Bolivia Nr. 133
(erschienen am 19. März 2003 -  60 Seiten)

Inhalt
Chronologie des Schreckens
Bericht einer Augenzeugin
Die Februar-Revolte
Kabinettsumbildung nach Unruhen
Mit dem IWF im Nacken
Präsidiabel wider Willen
Demokratie? Das Damoklesschwert der sozialen Schuld
Die Probleme liegen tiefer
Stimmungsbild zur politischen Situation um die Jahreswende 2002/2003 in Bolivien
Kurzmeldungen
Zeitschriftenschau

 

© Bolivia SAGO Informationszentrum e.V.

Auszüge aus den Beiträgen

Chronologie des Schreckens
Um die Mittagszeit des 12. Februars schließen sich die Schüler des "Colegio Ayacucho", die für die Absetzung ihres Rektors demonstrierten, dem Marsch der Polizisten an, die gegen die Einführung des "Impuestazo" protestieren. Die Schüler beginnen den Regierungspalast mit Steinen zu bewerfen und protestieren nun gegen den Präsidenten der Republik. Die meuternden Polizisten auf dem Gelände des GES beobachten die Handlungen und spenden Beifall. Daraufhin erscheint eine Einheit der Militärpolizei, die Tränengas einsetzt, um die Schüler zu zerstreuen. Die kasernierten Polizisten starten einen Gegenangriff, während die Schüler davonlaufen. Es kommt zu einem Zusammenstoss zwischen dem Militär und der Polizei. Die Plaza Murillo verwandelt sich in ein "Schlachtfeld". Schusswechsel mit Feuerwaffen und Tränengas hinterlassen 31 Tote und mindestens 134 Verletzte.
Das Drama beginnt am Sonntag, den 9. Februar, als der Präsident in einer Botschaft an die Nation, die wirtschaftlichen Umstellungen bekannt gibt, die notwendig seien, um mehr zu erzielen. Angekündigt wird eine Einkommenssteuer von 12,5% "für" alle Löhne über 880 Bolivianos. Das Steuerdefizit soll im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt "an" drei Punkten verringert werden, was einer Summe von 240 Millionen Dollar entspricht. Ausserdem entscheidet die Regierung den sogenannten "Impuestazo" einzuführen, um Teile der fehlenden Gelder zu beschaffen.
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Bericht einer Augenzeugin
Folgender Bericht von Irene Tokarski erreichte in den Tagen der Februar-Unruhen.
Mittwoch, 12. Februar
Der Wahnsinn geht weiter:
17.35 Die Plünderungen im Arbeitsministerium gehen weiter, es ist in Brand gesteckt. Ich bete vor allem für die Mitarbeiter von Andrea, und dass der Wahnsinn endlich aufhört
17.40 Ana Maria Campero, Ombudsfrau, die im Dezember in Trier war, spricht im Fernsehen. Sie bestätigt, dass der Vorsitzende der Menschenrechtsversammlung (ein Freund) und Journalisten sich in der Kaserne der Spezialgruppe befinden, die die Meuterei anführt. Sie bestätigt auch die Schüsse der Scharfschützen. Weitere 2 Tote in der Kaserne, also insgesamt 14. Auf der Plaza in Cochabamba: Militärpolizei, Tränengas, Steine werfende Jugendliche.
18.10 Die Parteibüros von MIR und MNR (beides Regierungsparteien), die Vicepresidencia und (scheinbar auch) die Flughafenverwaltung in El Alto werden geplündert und in Brand gesetzt. Die vollkommen unterentwickelte und sich auch teilweise im Streik befindende Feuerwehr von La Paz ist völlig überfordert, und nachdem es keine Polizei gibt, gehen die Plünderungen und Ausschreitungen ungehindert weiter.
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Die Februar-Revolte
Die seit Jahren wachsende Unzufriedenheit der Bevölkerung Boliviens mit ihrem Wirtschaftssystem und den traditionellen Parteien entlud sich nun Mitte Februar in einer Revolte, die das Land an den Rand eines gewaltsamen Regierungssturzes und eines Systemwechsels brachte. Dabei zeigte sich, dass sich der Staatschef Gonzalo Sanchez de Lozada nicht einmal mehr auf seine Sicherheitsorgane verlassen kann.

