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Vertraute
Namen und Stabilität
Bei den Kommunalwahlen vom 5. Dezember
2004 haben die Wählerinnen und Wähler vor allem für schon
bekannte Kandidaten gestimmt und dabei in vielen Fällen für
klare politische Verhältnisse gesorgt. Für die nationale Politik
zeigt das Wahlergebnis besten-falls einige Tendenzen.
Manchmal ist es die größte Überraschung, dass es keine
Überraschung gibt. Zunächst: Die Wahlen haben insgesamt mit
großer Ruhe und ohne außergewöhnliche Zwischenfälle
stattgefunden. Davon konnte man nicht unbedingt ausgehen, nachdem in den
letzten Jahren immer wieder gewalttätige Auseinandersetzungen das
Bild Boliviens in der Welt geprägt hatten. Für alle, die noch
vor einem Jahr pathetisch von revolutionärer Stimmung in Bolivien
gesprochen hatten, muss das eine Enttäuschung sein. Ganz offensichtlich
genießen demokratische Wahlen in Bolivien doch eine gewisse Wertschätzung,
und die Bolivianer wollen in ihrer großen Mehrheit nicht das Risiko
eingehen, das mit einer völligen Destabilisierung des Landes verbunden
wäre.
Auch in Bezug auf die Wahlergebnisse überrascht so einiges: Ausgerechnet
in La Paz und in El Alto, an den Schauplätzen der dramatischen Ereignisse
des Oktober 2003, haben die Kommunalwahlen eindeutige Ergebnisse und somit
beste Aussichten auf politische Stabilität gebracht. José
Luis Paredes in El Alto sowie Juan del Granado in La Paz sind mit klaren
Mehrheiten wiedergewählt worden. Eine so klare Wiederwahl ist bemerkenswert.
Nicht selten, ob auf nationaler oder auf kommunaler Ebene, erwiesen sich
populäre Kandidaten überall in Lateinamerika als Eintagsfliegen.
Auf einen großen Wahlsieg folgten oft Regierungsjahre, in denen
die staatlichen Kassen von den Machthabenden als Selbstbedienungsladen
betrachtet wurden, frei nach dem Motto "Nutzt die vier Jahre, es
werden die einzigen sein". Die Quittung der Wähler nach vier
Jahren war dann schon fast egal. Ganz anders in La Paz und El Alto. Beide
Bürgermeister waren und sind populär, gerade weil sie im Ruf
stehen, die allgegenwärtige Korruption zumindest ein wenig gebremst
zu haben und dazu auch noch sinnvolle Maßnahmen für die Kommune
in die Wege geleitet zu haben. Die Wähler haben es honoriert und
in einer echten Personenwahl beiden wieder das Vertrauen ausgesprochen.
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Ringen um die neue Energie-Politik
Schlingerkurs zwischen dem Mandat des Volkes und dem Druck der Transnationalen
Nach zwei vergeblichen großen Anläufen der Regierung, die Resultate
des Referendums über die Energiepolitik in Gesetzesform zu gießen
[siehe BOL 139, S. 6 ff. und S.12], sind auch verschiedene Bemühungen
von Seiten der Legislative oder einzelner Abgeordneter, ein allseits
befriedigendes Konzept für das erstrebte Gesetz über die Kohlenwasserstoffe
zu erzielen, vorerst auf halbem Weg stehen geblieben. Verantwortlich dafür
sind Drohungen des Präsidenten, ein Gesetz zu verhindern, das potenzielle
Investoren abschrecken könnte sowie vor allem die Haltung der Senatsmehrheit,
die ebenfalls einen größeren "Realismus" in der Haltung
gegenüber den Transnationalen einfordert. Außerdem schlagen
sich die Regionen mit großem Erdgasvorkommen auf die Seite der Transnationalen
und fordern von der Zentralregierung für sich dafür einen größeren
Anteil an den künftigen Einnahmen des Staates. Bolivien sieht sich
einer massiven Phalanx internationaler Kreditgeber gegenüber, die
unisono darauf bestehen, dass das Land seine Gesetze und Vertragsklauseln
nicht ohne Zustimmung der betroffenen Großfirmen zu seinen Gunsten
ändern darf. Gleichzeitig warten alle internationalen Interessenten
darauf, dass sie endlich ("natürlich" unter ihren Bedingungen)
Zugriff auf den neuen bolivianischen Reichtum bekommen. Große Gas-Lieferungen
nach Argentinien und Brasilien haben begonnen. Weitere Projekte der Erschließung,
Förderung und Verarbeitung sind auf den Weg gebracht.
