Bolivia Nr. 139
August - Oktober 2004
(48 Seiten, erschienen am 12.10.2004)

Inhalt
Nach dem Referendum
"Ich werde nicht locker lassen" - Evo Morales über seine Auseinandersetzung mit dem Präsidenten
Kommunalwahlen 2004 in Bolivien
Gerichtsverfahren über die Verantwortung Gonis
Schwarzer Rauch und roter Mond - Die ökologischen und gesundheitlichen Folgen der Brandrodungen
- Revolution und Reform auf dem Land
- Klärung der staatlichen Strukturen - Auf dem Weg zur Verfassunggebenden Versammlung
- Kinderarbeit in der Zuckerrohrernte
- Die Chagas-Krankheit - eine Krankheit der Armen
- Bilder vom Referendum am 18.07.2004

 


Auszüge aus den Beiträgen

 

Nach dem Referendum
Der Tanz um das Gas
Das Referendum über die künftige Gas-Politik verlief - entgegen einiger Ankündigungen [s. Bolvia 138, S. 15 ff. und 20 ff.] und Befürchtungen - außerordentlich ruhig. Präsident Carlos Mesa hatte noch einmal am Anfang des Wahltages selbst eine Hymne auf die Einheit und Demokratiebejahung der Bolivianer angestimmt: "Lasst uns nicht unsere Energien in wenig konstruktiven Aktionen verschleudern. Lasst uns unsere Stimme erheben und an dem Referendum teilnehmen; lasst uns die Demokratie festigen und vertiefen. Lasst uns die Freiheit erhalten, die mit so viel Blut und Opfern erstritten wurde. Es lebe das demokratische Bolivien, Gott möge es segnen."
Die Energiegiganten wollen das Gesetz bestimmen
Kaum aber waren die Wahllokale geschlossen, begann der neue Streit, - diesmal um die politische Auslegung der Ergebnisse des Urnengangs. Die mit einem ziemlich schwachen "Ja" unterstütze 5. Frage wurde von Mesa gleich als erste aufgegriffen. Er konkretisierte den in dieser Frage fast ein bisschen versteckten Hinweis auf den von ihm geplanten Export des Gases mit der eindeutigen und von wenigen bestrittenen Erklärung, das Gas nicht nach Chile, aber über Peru in andere Länder zu exportieren. Chile seinerseits zeigte sich für künftige Gas-Projekte mit Bolivien aufgeschlossen, insistierte aber darauf, dass der in Frage 4 angesprochene und von den Teilnehmer(-innen) des Referendums bejahte souveräne Zugang Boliviens zum Pazifischen Ozean nicht Gegenstand von Verhandlungen sein dürfe. Schon für den Donnerstag nach dem Referendum wurde ein Treffen mit dem argentinischen Staatspräsidenten Nestor Kirchner anberaumt, mit dem zusammen eine Erklärung über die beabsichtigte Erhöhung des Gasexportvolumens unterzeichnet werden sollte. [siehe auch Bolvia 138, S.12 ff.]
Die zweite wichtige Entscheidung Mesas war es, ein Gesuch der Erdöl- und Erdgasgesellschaften abzulehnen, in dem diese darum baten, "auf freundschaftliche Weise" mit der Regierung einen "Konsens" zu suchen. Sie hatten sich zu früh gefreut und gerade die neue offizielle Gasexport-Politik als Freibrief für weitere "ungestörte" gute Geschäfte begrüßt. Die Deutsche Bank in Madrid hatte frohgemut erklärt: Ein Ja zum Referendum in Bolivien ist "eine gute Basis dafür, dass die weltweit tätigen Energie-Gesellschaften Repsol, Petrobras, Total y ExxonMobil, die dort (in Bolivien) operieren, daran zu arbeiten beginnen, die ... entdeckten 52 Trillionen Kubikfuß (TCF) zu kommerzialisieren."
