende vorzeitige Neuwahlen zu erzwingen, scheiterten am Widerstand des Kongresses.

Die Erhöhungen der Treibstoffpreise und ihre Folgen
Die Verhandlungen der Regierung im November und die Reise des zuständigen Finanzminister Boliviens Luis Carlos Jemio Anfang Dezember 2004 nach Washington, um mit dem Internationalen Währungsfonds IWF weitere Details für die Gewährung neuer Kredite und der Erfüllung der makroökonomischen Ziele (die weitere Senkung des Staatsdefizits auf mindestens 5,5 % sowie einen "angemessenen Regulationsrahmen" für die fossilen Brennstoffe, vereinbar mit der "Notwendigkeit" verstärkter Investitionen und Exporte) zu besprechen, setzten die in den vergangenen Jahrzehnten eingespielte "Zusammenarbeit" mit dem obersten Hüter neoliberaler Finanzpolitik bruchlos fort.
Am Jahresende wurden dann die Subventionen für Treibstoffe massiv gekürzt, was zu der erheblichen Preissteigerung von 10-23 % für Benzin, Diesel bzw. Flugzeugbenzin und in der Folge zu einer deutlichen Steigerung der Preise für den "Familienkorb" führte. Präsident Mesa wagte es in seiner Ansprache nicht, den Zusammenhang der Preiserhöhungen mit den IWF-Forderungen zu erwähnen. Der Gewerkschaftsdachverband COB rief zu einem landesweiten Streik auf und wiederholte seine alte Forderung, die fossilen Brennstoffe ohne Entschädigung zu nationalisieren, der Verband der Nachbarschaftsräte von El Alto (Fejuve) organisierte einen "sozialen Block" des Departements mit Blockade-Komitees und weitere fünf Gewerkschaftsorganisationen von La Paz schlossen sich den für die zweite Januarwoche geplanten Demonstrationen und Streiks an. Im Parlament kritisierten Vertreter des NFR und MNR, die Regierung hätte Spekulationen der Großhändler und Tankstellenbesitzer mit den Treibstoffen nicht verhindert. Der MAS wollte den vier zuständigen Ministern eine Rüge erteilen, aber im entscheidenden Moment waren nicht alle MAS-Abgeordneten zur Stelle, was den frustrierten Fraktionschef Peredo zur Aufgabe seines Amtes brachte.
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"Aguas de Illimani" lässt die Armen auf dem Trockenen sitzen
1997 übernahm die Tochter des französischen Suez-Konzerns auf Grund der Empfehlung der Weltbank die Wasserversorgung in La Paz und El Alto. Damals war die Versorgung der beiden Großstädte ungenügend. Doch auch "Aguas de Illimani" hat die Situation in den letzten Jahren nicht verbessert. So sollte die Firma 65 Mio. Dollar investieren und 70.000 neue Anschlüsse schaffen, 70% dieser Investitionen wurden von der lateinamerikanischen Entwicklungsbank, der Weltbank und anderen Geldgebern zu günstigen Krediten aufgebracht. Strittig ist vor allem die Versorgung der 130.000 Menschen, die nicht innerhalb der 1997 definierten Stadtgrenzen wohnen. "Aguas de Illimani" verlangt, dass diese Menschen die 300 Dollar teuren Anschlüsse selbst bezahlen. In der ärmsten Stadt Boliviens, in der viele Menschen mit einem Dollar täglich auskommen müssen, hat dies viele Haushalte ohne Wasseranschluss zur Folge. Doch auch innerhalb der Stadtgrenzen sind 68.000 Menschen ohne den versprochenen Anschluss geblieben.