Erster Schritt und seine Folgen - oder: Wie ein Parlamentsbeschluss zerrissen
wird
Am 21. Oktober verabschiedete das Parlament in großen Zügen
einen von der Gemischten Kommission für wirtschaftliche Entwicklung
(Comisión Mixta de Desarrollo Económico) auf Betreiben
von MAS und NFR erarbeiteten Gesetzesvorschlag, der die sofortige Einführung
einer "direkten" Lizenzgebühr von 50 % sowie die Einnahme
der anderen vorgeschriebenen Abgaben vorsah. Die Lizenzgebühren werden
demnach überall im gleichen Maße "ab Förderstätte"
(en boca de pozo : s. BOL 138,23) eingezogen. Darüber hinaus schreibt
dieses Gesetz die Umwandlung aller bisherigen Verträge mit den Transnationalen
vor. Die Regierung erklärte umgehend, dieses Gesetz habe konfiszierenden
Charakter und werde dem Land wirtschaftliche Verluste bescheren und den
Weg in die Zukunft versperren. Die Energie-Unternehmen drohten sofort
mit Prozessen. Der Vertreter der USA , der für die andine Region
zuständige stellvertretende Außenminister Charles Shapiro,
brachte erstaunlich zurückhaltend seine Sorge um die "Rechtssicherheit"
zum Ausdruck, meinte aber, seine Regierung habe wie die jeder anderen
Nation die Pflicht, "die Investitionen seines Landes zu schützen".
Nichtöffentlich redete Shapiro Klartext: Die Gruppe der finanziellen
Unterstützerländer Boliviens sei brüskiert und die Entwicklungshilfe
werde aufs Spiel gesetzt. Die eingefrorenen Mittel von über 2 Milliarden
US-Dollar (für 2004 noch 200 Millionen USD) für Schuldenablösung
und Investitionen könnten dann nicht flüssig gemacht werden.
Die Kritik der Supermacht an dem eigenwilligen Vorgehen des bolivianischen
Parlaments war gut abgestimmt, denn in den folgenden Wochen meldeten sich
alle wichtigen Bündnispartner und internationalen Finanzorganisationen
wie BID, CAF, Weltbank und IWF mit fast gleichlautenden Drohungen für
den Fall, dass Bolivien die Regeln des Spiels nicht beachte. Die internationale
Gemeinschaft der "Geberländer" zeigte sich auch darüber
besorgt, dass der Prozess des "Nationalen Dialogs" nicht vorangeschritten
sei, denn vor einem Empfang der Mittel muss ja erst ein Konsens über
ihre Verwendung im Bereich des Sozialen hergestellt sein.
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Boliviens Antidrogenkampf:
Die "Neue Integrale Strategie 2004 - 2008"
Alter Wein in neuen Schläuchen oder Kehrtwende in der Drogenpolitik?
Anfang September 2004 stellte Präsident Mesa seine, seit Monaten
erwartete und zu letzt im August auf unbestimmte Zeit verschobene, neue
Antidrogenstrategie vor, die trotz einiger wichtiger Neuerungen auf harsche
Kritik der Kokaproduzentengewerkschaften stieß. Vorausgegangen waren
der Strategie zahlreiche Verhandlungen zwischen Produzentenvertretern
aus den Yungas und dem Chapare und der Exekutive, die seit der Regierungsübernahme
durch Carlos Mesa von einem dreimonatigen "Waffenstillstand",
einem Verzicht von Protestaktionen seitens der Cocalero - Gewerkschaften,
profitieren konnte. Im Juni 2004 verkündete der Vizeminister für
soziale Verteidigung, dass die Kokaproduzenten definitiv am Ausarbeitungsprozess
der neuen Strategie beteiligt würden, um Vorschläge zu unterbreiten
und Fehler der Vergangenheit zu vermeiden.
Tatsächlich strotzt der kürzlich vorgestellte und vom Vizeminister
als "ehrgeizig" bezeichnete Drogenbekämpfungsplan vor
dem Sektor bislang fremden und wohlklingenden Vokabeln wie "Integralität",
"Nachhaltigkeit" und "Beteiligung".
Die "Neue Integrale Strategie 2004 - 2008"
Beim ersten Blick bietet die "Neue Integrale Strategie" nur
wenig Innovatives und wird von Regierungsbeamten auch als Weiterführung
des, vom verstorbenen General Banzer entworfenen, "Plan Dignidad"
bezeichnet.