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"Ich werde nicht locker lassen" - Evo Morales über seine Auseinandersetzung mit dem Präsidenten
Das folgende Interview erschien Anfang September in der Wochenzeitung Pulso.
Er hat gerade mit beträchtlichem Erfolg tausende Anhänger des westlichen Teils des Landes mobilisiert. Seine Diskrepanzen mit Präsident Mesa über die Art, wie die Ergebnisse des Referendums, für das beide gekämpft haben, zu verwirklichen sind, erklären einen großen Teil der Regierungsprobleme der letzten Wochen. Obwohl diese Konfrontation dem Land unvorhergesehene Konsequenzen bescheren könnte, versichert der Führer des MAS, dass er "nicht locker lassen wird", selbst wenn dies seinem Ansehen in der Mittelschicht schadet. Er ist sicher, dass Bolivien im Recht ist und ohne Verluste eine "rechtmäßige Nationalisierung" der Kohlenwasserstoffe durchführen kann.
Frage: Für den MAS bedeutet Nationalisierung der Kohlenwasserstoffe soviel wie die jetzigen Verträge der Ölkonzerne aufzulösen oder noch etwas mehr?
Antwort: Wenn wir "Rückgewinnung aller Kohlenwasserstoffe an ihrem Fundort (boca de pozo)" sagen, so wie die Antwort des bolivianischen Volkes auf die zweite Frage (des Referendums) lautete, sprechen wir von der "rechtmäßigen Nationalisierung". Und die Zurückgewinnung aller fossilen Brennstoffe geschieht durch die Überprüfung und die Annullierung der 78 Verträge. Denn es ist nicht möglich, dass die transnationalen Unternehmen weiterhin über einen natürlichen Rohstoff entscheiden, der dem bolivianischen Volk gehört und der die Hoffnung auf Lösung der ökonomischen Krise darstellt. Dies bedeutet im Grunde, dass wir unsere natürlichen Ressourcen und die Transnationalen ihre Technologie behalten. Wir sprechen nicht von Enteignung oder von Konfiszierung. Das hieße in der Tat, vor Gericht zu ziehen und dass der bolivianische Staat (die Ölkonzerne) entschädigen müsse … Ich weiß, dass der Staat die Dienstleistungen und die Technologie der Transnationalen braucht. Deswegen muss er diese Dienstleistungen in Auftrag geben.
Und hier haben wir zwei Meinungen, zwei Vorschläge der Experten … Ich bin Experte was Koka anbelangt und Land, aber was Brennstoffe betrifft … das ist schwierig. Laut diesen Leuten, die ihr Land wirklich lieben, gibt es zwei Wege. Einer wäre, offensichtlich, die transnationalen Unternehmen für die Bohrungen zu engagieren … speziell für das. Der andere Weg wäre: Wir sind die Besitzer der Kohlenwasserstoffe; aber da sie (die Ölkonzerne) diejenigen sind, die investieren, können wir die Gewinne teilen, 50 % zu 50 %. Was tun wir auf dem (bolivianischen) Land? Ich habe Land, Du hast kein Land; dann produzierst Du auf meinem Land und wir teilen den Erlös durch zwei: Wir produzieren "teilend" ("al partido"). Die Debatte, die wir innerhalb der Fraktion der MAS führen, dreht sich darum, ob es uns mehr kostet, die Transnationalen zu engagieren als den Gewinn zu teilen. In diesem Falle wäre die letzte Option besser. Bei der "teilenden" Produktion ("al partido") gehört das Land weiterhin mir; Du kannst dieses Jahr produzieren, wir teilen die Hälfte und danach gehst Du halt. Wenn Du danach erneut auf meinem Land etwas anbauen willst, machst Du das, wir teilen die Hälfte und das Land gehört immer noch mir. Die andere Option ist, dass ich dich mein Land bearbeiten lasse und zum Ausgleich dafür bezahle. Die gesamte Produktion gehört mir; aber ich bezahle dich für deine Arbeit. Wenn das aber teurer ist, als die Produktion unter uns zu teilen, dann ist Letzteres besser. Das ist die Debatte, die wir führen. Aber in beiden Fällen gehört das Erdöl uns und der bolivianische Staat ist derjenige, der die Entscheidungen trifft.
