Bolivia Nr. 136
erschienen am 20. Januar 2004 - 76  Seiten

Inhalt
- Die A-Goni-e der Präsidentschaft Sánchez de Lozadas
- Mutiger Neuanfang mit Präsident Carlos Mesa
- Nach der Krise: eine Chance für Reformen
- Exportieren, industrialisieren, wieder verstaatlichen - was tun mit dem Erdgas?
- Die geplante Volksabstimmung über das Gas
- Asamblea Constituyente
- Zwischen Dezentralisierung, Föderalismus und der Teilung Boliviens
- Interview mit Evo Morales: "Es ist möglich, binnen 6 Monaten das Modell zu verändern."
- Die Rückkehr des Tuto
- Movimiento Sin Tierra in den Zeiten des Regierungswechsels
- Zeitschriftenschau

 


Auszüge aus den Beiträgen

Die A-Goni-e der Präsidentschaft Sánchez de Lozadas
Anfang Oktober wuchs die Zahl der an den Blockaden und Protestaktionen beteiligten Akteure im Land immer mehr an: Nach den Gewerkschaften mit Ankündigung von Mobilisationen und Blockaden in allen Departementshauptstädten rief dann auch am Beginn der vierten landesweiten Protestwoche (ab 6.10.) die Oppositionspartei MAS (Movimiento al Socialismo, Bewegung zum Sozialismus) zur Unterstützung der Protestbewegung auf und schickte ihre eigenen Parlamentarier gezielt zu den zentralen Punkten der Blockaden. Parteichef Evo Morales wollte die Mobilisationen im Zusammenhang des Quasi-Belagerungszustandes Boliviens zugleich auch als Gegenaktion gegen einen eventuell drohenden Militärputsch oder einen Staatsstreich der Regierung selbst (autogolpe) verstanden wissen.
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Mutiger Neuanfang mit Präsident Carlos Mesa
Gegen 21 Uhr sollte die Sitzung des Parlaments beginnen. Noch herrschten in den Straßen von La Paz Unsicherheit und Protest. Noch konferierte Carlos Mesa in seinem Haus mit seinen engsten Mitarbeitern, mit Vertretern der US-Botschaft, mit den höchsten Repräsentanten der Sicherheitsorgane Polizei und Militär. Endlich - um 21.12 Uhr eröffnete Homando Vaca Díez, der Senatspräsident, die wichtigste und spannendste Kongresssitzung des Jahres. Seine Aufforderung zu einer friedlichen und kooperativen Sitzung fruchtete nichts, denn der Satz aus dem von Senator Enrique Urquidi (MNR) verlesenen Rücktrittsbrief von Sánchez, dass diejenigen, die ihn aus dem Amt gedrängt hätten, Gruppen seien, die "nicht an die Demokratie glauben", rief erhebliche Unruhe unter den MAS-Abgeordneten hervor. Desgleichen die vorgeschlagene Schweigeminute für die "Gefallenen" der Unruhen. Urquidi musste die Lesung des Briefes mit geradezu schreiender Stimme zu Ende bringen, um die vielen Missfallenskundgebungen ("Heuchler", "Mörder") zu übertönen.

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Nach der Krise: eine Chance für Reformen
Schon lange werden die Bolivianer nicht mit solcher Spannung und auch Sorge erwartet haben, was ein neues Jahr bringen wird. 2003 war das Jahr der blutigen Unruhen, erst zwei Tage lang im Februar in La Paz, dann im Oktober mit Schwerpunkt wiederum in La Paz, aber mit zunehmender Verbreitung in großen Teilen des Landes. Mit Gonzalo Sánchez de Lozada ließ ein gewählter Präsident schießen und musste fliehen. Seitdem regiert sein früherer Vizepräsident Carlos Mesa mit einem Kabinett von unabhängigen Politikern, ohne parlamentarische Mehrheit. Die etablierten politischen Parteien lecken ihre Wunden, während Evo Morales und Felipe Quispe aus den sozialen Bewegungen heraus zu Spitzenpolitikern geworden sind. Angst vor Bürgerkrieg und Zerfall des Landes einerseits, Hoffnung auf eine wirkliche Reform des politischen Systems andererseits - viele Entwicklungen sind denkbar in der unmittelbaren Zukunft Boliviens.

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Exportieren, industrialisieren, wieder verstaatlichen - was tun mit dem Erdgas?
Rückblick
Am 1. Mai 1972 nahm Bolivien den Erdgasexport nach Argentinien auf und lieferte bis 1999 große Mengen an das Nachbarland. Von 1972 bis 1996 war die staatliche Erdölgesellschaft YPFB (Yacimientos Petrolíferos Fiscales Bolivianos) die einzige für Exploration, Förderung, Transport und Vermarktung von Erdgas zuständige Institution in Bolivien. Um ihre Produktion zu erhöhen, beauftragte YPFB internationale Erdölgesellschaften als Vertragsunternehmen mit der Erschließung bestimmter Felder auf eigenes Risiko.
Das unter der Präsidentschaft von Jaime Paz Zamora (1989 - 1993) verkündete Gesetz Nr. 1194 schrieb der Erdölindustrie für Exploration, Förderung, Vermarktung und Transport von Erdöl und Erdgas zwei mögliche Vertragstypen vor: den Betreibervertrag (contrato de operación) und den Teilhabervertrag (contrato de asociación).
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Die geplante Volksabstimmung über das Gas
Die Proteste gegen die geplanten Gasexporte in die USA und Mexiko über einen chilenischen Hafen waren der Auslöser der blutigen Unruhen im vergangenen Oktober. Die Forderung der Demonstranten "Kein Gasexport über Chile" verschärfte sich innerhalb weniger Tage in "Kein Gasexport weder über Chile noch über Peru" und wandelte sich bald darauf in die Forderung nach einer Rück-Verstaatlichung der Gasvorkommen. Die Beteiligung des Volkes an der Entscheidung, ob und unter welchen Bedingungen die Gasvorkommen des Landes exportiert werden sollen, landete weit oben auf der politischen Agenda des neuen Präsidenten Mesa, dessen geschasstem Vorgänger Sanchez de Lozada der "Krieg um das Gas" zum Verhängnis wurde.

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