Bolivia Nr. 138
Mai - Juli 2004

Inhalt
Editorial
Das Referendum über das Gas
Proteste gegen das Referendum
- Zahlen zum Thema Erdgas
Kein wirklich neues Gesetz
Das Referendum ist eine Farce
- Fünf Fragen, die nichts schlichten
- Das Immunitätsabkommen zwischen Bolivien und den USA
- Mit fester Hand gegen die sozialen Konflikte
- Kurznachrichten
- Zeitschriftenschau

 

Auszüge aus den Beiträgen

 

Editorial

100 Nummern SAGO bzw. BOLIVIA in Berlin
Wer erinnert sich heute noch an jenes kleine gelb-schwarze Heft unserer Zeitschrift mit der Nummer 39 vom November/Dezember 1982, welches damals noch im Zweimonatsrhythmus erschien und auf der inneren Umschlagseite den schräg geschriebenen, Aufmerksamkeit erweckenden Vermerk enthielt "ab jetzt" - dem die Angabe der neuen Redaktionsadresse Forsterstr.41 in Berlin-36 folgte? Dem Ort Kreuzberg ("SO 36") sind wir - von einer längeren Unterbrechung abgesehen - treu geblieben, aber die Zeiten, die RedakteurInnen, die Themen und die Umstände der Produktion haben sich in diesen über 21 Jahren sehr verändert! (Hier sei auch auf die Darstellung unserer Redaktionsgeschichte auf unserer Homepage verwiesen.) Unter der Bánzer-Diktatur war es natürlich schwierig, gute Informationen auf dem "offenen Markt" zu bekommen. Auch danach hatte die Informationsauswahl etwas Zufälliges, da wir meist von denen abhingen, die einen Koffer mit Zeitungen von einer Bolivien-Reise mitgebracht hatten . Andererseits waren unsere dünnen 32-Seiten-Hefte auch schnell "gefüllt". Es gab Grafiken und Karikaturen statt Fotos. In der ersten Zeit hatten wir auch deutlich mehr MitarbeiterInnen - in der Redaktion, oft kamen zehn und mehr zusammen. Das Layouten wurde noch primitiv mit Schere und Klebstoff verrichtet, aber diese kollektiven Arbeitssitzungen bis tief in die Nacht hatten auch etwas Gemütliches. Heute wird das elektronische Layout geradezu professionell von einem unserer Mitarbeiter erledigt. Infolge des Internetzugangs müssen wir jetzt regelrecht mit einer Informationsflut fertig werden, und dies bei einer stark geschrumpften Mitarbeiterzahl. Wir arbeiten hier seit Jahren hart am Limit des gerade noch Möglichen. Eine Entlastung bedeutet es da schon, dass sich wenigstens einige angeboten haben, unsere Arbeit von außen mit Übersetzungen (von Interviews u.ä.) zu unterstützen.
Es gibt im deutschen Sprachraum kaum noch 1 Land Zeitungen über ein kleines Land im Süden. Wir haben uns über 20 Jahre gehalten, dabei auch die Palette der Berichterstattung stark ausgeweitet. Nun sind wir bei der 100. Nummer angelangt. Ein bisschen stolz sind wir schon - und hoffen auf weiteres Bestehen und tatkräftige Mithilfe in den Zeiten, die da kommen!
Die Redaktion