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Kommunalwahlen 2004 in Bolivien
Der Termin für die Kommunalwahlen am 6. Dezember 2004 rückt immer näher. Die diesjährigen Wahlen stehen ganz im Zeichen der Abwendung breiter Wählerschichten von den traditionellen Parteien. Die Unzufriedenheit mit den etablierten Parteien hat zu einer Gründungswelle von unabhängigen Wählerinitiativen geführt, die sich zum Ziel gesetzt haben, die Macht in den Kommunen zu übernehmen. Insgesamt haben 912 Gruppierungen ihre Kandidatur angemeldet, 545 sind ernsthaft dabei, die juristischen Voraussetzungen für die Teilnahme an der Wahl zu schaffen. Hierzu gehört vor allem die Anerkennung einer Gruppierung als "Juristische Person". Diese wird den Initiativen jedoch nur dann gewährt, wenn sie eine Mindestanzahl an Unterschriften von wahlberechtigten Anhängern vorweisen können: 2 Prozent der in der Gemeinde abgegebenen gültigen Stimmen bei der letzten Kommunalwahl 1999. In 80% der Gemeindebezirke braucht damit eine Gruppe zwischen 5 und 99 Unterschriften und in nur 20% der Kommunen sind mehr als 100 Unterschriften zur Aufstellung eines Kandidaten notwendig. Nach offiziellen Informationen haben allerdings bislang nur 47 Bürgerinitiativen (agrupaciones ciudadanas) sowie einige indigene Dorfkommunen (pueblos indígenas) aus den Regionen La Paz, Cochabamba, Chuquisaca, Potosi und Santa Cruz vom nationalen Wahlgericht (Corte Nacional Electoral CNE) diese Anerkennung erhalten. Sowohl die mangelhafte Vorbereitung der städtischen und ländlichen Wählerinitiativen als auch die zu kurze Antragsfrist lassen befürchten, dass nicht alle Anträge rechtzeitig bearbeitet werden können oder aber die notwendige Anzahl an Stimmen nicht aufgebracht wird. Bis zum 6. Oktober musste jede Partei ihren Wahlkandidaten angemeldet haben.
Bislang scheint das Interesse der Bevölkerung an den Kommunalwahlen eher gering zu sein. Drei Tage vor Ablauf der Anmeldefrist erreichte die Zahl der in den Listen eingetragen Sympathisanten nicht mal 50% der Wahlberechtigten. Wahlberechtigt sind volljährige Personen, die über einen festen Wohnsitz und über einen gültigen Personalausweis verfügen Die Parteien beklagen sich über das Desinteresse der Bevölkerung und suchen eifrig weiter nach Unterstützung. Der MAS (Movimiento al Socialismo, Bewegung zum Sozialismus) von Evo Morales ist bis jetzt die Partei mit dem größten Anteil an registrierten Kandidaten.
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Gerichtsverfahren über die Verantwortung Gonis
Ex-Präsident Sánchez de Lozada, dessen Rücktritt am 17. Oktober 2003 nach gewaltsamen Auseinandersetzungen erfolgte (siehe Bolivia 136), wird angeklagt, verantwortlich zu sein für das beklagenswerte Blutvergießen während der tragischen Oktobertage 2003, in denen mehr als 50 Menschen ihr Leben verloren und mehrere Hundert verletzt wurden. Seitdem ist schon fast ein Jahr vergangen, ohne dass das Gerichtsverfahren gegen die Verantwortlichen durchgeführt wurde, da der Prozess auf verschiedene Art und Weise behindert worden ist
Entsprechend dem Gesetz über Gerichtsverfahren über die Verantwortlichkeit von staatlichen Amtsträgern, wird das Strafgesetz zur Verhängung von Sanktionen angewandt. Entsprechend diesem Gesetz ist es notwendig festzustellen, zu welchem Grad die Angeklagten an den Straftaten beteiligt waren, damit Normen des Strafgesetzes angewendet werden können. Es muss festgestellt werden, ob die Angeklagten Wissen und Willen hatten, Straftaten durchzuführen (Art.14 des Strafgesetzes), und definieren, ob sie diese alleine begangen haben, mit anderen zusammen oder durch andere (Artikel 20), sowie die Umstände analysieren, in denen sie gehandelt haben.
