Bolivia Nr. 137
Februar - April 2004

Inhalt
Politik zwischen Finanzkrise und Energieüberschuss
Das Agrardilemma der Regierung
Einige Gründe für den Sturz Gonis
Selbstmord von Bergarbeiter im Kongress
Neue bolivianische Filme
- Liebe in den Zeiten des Wandels
- Fahrräder - ein unverzichtbares Verkehrsmittel
- Kurznachrichten
- Buchrezensionen
- Zeitschriftenschau

 


Auszüge aus den Beiträgen

Politik zwischen Finanzkrise und Energieüberschuss
Die Politik Boliviens schien in den vergangenen drei Monaten auf der Stelle zu treten, weil entscheidende Gesetze über die Neugestaltung der Energiepolitik und auf dem fiskalischen Gebiet lange angekündigt, aber noch immer nicht verabschiedet werden konnten. Dennoch werden jetzt die Konturen der neuen Wirtschafts- und Finanzpolitik sichtbar. In dieser entscheidenden Phase traten die wichtigsten Akteure neben dem Präsidenten wieder stärker in den Vordergrund: die transnationalen Unternehmen und "ihre" Regierungen, die bolivianischen Unternehmer, die Parteien und nicht zuletzt die internationalen Geldgeber. Dies und die hohe Verschuldung macht die politische Führung nicht einfach; zwei wichtige Minister mussten zurücktreten. Und doch konnte ein wichtiges Versprechen eingelöst werden: Die neue Konstitution wurde beschlossen und damit auch der Weg zur Verfassunggebenden Versammlung mit noch größeren Möglichkeiten für eine Neugestaltung Boliviens sowie das Gas-Referendum geebnet. Der Präsident selbst hat in diesen Monaten mit seiner Aufrichtigkeit, seiner großen Fähigkeit zum Dialog und einer gewissen Geschicklichkeit in der Handhabung der historisch so neuen Situation seine hohe Popularität bewahrt. Auch deshalb fiel es den die neue Politik wegen ihres Kompromisscharakters schroff ablehnenden Kräften (der MIP von Felipe Quispe, Teile der COB) schwer, die Massen zu neuen Konfrontationen zu motivieren. Ende März sieht es so aus als könnte Mesa schaffen, was seinem Vorgänger nicht gelang: mit Hilfe einer erneuerten Energiepolitik dem Land eine Perspektive zu schaffen.
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Das Agrardilemma der Regierung
Der Kurs, den die landwirtschaftlichen Prozesse in den nächsten Jahren einschlagen werden, wird auf durch verschiedene Faktoren bestimmt: durch die Kontrolle der Agrarinstitutionen, durch den Druck der Anwendung oder Modifizierung der gültigen Normen und durch die sozialen Bewegungen in den ländlichen Gebieten. Betrachten wir diese Faktoren im einzelnen.
Die Ernennung von Alcides Vadillo im Dezember letzten Jahres zum vorläufigen Direktor [des INRA (Instituto Nacional de la Reforma Agraria, Nationales Institut für Agrarreform), Anm. d. Red.] mit voller legaler Befugnis über die nationale Leitstelle des INRA war eine Notmassnahme des Präsidenten Carlos Mesa, welche die Sektoren der Großgrundbesitzer in Rage brachte: Verschiedene Departementverbände der Viehzüchter und die Landwirtschaftskammer des Ostens (Cámara Agropecuaria del Oriente, CAO) protestierten gegen diese Nominierung, welche die sechs Jahre währende Zeit der direkten Einflussnahme dieser Interessensverbände auf das Hauptagrarinstitut des Landes, zuerst mit Hugo Teodovich (1997 - 1998) und danach mit René Salomón (1998 - 2003), beendete.
Vadillo vertritt nicht die Sektoren der Landarbeiter und indigenen Bevölkerung, aber ebenso wenig vertritt er die Großgrundbesitzer. Daher ist seine Verwaltung instabil, da ihr die Basis für eine soziale Unterstützung fehlt. Hinzu kommt, dass sein Mandat zu einem Zeitpunkt begann, als mehrere Fälle von Schiebung und betrügerischer Landvergabe aus der Zeit Salomóns aufgedeckt wurden. Wir erinnern daran, dass Pulso in seiner Ausgabe letzte Woche auf der Titelseite über die Agrarkorruption des INRA berichtete.
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Einige Gründe für den Sturz Gonis
In der jüngeren Vergangenheit Boliviens hat die Zivilgesellschaft zwei zentrale Momente durchlebt: auf der einen Seite artikulierte sie sich energisch und setzte sich fundamentale Ziele, für die sie voller Entschlossenheit kämpfte, und ließ dabei ihre ganze Stärke und Vitalität glänzen, wie in den Momenten nach der Revolution von 1952, in den Momenten vor der Rückeroberung der demokratischen Freiheiten 1982 und in den Momenten vor dem Aufstand von Oktober 2003, als sie die Niederlage der Regierung von Gonzalo Sánchez de Lozada erreichte; auf der anderen Seite können Momente beobachtet werden, in denen die Zivilgesellschaft vom Weg abkam und Rückschritte machte in ihrer Fähigkeit, selbstbestimmte Horizonte für gemeinsame Aktionen zu schaffen, wie es in den Zeiten der Diktaturen der Sechziger geschah und in der Epoche der Anwendung des neoliberalen Modells mit seinen strukturellen Anpassungen und Reformen.
