Bolivia Nr. 135
erschienen am 17. Oktober 2003 - 64 Seiten

Inhalt
Editorial
Die Kunst zu stolpern ohne zu fallen
Die Nachricht zum Nationalfeiertag: Boliviens Demokratie ist krank
Das Ende der "Neuen Koka Politik" -
Die Rückkehr der Illusion "Coca Cero"

Botschafter der amerikanischen Supermacht: Manuel Rocha und David N. Greenlee
1953 - 2003: 50 Jahre nach der Agrarreform
Wachsende Kriminalität in den Städten
Geschichte der Auslandsverschuldung Boliviens
Kurznachrichten
Eine Stippvisite auf der IGA Rostock 2003:
Sommer, Sonne und Bolivien
Zeitschriftenschau

 

Auszüge aus den Beiträgen

Die Kunst zu stolpern ohne zu fallen
Die Strategie der Regierung Sanchez de Lozadas, aus dem Tief der Februar-Unruhen (s. BOL 133!) herauszukommen und mit Hilfe eines gigantischen Gas-Deals neue Perspektiven für das Land zu gewinnen, ist vorerst gescheitert. Bolivien befindet sich in einer allgemeinen Unruhe, die im "Krieg um das Gas" gipfelt, der schon 9 Tote gefordert hat. Die Bereitschaft einiger Gruppen zum Bürgerkrieg ist sichtbar geworden als Antwort auf Repressionen und das Blutbad von Warisata. Die Regierung setzt zunehmend auf Härte; weitere blutige Konflikte bis hin zum Staatsstreich Gonis selbst (autogolpe) werden nicht mehr ausgeschlossen. Evo Mora-les' Auftritte auf der internationalen Bühne machen die Regierung nervös.
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Die Nachricht zum Nationalfeiertag: Boliviens Demokratie ist krank
Gustavo Guzmán
Der Präsident wollte mit einem neuen Koalitionspartner ins zweite Amtsjahr gehen - und hat ihn gefunden. Jetzt ist die Regierungsmannschaft komplett. Ahora sí, würde Banzer sagen. Ahora sí, Don Gonzalo?
25. Juli 2002: Der bolivianische Präsident Gonzalo Sánchez de Lozada vom MNR und der Führer des MIR, Jaime Paz Zamora, unterzeichnen im Hotel Presidente in La Paz die sogenannte "Übereinkunft für Bolivien". Zwei "historische Feinde", die sich mehr als zehn Jahre lang - in politischer Hinsicht - fertiggemacht haben, unterzeich-neten ein "unvorstellbares" Abkommen - genauso bezeichnete der jetzige Präsident auch den kürzlich geschlossenen Vertrag zwischen MNR und NFR.
48 Stunden vor jenem 25. Juli 2002 hatte Óscar Eid Franco vom MIR die beiden Führer von MAS und NFR, Evo Morales Ayma und Manfred Reyes Villa, in ein Ho-tel in Cochabamba eingeladen. Man war zusammengekommen, um "dem Gringo* eins auszuwischen" und ihn mit seinen mickrigen 22,4% der Wählerstimmen vom 30. Juni im Regierungspalast sitzen zu lassen. Morales und Reyes Villa - letzterer hatte nach Bekanntwerden der Wahlergebnisse ernsthaft damit geliebäugelt, mit dem MNR die Regierung zu bilden - waren aus diesem Treffen praktisch mit der Überzeugung he-rausgegangen, dass der MIR von Jaime Paz Zamora tatsächlich "dem Gringo eins auswischen" wollte.
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Das Ende der "Neuen Koka Politik" - Die Rückkehr der Illusion "Coca Cero"
Ein Licht am Ende des Tunnels
Nach Amtsantritt des Präsidenten Gonzalo Sánchez de Lozada im August 2002 wur-den vielerorts Hoffnungen gehegt, die Antidrogenpolitik des Landes werde nun end-lich in vernünftigere und vor allen Dingen friedlichere Bahnen gelenkt.
Zwischen August und Dezember des vergangenen Jahres kam es wiederholt zu Ver-handlungen der neuen Regierung mit den Cocalero Gewerkschaften, vertreten durch ihren ersten Vorsitzenden und Abgeordneten des Movimiento al Socialismo (MAS), Evo Morales.
Ziel dieser fast schon historischen Zusammenkünfte war die Ausarbeitung einer neuen politischen Strategie bezüglich der Problematik rund um den Kokaanbau in Bolivien. Fast schon historisch deswegen, weil seit langer Zeit Regierung und Vertreter der Kokabauerngewerkschaften wieder an einem Tisch saßen, um wesentliche Punkte einer neuen Politik zu verhandeln und die "Geschichte der Koka" ein für allemal zu ändern. Unter der letzten Regierung völlig undenkbar. Diskutiert wurden die Forde-rungen der Kokaproduzenten :
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Botschafter der amerikanischen Supermacht: Manuel Rocha und David N. Greenlee
Bolivien als "konfliktträchtiges Land" wird nach und nach Spitzenadresse für US-amerikanische Elitediplomaten, besonders für solche, die mit den Sicherheitsorga-nismen der Weltmacht liiert sind, wie mit der Drogenbekämpfungsorganisation DEA oder dem Geheimdienst CIA. Nach Manuel Rocha mit seinem bekannten Feld-zug gegen den Präsidentschaftskandidaten des oppositionellen MAS (Movimiento al Socialismo, Bewegung zum Sozialismus) Evo Morales trat nun Anfang Juni 2003 mit David Greenlee ein Mann die Nachfolge an, der ebenfalls bereits seit Jahrzehnten für die amerikanische Supermacht arbeitet und Bolivien selbst seit über 35 Jahren kennt. Im Folgenden geben wir im Wesentlichen die in den genannten Quellen (s.u.) erwähnten Fakten, Zusammenhänge und ihre Interpretationen wieder. Aus den zum Teil jahrelangen Recherchen der genannten Journalisten ergeben sich deutliche biographische Linien, die ein interessantes Licht auf die auch für Bolivien bestim-menden Konzepte und Vorgehensweisen der Weltmacht Nr.1 werfen. Im zweiten Teil erweitern wir die historisch-biographischen Notizen durch Hinweise auf aktuelle Probleme im Verhältnis zur Supermacht: Das Interesse Boliviens an Vollmitglied-schaft im Mercosur und der Sondervertrag Bolivien-USA über die Gewährung von Straflosigkeit für US-Soldaten.
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1953 - 2003: 50 Jahre nach der Agrarreform
Am 2. August dieses Jahres war exakt ein halbes Jahrhundert vergangen, seitdem die "reforma agraria" in Kraft trat. Nach der Einführung des allgemeinen Wahlrechts im Rahmen der nationalen Revolution vom Karfreitag 1952 - der zweiten auf dem la-teinamerikanischen Kontinent nach der mexikanischen Revolution rund 40 Jahre zuvor - galt es, das dringlichste Problem des Landes, die ungerechte Landvertei-lung, die einen landwirtschaftlichen Fortschritt behinderte, zu beheben. Die Landre-form von 1953 blieb unvollendet. Im Jahr 2003, 50 Jahre später, ist festzustellen: Neue Wirtschaftszwänge verstärken alte Konflikte um Landbesitz und -nutzung und lassen neue Spannungen entstehen. Heute sind vor allem angepasste politische Be-mühungen gefragt, die neue Antworten auf neue Herausforderungen bieten.

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