Das Gesetz über die Verantwortlichkeiten setzt die Prozedur fest: Sie beginnt mit der Anzeige eines Staatsbürgers vor der Staatsanwaltschaft, die innerhalb von 15 Tagen ihre Anklage erheben und die Akte an den Obersten Gerichtshof weiterleiten muss, zu dem sie nach einem Bericht ihrer Strafkammer den Kongress der Republik einbestellt, damit zwei Drittel seiner Mitglieder den Prozess gegen die Angeklagten genehmigen.
Warum ist das Gerichtsverfahren gegen Gonzalo Sánchez de Lozada ein Jahr nach den Vorfällen noch nicht einmal vom Kongress debattiert und /oder genehmigt worden? Mehrere Elemente spielten und spielen noch eine Rolle in der Verhinderung des Gerichtsverfahrens. Hier eine Chronologie der Ereignisse im Fall Sánchez de Lozada:
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Schwarzer Rauch und roter Mond -Die ökologischen und gesundheitlichen Folgen der Brandrodungen
Mitte September bedeckte dunkler Rauch viele Städte Boliviens. In fünf Departements - in La Paz, Cochabamba, Santa Cruz, Beni und Pando litten die Menschen Atemnot, ein Baby und ein alter Mann starben an Lungenentzündungen auf Grund der verunreinigten Luft.
Ein im Departement Santa Cruz installierter Monitor des Ministeriums für Wissenschaft und Technologie Brasiliens deckte 2302 Brandherde auf. Hinzu kamen Winde und die Trockenheit, die sich durch die zahlreichen Brände noch weiter steigerte. Die Schäden in 50 Kommunen sollen sich nach Berechnungen auf über 500 Hektar belaufen. Der Departementsrat von Santa Cruz erklärte den Notstand für die ganze Provinz. Die Farm La Fatiga in San Ignacio de Velasco wurde eingeäschert; in 50 km Umkreis verbrannten außerdem Rinder sowie zwei Traktoren und drei Lastwagen.
Im Dorf San Pablo in Beni mussten über 300 Personen aus Sicherheitsgründen evakuiert werden. In anderen Ortschaften fielen die Häuser dem Brand zum Opfer. Dörfer in Pando litten unter dem Rauch, der vom Beni herüberzog. Die Sichtweite der Autos beträgt oft nur 15 Meter. Nachts leuchtete ein roter Mond am Himmel. Die Straßen zwischen den Gemeinden Puerto Rico und Cobija waren von den sich nähernden Flammen bedroht. Oft war auch Hilfe kaum möglich, weil die Helfer sich sonst höchster Gefahr ausgesetzt hätten. Der Rauch verhinderte überall den Start, öfter auch die Landungen von Flugzeugen, da die Sichtweite oft nur einen Bruchteil der vorgeschriebenen betrug. An einem dieser finsteren Tage bildeten Auto- und Motorradfahrer eine Kette und schalteten ihre Lichter ein, um einem Flugzeug bei der Landung zu helfen, in anderen Fällen gelang dies nicht. Rauch, Ruß und Asche, manchmal auch noch infolge des Windes mit Sandstaub vermischt, füllten die Luft. Bindehautentzündungen und Atemwegsreizungen häuften sich.
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