Die historische Rolle der Politik des Internationalen Währungsfonds
Ausgangspunkt und Grundlage fast aller Analysen der Ursachen für die Februar-Revolte ist die neoliberale Politik der seit über 17 Jahren die Geschicke des Landes lenkenden großen Parteien. Besonders des MNR (Movimiento Nacionalista Revolucionario - Revolutionäre Nationalistische Bewegung) kommt dabei ins Visier, hat er doch seit seiner ersten Machtübernahme nach den Militärdiktaturen unter Präsident Victor Paz Estenssoro und seinem damaligen Finanz- und Wirtschaftsminister Gonzalo Sanchez de Lozada die neoliberale Orientierung der bolivianischen Politik mit aller Konsequenz und Härte durchgeführt. Auch die Demokratische Nationalistische Aktion (Accion Democratica Nacionalista, ADN) als Gruppierung der die langjährige Militärdiktatur Banzers stützenden Technokraten, die sich nach der Abschüttelung der Militärherrschaft durch das Volk schnell ein demokratisches Mäntelchen umgehängt hatte, sorgte von Anfang an - sogar noch aus der Opposition heraus - durch einen speziellen Pakt mit Paz Estensorro für eine stabile Ausrichtung der "Neuen Wirtschaftspolitik". (s. BOL 131, S.44 ff.) Dasselbe gilt für die nachfolgenden Regierungen MIR/ADN, MNR/UCS/MBL und die Megakoalition unter Banzer (ADN/MIR/UCS und anfangs auch CONDEPA). Mit dem Einsetzen seiner zweiten Präsidentschaft kündigte Gonzalo Sanchez de Lozada bereits im September 2002 die konsequente Erhebung der Einkommenssteuer an, die von Anfang an den Widerstand der Betroffenen und besonders der Opposition hervorrief. Diese Steuer bekam auch sehr bald die bedrohlich klingende Bezeichnung "impuestazo" angehängt, was man frei mit "Steuerschlag" übersetzen könnte.
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Kabinettsumbildung nach Unruhen
Fünf Ministerien eingespart
Als Konsequenz aus den blutigen Unruhen am 12. und 13. Februar, die 31 Tote und Dutzende von Verletzen forderten, wurde eine Woche später ein neues Regierungskabinett vereidigt. Tags zuvor, am 18. Februar, war das alte Kabinett geschlossen zurück getreten. Als Zeichen des eingeschlagenen Sparkurses reduzierte Präsident Sanchez de Lozada die Zahl der Ministerien von 18 auf 13.
Das Justizministerium, das Ministerium für bäuerliche und indigene Angelegenheiten, das Ministerium für Außenhandel sowie die beiden Ministerien ohne Geschäftsbereich (zuständig für Stadtentwicklung bzw. Finanzdienstleistungen) sind im neuen Kabinett nicht mehr vorgesehen und werden in anderen Ressorts aufgehen. Insgesamt 54 hochrangige Funktionärstellen werden durch diese Umstrukturierung eingespart - eine Erleichterung des Staatshaushaltes von jährlich 90 bis 100 Millionen Bolivianos.
Fünf Minister der alten Regierung mussten ihren Posten für neue Amtsinhaber räumen, darunter auch der umstrittene Carlos Sánchez Berzaín (MNR), Minister im Präsidialamt sowie Alberto Gasser Vargas (MNR), als Kabinettschef im Ministerrang Oberbefehlshaber der meuternden Polizisten. Die Minister für Verteidigung, Teodovic Ortiz, für Finanzen, Comboni Salinas, und für nachhaltige Entwicklung, Justiniano Sandóval, die vor und während der Unruhen ebenfalls in die Kritik geraten waren, verblieben jedoch in der Regierung.
Das Ministerium für Wohnungswesen soll später in ein Ministerium für Infrastruktur umgewandelt werden, sobald das neue Gesetz der Exekutive (Ley del Poder Ejecutivo) verabschiedet ist.

Mit dem IWF im Nacken
Nahezu verdoppelt hat sich das Haushaltsdefizit des bolivianischen Staates in nur zwei Jahren: Gegenüber 377 Millionen US Dollar im Jahre 2000 klaffte im vergangenen Jahr eine öffentliche Finanzlücke von 671 Millionen - das sind 8,6 Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts. Die Größe des Haushaltsloches wird stets prozentual zum insgesamt Erwirtschafteten gemessen: Und bei stagnierendem Wachstum wurde in den letzten Jahren immer mehr ausgegeben als eingenommen (s. Graphik).
Und da verwundert es wenig, wenn explodierende öffentliche Haushaltsdefizite die internationalen Geberorganisationen auf den Plan rufen, die mit ihren Krediten den nächsten Haushaltsplan für das Jahr 2003 mitfinanzieren sollen. Die dafür in Aussicht gestellten 4.000 Mill. US Dollar hatte der Internationale Währungsfond (IWF) mit der Auflage verbunden, das Defizit der Staatsfinanzen von 8,6 Prozent auf 5,5 Prozent im laufenden Jahr 2003 zu senken - immerhin 242 Mill. Dollar sollten eingespart werden. Oder mehr eingenommen werden. Der IWF schlug eine Kombination aus geringerer öffentlicher Investition und Erhöhung der Kraftstoffpreise (gasolinazo) vor.
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