Der Suez-Konzern ist kein unbeschriebenes Blatt im weltweiten Wassergeschäft und die Methoden scheinen sich zu ähneln. So musste der Konzern, der auch die Wasserversorgung von Buenos Aires übernommen hat, 683.000 Dollar Strafe zahlen, da die vertraglich festgeschriebene Summe nicht investiert wurde. Außerdem fließen immer noch 95% der Abwässer direkt in den Rio Plata. Das Problem der mangelnden Investitionen tritt auch in Indonesien auf, wo Suez für die Versorgung der Millionenstadt Jarkata zuständig ist. In Manila sind die Wasserpreise seit der Privatisierung um bis zu 700% angestiegen, während gerade die armen Stadtteile ohne die versprochenen Neuanschlüsse auf dem Trockenen sitzen. Dass der Konzern, trotz Unterstützung des Weltbankprogramms "Für die Armen", nicht gerne mit Menschen kleiner finanzieller Möglichkeiten zusammenarbeitet, zeigt auch eine Aussage des damaligen Chefs des Konzerns Arnau Bazire vom Dezember 2000. Er schimpfte: "Die Alteños sind die schlechtesten Kunden und Konsumenten der Welt". Andere Vertreter des Unternehmens beschwerten sich über den geringen Verbrauch der Alteños, der weit unter dem Durchschnitt liegt.
Durch die schlechte Situation in El Alto nahmen die Proteste im Januar 2005 wieder zu. Da sich bei einem Preisanstieg um bis zu 120% die Qualität des Wassers nicht verbesserte, die vereinbarten Neuanschlüsse nicht gelegt wurden und sich "Aguas de Illimani" außerdem einer Neuverhandlung der Verträge entzog, blockierten im Januar tausende Anwohner die Strassen in El Alto. Dies führte zu erheblichen Transportproblemen und vereinzelten Versorgungsengpässen im Regierungssitz La Paz. Federführend bei den Protesten waren der regionale Gewerkschaftsverband COR (Central Obrera Regional) und das Bündnis der Nachbarschaftsräte von El Alto FEJUVE (Federación de las Juntas Vecinales de El Alto). Die Proteste zwangen die Regierung am 12. Januar, ein Dekret zu unterzeichnen, das den Vertrag mit "Aguas de Illimani" auflösen sollte.

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Interview mit Evo Morales: "Das Rücktrittsgesuch war eine Show"
Kurz nach der Zurückweisung des Rücktrittsgesuchs des Präsidenten durch den Kongress sprach Maximilian Fuhrmann mit Evo Morales in La Paz.
Warum hat die MAS den Rücktritt von Carlos Mesa nicht unterstützt?
Wir haben ihn niemals gefordert. Das Rücktrittsgesuch war eine Show, nicht um zurückzutreten, sondern um abzulenken und eine Verabschiedung des Gasgesetzes zu verhindern. Es ging nicht um die Blockaden sondern um das Gasgesetz. Mesa will die Vorteile der transnationalen Unternehmen nicht verändern und den Forderungen des bolivianischen Volkes nicht folgen. Mit diesem Rücktritt wollte er den MAS und die sozialen Bewegungen schwächen. Aber er hat sich geirrt. Wenn er zurücktreten will, dann auch entgültig. Er fühlte sich als Opfer der sozialen Bewegungen, aber er nutzte die Situation, indem er die Schuld den sozialen Bewegungen, der MAS und Abel Mamani (Präsident des Bündnisses der Nachbarschaftsvereinigungen El Alto, Federación de Juntas Vecinales FEJUVE) gab.
Kann Mesa auch ohne die Zustimmung des MAS zum "Sozialpakt" regieren?
Für mich ist das ist kein "Sozialpakt", sondern eine Allianz der exekutiven Gewalt, der Parteien und der finanziellen Macht. Das ist nicht sozial, das ist eine Allianz, um das ökonomische Modell zu erhalten, deshalb unterstützt der MAS den Pakt nicht. Diese Vereinbarung hat keinerlei Sinn.
Möchten Sie, dass Mesa bis 2007 Präsident bleibt?
Soll er ruhig.
Werden Sie das möglich machen?
Das liegt nicht an mir, sondern hängt davon ab, ob Mesa die Agenda vom Oktober garantiert. Und mich besorgt die Situation sehr, weil er (Mesa) die sozialen Bewegungen auslöschen will. Aber ich bin mir sicher, dass diese resistent sein werden. Leider sind die sozialen Bewegungen in Lateinamerika gut im Stürzen von Präsidenten, aber schlecht darin, eigene Leute in machtvolle Positionen zu bringen. Das ist in vielen Ländern passiert: Ekuador, Argentinien, Brasilien und nicht zuletzt in Bolivien.