Die Implementierung des Banzer´schen "Plan Dignidad",
dessen Schwerpunkt in der Praxis bei der Zwangsausrottung der Kokastauden
lag, hatte zwischen 1999 und 2001 nicht nur zu einer drastischen Reduzierung
der Kokaanbauflächen und damit zu internationalen Lobeshymnen geführt,
sondern auch zu katastrophalen ökonomischen und sozialen Verhältnissen
in den Produktionsgebieten des Chapare. So mag manch einer gestaunt haben,
dass die neue Strategie nichts anderes als eine Weiterführung dieser
verfehlten Politik sein soll. Bald setzten Mesas Funktionäre nach:
man sei, in Abgrenzung zum repressiven "Plan Dignidad", um die
"Harmonisierung der Strategieelemente"1 bemüht. Da sich
die illegalen Anbauflächen infolge der Kokavernichtung im Chapare
in den vergangenen Jahren immer mehr in die Region Yungas verlagert haben,
sieht die Strategie vor allem eine Reduktion des Anbaus in diesem Gebiet
vor. Die nationale Gesetzgebung erlaubt dort 12 000 ha Kokaproduktion
zum traditionellen Konsum, nach Regierungsangaben stehen aber inzwischen
mehr als 20.000 ha unter Koka. Insgesamt sind die Kokaanbauflächen
in Bolivien zwischen 2002 und 2003 um 17% gestiegen, allein in den Yungas
um 26%.2 Die Vernichtung der yungueñer Kokabestände soll auf
freiwilliger Basis stattfinden und kompensiert werden.
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Ex-Präsident Lozada
soll vor Gericht
Die Bemühungen, Ex-Präsident Gonzalo Sánchez de Lozada
in Bolivien vor Gericht zu bringen, sind einen entscheidenden Schritt
voran gekommen. Am 13. Oktober entschied der bolivianische Kongress überraschend,
einen Gerichtsprozess gegen Lozada zuzulassen. Er soll für den Tod
von mindestens 60 Menschen verantwortlich gemacht werden. Vor genau einem
Jahr war es zu einem Aufstand gegen Lozadas Wirtschafts- und Energiepolitik
gekommen, den Polizei und Militär auf Befehl von oben blutig niederzuschlagen
versuchte. Doch die Gewalt zahlte sich für den erst kurz zuvor gewählten
Machthaber nicht aus: Nach wenigen Tagen musste Lozada von Amt zurücktreten
und in die USA fliehen. Sein Vize Carlos Mesa übernahm daraufhin
die Präsidentschaft und legte den umstrittenen Plan, Gas zu Billigkonditionen
zu exportieren, auf Eis.
Der Beschluss des Kongresses, der vor dem Parlamentsgebäude von Hunderten
Demonstranten gefeiert wurde, gilt als historischer Vorgang, da in dem
südamerikanischen Land zum ersten Mal ein Ex-Präsident vor Gericht
gestellt werden könnte. Es dauerte zwölf Stunden intensiver
Debatte, bis sich die Abgeordneten zu der Entscheidung durchrangen. Obwohl
eine Zweidrittelmehrheit in dem konservativ dominierten Haus notwendig
war, kamen überraschenderweise 21 Stimmen mehr als nötig zusammen.
Jetzt ist der Oberste Gerichtshof befugt, ein Verfahren einzuleiten. Dies
beträfe laut Parlamentsbeschluss nicht nur Ex-Präsident Lozada,
sondern auch alle seine 15 im vergangenen Oktober amtierenden Minister.
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Modernisierung der Steuerverwaltung schreitet
voran
Die Steuerverwaltung hat erste Schritte unternommen, um die Steuerklärung
für die Veranlagung der Gewerbesteuer zu vereinfachen und die Erhebung
auf eine neue Grundlage zu stellen. Jeder Betreiber eines steuerpflichtigen
Gewerbes erhält eine Steuernummer (Número de Identificación
Tributaria NIT). Diese Nummer zusammen mit einer im Geschäft aufgehängten
Urkunde beweist die offizielle Anmeldung des Gewerbes.
Die Neuregistrierung der Steuerpflichtigen muss bis zum 30. November erfolgt
sein. Ab dem ersten Januar 2005 tritt die neue Steuerausweisnummer (NIT)
in Kraft. Bislang sind nur wenige Gewerbetreibende dieser Aufforderung
nachgekommen. Bis zum 19. November hatten sich nur 132 Unternehmer neu
registrieren lassen. Wer den Beantragungstermin versäumt hat, wird
als illegal deklariert und kann von der Steuerbehörde verklagt und
bestraft werden.
Mit der Neuregistrierung sind zudem Erleichterungen für die Steuererhebung
verbunden. Außerdem sollen durch die neue Form der Erhebung die
Zuverlässigkeit der Angaben erhöht und die notwendigen Formalitäten,
die der Steuerzahler erledigen muss, verringert werden. Die Steuerausweisnummer
(NIT) stützt sich auf die Personalausweisnummer jedes Steuerzahlers.
Sie unterscheidet Privatpersonen von Firmen und verhindert so eine doppelte
Eintragung in das Steuerregister. Durch die moderne und effiziente Bereitstellung
ihrer Dienstleistung sollen die Verhältnisse zwischen Steuerzahlern
und Steuerbehörde verbessert werden.
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