In der Absicht, den Fall der Regierung Sánchez de Lozada im vergangenen Oktober besser zu verstehen, werden wir versuchen, einige Elemente des neoliberalen Modells in ihrer Reichweite und mit ihren Konsequenzen aufzuführen. Dies ist notwendig, weil einige der Ursachen, die zu den Geschehnissen im Oktober führten, die Konsequenz der Anwendung der neoliberalen Politik in den letzten Jahren waren.
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Selbstmord von Bergarbeiter im Kongress
Am 30. März um 3.05 Uhr beging ein ehemaliger Bergarbeiter Selbstmord. Er sprengte sich mit Dynamit, das er am Körper trug, selbst in die Luft. Der Selbstmord fand im Foyer eines Nebengebäudes des Abgeordnetenhauses statt, das sich 50 Meter entfernt vom bolivianischen Regierungssitz, dem Palacio Quemado, befindet. Der Suizid ereignete sich nach mehr als zweistündigen Verhandlungen zwischen dem Arbeiter und dem bolivianischen Geheimdienst sowie Regierungsmitgliedern, in denen diese versucht hatten, ihn von seinem Vorhaben abzubringen.
In der Umgebung des Selbstmörders verbreitete sich große Angst, da laut ersten Informationen von einem Attentat ausgegangen wurde. Bald wurde der tatsächliche Hintergrund bekannt: Der Bergarbeiter Eustaquio Picachuri hatte aufgrund der Privatisierungsmaßnahmen des staatlichen Bergbauunternehmens seine Arbeit verloren. Daraufhin hatte er den verhängnisvollen Entschluss gefasst, bis zum Kongress zu gehen, um seine Forderungen durchzusetzen. Leider blieben die Verhandlungen ohne Ergebnisse und Picachuri zündete den Sprengstoff. Dabei verursachte er nicht nur seinen eigenen Tod, sondern tötete auch zwei hochrangige Beamte (einer davon war der Chef der für die Sicherheit des Kongresses zuständigen Polizeieinheit). Außerdem gab es Verletzte, einige davon befinden sich in kritischem Zustand.
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Neue bolivianische Filme
Erfolgreiche Erstaufführung von "Los hijos del ultimo jardin"
Zu Beginn des Jahres 2004 sorgte der bekannte Filmregisseur Jorge Sanjines, mit seinem Film "Los hijos del ultimo jardin" (Kinder des letzten Gartens) für ein Fest des bolivianischen Kinos. Zur Erstaufführung im Filmtheater 6 de Agosto in La Paz kamen mehr als 1.300 Zuschauer. Einige von ihnen lobten die gute Arbeit des Regisseurs und seine Fähigkeit, ein wahres Bild der heutigen bolivianischen Gesellschaft zu zeigen.. Der Spielfilm handelt von der tiefen ökonomischen Krise, in der sich die Gesellschaft zur Zeit befindet, dem zunehmenden Werteverlust und der Entfremdung gegenüber der eigenen Kultur. Der Film erschöpft sich jedoch nicht nur in der Beschreibung der trostlosen ökonomischen und sozialen Lage, sondern versucht darüber hinaus auch auf andere, neue Lebensperspektiven hinzuweisen, mit denen die Tradition der Andengesellschaft gerettet werden kann. Der Kinohit wird noch bis Ende März in La Paz gezeigt, bevor er im zweiten Quartal 2004 auch in Cochabamba und Santa Cruz aufgeführt wird.
Der Spielfilm mit dokumentarischem Charakter behandelt das Schicksal von 5 Jugendlichen. Fernando ist ein Idealist, der aufgrund seiner Ohnmacht gegenüber Korruption, Arbeitslosigkeit und dem Verfall der linken Fraktion auf dem Land, die Geduld verliert. Er plant einen Raubüberfall, um in der Art eines Robin Hood die unterschlagenen öffentlichen Gelder der Bevölkerung zurück zu geben. Ihm helfen dabei Oscar, Roberto, Raul, und Manuel, die aus unterschiedlichen sozialen Verhältnisse stammen. Auf dem Weg zum gemeinsamen Ziel werden die jungen Menschen mit ihren verschieden Werten, Einsichten und Interessen konfrontiert. Der Regisseur behandelt damit sowohl das Leben in den Vororten von La Paz als auch das der Stadtjugend. Er zeigt die Ereignisse und soziale Konflikte vom Februar 2003, als das Land durch eine blutige Konfrontation zwischen der Polizei und dem Militär am Rande eines Bürgerkrieges stand. Es war geplant, am 13. Februar 2003 bei einer Demonstration gegen die von der Regierung Sanchez de Lozada geplanten Steuererhöhungen zu drehen, ohne die Eskalation der Gewalt zu erahnen. Trotz der Gefahr wurden die Dreharbeiten vor Ort durchgeführt, so dass bei dieser Szene Fiktion und Wirklichkeit kaum noch zu unterscheiden waren.
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