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Comité Pro Santa Cruz: "Der Löwe ist erwacht"
"El león despertó. La fuerza de la razón se ha levantado, contra los gritos de los radicales sin razón... En la bolivia de hoy, solo un tipo de frontera existe: entre los que marchan hacia atrás, y los que caminamos hacia delante... Bienvenidos todos a bolivia, la nueva."1
Die wochenlangen Auseinandersetzungen um die Erhöhung der Dieselpreise mündeten in Santa Cruz in die Forderung nach regionaler Autonomie. Präsident Carlos D. Mesa sah sich angesichts einer drohenden Sezession zu Zugeständnissen gegenüber den Wortführern der cruceñer Autonomiebewegung - vereint im Comité Pro Santa Cruz - gezwungen: Mitte des Jahres sollen die Präfekten der Departments direkt gewählt und ein Referendum zu den regionalen Autonomien abgehalten werden.
Um diese Forderungen durchzusetzen, war ein enormer Mobilisierungsaufwand nötig. Die Anführer des Comité Pro Santa Cruz konnten zuletzt Hunderttausende Menschen verschiedener Klassen auf die Straße bringen. Ein Blick hinter die Kulissen der einflussreichen Organisation erzählt jedoch, abgesehen von der historischen Forderung nach politischer Autonomie, noch von einem anderem Projekt.
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Zehn Jahre "alternative Bildungswege" - Rückblick und Zukunftsperspektive
Seit der bolivianischen Bildungsreform im Jahre 1994, bei der es auch zur Einführung "alternativer Bildungswege" kam, sind nun gut zehn Jahre vergangen. Zeit für einen Rückblick, Zeit für eine Bilanz und Zeit für neue Zukunftsperspektiven.
Die Reform begann damals mit dem Programm der Bildungsreform (Programa de Reforma Educativa ,PRE), dessen Ziele die Verbesserung der Qualität der Bildung und ein stärker flächendeckendes Angebot der öffentlichen Schulen darstellten. Zu diesem Programm gehörte ebenfalls die Einführung eines zweiten Bildungsweges (Educación Alternativa) für Personen, die auf Grund ihres Alters, ihrer physischen Bedingungen oder geistiger Hindernisse nicht in der Lage waren, ihre Bildung auf dem formalen Weg der Grund- und weiterführenden Schule abzuschließen. Der zweite Bildungsweg sollte ihnen zu einem Abschluss ihres Bildungsganges verhelfen. Teilweise war es diesem Personenkreis nicht einmal möglich, überhaupt eine Schulbildung zu beginnen.
Nun stellt sich zunächst die Frage, was dieser zweite Bildungsweg beinhaltet, inwiefern er sich überhaupt vom konventionellen Weg der Bildung unterscheidet. Hier kann in erster Linie eine Gliederung in drei große Bereiche vorgenommen werden: Erwachsenenbildung (Educación de Adultos), Sonderschulwesen (Educación Especial) und Educación Permanente. Diese drei Bereiche widmen sich den verschiedenen Ursachen, deretwegen eine Schulausbildung nicht abgeschlossen werden konnte. Die Erwachsenenbildung nimmt in dieser Einteilung den weitaus größten und bedeutendsten Teil ein und bezieht sich auf alle Volljährigen, die keine abgeschlossene Schulbildung besitzen. Teilweise, besonders eben in den ländlichen Gebieten, wurde erst gar keine Schulbildung begonnen. In diesen Fällen versuchen zunächst die verschiedenen Alphabetisierungskurse in den Regionen Abhilfe zu schaffen. Des Weiteren gibt es verschiedene Kursstufen, in denen die fehlenden Schuljahre nachgeholt werden können oder eine speziellere berufspraktische Ausbildung in einem bestimmten Bereich - durch die "Technische Bildung" (Educación Técnica) - erworben werden kann. Andere Zweige widmen sich beispielsweise besonders Personen, die auf Grund von geistiger oder physischer Behinderung nicht dazu in der Lage waren, den konventionellen Bildungsweg einzuschlagen.
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