Das Referendum über das Gas
"Es erscheint uns wirklich wichtig, dass das Referendum durchgeführt wird. Wir sind davon überzeugt, dass es ein sehr wichtiger Schritt in Sachen Demokratie ist, dass man damit beginnt, das Volk zu verschiedenen konkreten Dingen zu befragen, die die ganze Nation betreffen und von allgemeinem Interesse sind. So ist nun - im konstitutionellen Rahmen der Demokratie - die Abhaltung des Referendums etwas Fundamentales." Edmundo Abastoflor, Vizepräsident der Bischofskonferenz
"Ob nun das Ja oder Nein gewinnt, die Transnationalen werden das Gas weiter als Rohstoff exportieren können, es wird keine Industrialisierung des Gases im Lande geben und keine bedeutende Steigerung der Einkünfte für den Staat." Gabriel Tabera Soliz, Una trampa de cinco preguntas [Eine Falle von fünf Fragen] , cedib 31.5.04
Mit diesen Worten eines kirchlichen Würdenträgers und eines kritischen Journalisten sind die Gefühle umschrieben, die den nachdenklichen Bolivianer in diesen Wochen erfüllen. Es ist ja für Bolivien das erste Mal, dass das Volk direkt an einer Abstimmung über eines der wichtigsten Politikfelder beteiligt wird. Das was die Schweizer seit langem auf allen Ebenen ihres Bundesstaates tun, sollen nun auch die Bolivianer in einer Problematik leisten, die das Volk in jenen Revolten des Jahres 2003 bis aufs Blut gereizt hatte. Der geschichtsbewusste, leidgeprüfte Skeptiker wittert nun, dass - nach Silber, Zinn und all den anderen mehr oder weniger geraubten Bodenschätzen - mit dem Gas ein weiterer, für die Welt hochwichtiger Rohstoff an die Reichen und Mächtigen dieser Welt verscherbelt werden soll. Der Kirchenmann freut sich, dass das Volk in dieser Schicksalsfrage an dem friedlichen Prozess eines Befragung beteiligt wird, und sollte doch wissen, dass alles Fragen vielschichtig ist, dass mehr oder weniger versteckte Strategien und Ziele im Hintergrund zu vermuten sind. Fragen nur um der schönen Form des Fragens willen geraten sehr schnell und zu Recht in die Kritik, Respekt vor dem Bürgerwillen lediglich vorzutäuschen, in Wirklichkeit aber den Herrschenden freie Hand zu lassen, die Entscheidungen am Volk vorbei zu treffen.
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Proteste gegen das Referendum
Während im Parlament noch um die letzten juristischen Hürden für die Durchführung des Referendums gerungen wird, verstärkt sich im Land auch der Protest gegen das Plebiszit. Hauptkritikpunkt ist dabei weniger das Referendum als Instrument als solches, sondern vielmehr die uneindeutig und insbesondere für die ländliche Bevölkerung schwer verständlich gestellten 5 Fragen. Außerdem, so der Vorwurf, würden diese der zentralen Frage nach der Verstaatlichung der fossilen Brennstoffe ausweichen. Eben dies fordern jedoch soziale Bewegungen und Gewerkschaften in Folge der Ereignisse des vergangenen Oktobers: die sofortige Re-Verstaatlichung der Erdöl- und Erdgasvorkommen Boliviens, ohne Rücksicht auf bestehende Verträge mit Transnationalen Unternehmen.
Am 17. Juni erklärte daher ein breites Bündnis aus Gewerkschaften, Indígena- und Bauernorganisationen seine Ablehnung gegenüber dem Referendum und kündigte an, die Abstimmung am 18. Juli boykottieren zu wollen. Auch die größte bolivianische Gewerkschaftsorganisation COB (Central Obrera Boliviana) lehnt die Fragen des Referendums als uneindeutig und an den Forderungen der Bevölkerung vorbeigehend ab. Der Vorsitzender der COB, Jaime Solares fordert stattdessen eine einzige Frage: "Wollen Sie die sofortige Verstaatlichung der fossilen Brennstoffe, Ja oder Nein ?". Als Gegenstimme zum Referendum wurde mit der Sammlung von Unterschriften für die sofortige Verstaatlichung der Erdgas- und Erdölvorkommen begonnen. Bis zum 18. Juli, an dem das Referendum stattfinden wird, erwartet die COB eine Millionen Unterschriften gesammelt zu haben. Das entspräche etwa 12% der bolivianischen Bevölkerung.
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Kein wirklich neues Gesetz
Mesas Gesetzesentwurf über fossile Brennstoffe entspricht dem erhofften Ausgang des Referendums
Eine der Verpflichtungen, die Präsident Carlos Mesa mit der berühmten "Oktober-Agenda" übernommen hatte, ist die Änderung des Gesetzes Nr. 1689 über Erdöl und Erdgas vom 30. April 1996. Die Gesetzesänderung gehörte zu den zentralen Forderungen des Aufstands vom Oktober 2003, als sich die Bewohner der Stadt El Alto und weite Teile der bolivianischen Bevölkerung erhoben hatten und mehr als achtzig Menschen starben, bis der damalige Präsident Sánchez de Lozada zurücktreten musste (siehe Bolivia 136).
Mit der Erarbeitung eines neuen Gesetzentwurfs wurde eine zu diesem Zweck gegründete Kommission beauftragt (siehe Bolivia 136), die sogenannte "Erdgas-Kommission", die nach monatelangen intensiven Verhandlungen mit den Erdölunternehmen einen Entwurf formulierte. Darin geht es im wesentlichen um folgende Punkte: 1) das Eigentum an Erdöl und Erdgas; 2) die Stärkung der staatlichen Erdölgesellschaft YPFB (Yacimientos Petrolíferos Fiscales Bolivianos); 3) die Verträge; 4) Lizenzgebühren und Beteiligungen des Staates sowie 5) die Zusatzsteuer auf Erdöl und Erdgas. Der vorliegende Beitrag wird die jeweils wichtigsten Aspekte der genannten Punkte näher erläutern.
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Das Referendum ist eine Farce
Interview mit René Blattmann
Wenn es nach dem ehemaligen Justizminister ginge, sollte die für den 18. des Monats angesetzte Befragung verschoben werden. Seiner Meinung nach sind die Fragestellungen nicht eindeutig, außerdem benutze die Regierung unter Mesa das Referendum, um Bestätigung zu bekommen und nicht um eine Entscheidung hervorzubringen. Die Überprüfung der Verträge der Erdölkonzerne habe keinen Einfluss auf die Rechtssicherheit.
Als Sie im Jahr 2002 Präsidentschaftskandidat wurden, schlugen Sie Unabhängigkeit und eine Verankerung des Referendums in der Verfassung vor. Wie lautet Ihre Meinung zum Referendum für die Verwendung der Gasvorkommen?
Das Referendum von dem ich träumte, bezog sich auf die Toleranz und auf die Teilnahme, nicht jedoch in der Form, in der es jetzt in Bezug auf das Gas umgesetzt wurde. Global betrachtet wurden Volksabstimmungen von demokratischen Regierungen und auf demokratische Art und Weise eingeführt, da die Regierungen die Meinung der Menschen erfahren wollten. Die Fragen sollten ganz eindeutig gestellt werden, so wie das in Uruguay geschehen ist, als man die Menschen fragte, ob sie mit der Privatisierung der staatlichen Betriebe einverstanden wären … oder wie in der Schweiz, wo die Frage gestellt wurde, ob man Teil der Europäischen Gemeinschaft sein wolle - ja oder nein. Die Fragen des Gas-Referendums jedoch sind auf eine Weise formuliert, die die Menschen daran hindert, "nein" zu sagen, sie beabsichtigen, ein bereits vorbestimmtes Ergebnis zu erzielen.
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