Bolivia Nr. 132
(erschienen am 28. November 2002 - 52 Seiten)

Inhalt
Auf dem Weg zum modernen Rechtsstaat
Noch keine Entscheidung über Erdgasexporte
Regierung gegen Kokabauern - Goni gegen Evo
Zivildienst statt Militärdienst
Respekt vor der Sonne verloren - Hautkrebsverhütung als nationales Thema
Ein historischer Tag für Calamarca
Defensoría de la Ninez y Adolescencia
"San Juan" - eine Sonnenwendfeier im Winter
Zeitschriftenschau

 

© Bolivia SAGO Informationszentrum e.V.

Auszüge aus den Beiträgen

Auf dem Weg zum modernen Rechtsstaat
Mit erneuerter Verfassung und ordnungspolitischen Gesetzen

Bolivien feiert dieses Jahr das 20-jährige Bestehen einer einigermaßen stabilen Demo-kratie nach dem Ende der Militärdiktaturen. Die sich schon im Vorfeld des Wahl-kampfes abzeichnenden Optionen für eine Erneuerung der Verfassung werden nun nach erfolgter Regierungsbildung nach und nach konkretisiert. Die in das Parlament gewählten Parteien ringen noch um die parlamentarisch-politische Durchsetzung des "richtigen" Gesamtkonzepts der Erneuerungen. Weitere ordnungspolitisch wichtige Gesetze und Dekrete unterstreichen den Willen der neuen Regierung, mit umfassen-den Strategien alten bolivianischen Lastern, wie Korruption und Parteienwirtschaft, auf den Leib zu rücken und transparentem rechtsstaatlichen Handeln zum Durchbruch zu verhelfen. Es geht nicht zuletzt um die Wiederherstellung des Vertrauens der BolivianerInnen in ihre staatlichen Ordnungen.

Streit um das Prozedere der Verfassungsreform
Weit im Vorfeld der Wahlen gab es bereits den Streit um Konzepte einer Erneuerung Boliviens, die auch in Auseinandersetzungen um eine neue Verfassung mündeten. Politische Beobachter unterschieden zwischen "systemtreuen" Parteien und Grup-pierungen, wie den MNR (Movimiento Nacionalista Revolucionario - Nationalis-tische Revolutionäre Bewegung,), den Anti-System-Parteien (grupos anti-systemicos), wozu man den MAS (Movimiento al Socialismo - Bewegung zum Sozialismus) des Cocalero-Führers Evo Morales und den MIP (Movimiento Indigena Pachakuti - Indigene Bewegung Pachakuti) des Indio-Rebellen Felipe Quispe (el Mallku) [s. BOL 126, s. 4-37, besonders S. 34 ff.] zählte sowie den in Distanz zum existierenden neoliberalen System operierenden Parteien (grupos a-systemicos), wie die Partei des Bürgermeisters von La Paz Juan del Granado MsM (Movimiento sin Miedo - Bewegung ohne Furcht) oder des ehemaligen Justizministers Rene´Blattmann MCC (Movimiento Ciudadano por el Cambio, Bürgerbewegung für den Wechsel).
Die gegen "das System" gerichteten Parteien lehnten eine Verfassungsänderung durch Erneuerung einzelner wichtiger Verfassungsartikel aus dem Parlament heraus (mit den üblichen 2/3-Mehrheiten) ab. Quispe wollte anfangs nicht einmal für einen Parla-mentssitz kandidieren, weil er sich damit zu sehr ins System eingebunden sah. Esther Balboa durfte noch für die Vizepräsidentschaft an seiner Seite kandidieren [s. BOL 130, S. 15-21], als sie aber von der neuen Regierung gerufen wurde, um als Vizemi-nisterin für Bildung - zuständig für die Vertiefung der interkulturellen Erziehung und die Verstärkung der Bürgerbeteiligung - zu fungieren, wurde sie umgehend vom Mallku aus der Partei entfernt. Auch in der Frage der Erneuerung der Verfassung zeigt sich die radikal-alternative Position des MIP : Die Partei will überhaupt keine neue staatsrechtliche Verfassung nach dem Muster der westlichen Eroberer (wie auch immer zustande gekommen) , sondern eine völlig neue, oder vielmehr althergebrachte Verfasstheit - nicht mehr als Republik Bolivien, sondern als Kollasuyo.
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Noch keine Entscheidung über Erdgasexporte
"Das Volk muss befragt werden, bevor eine Entscheidung über den Hafen getroffen wird." So hatten sich einige Politiker im Streit um den Exporthafen für bolivianisches Erdgas geäußert.
Bolivien besitzt die zweitgrößten Gasreserven in Lateinamerika nach Venezuela. Das Unternehmen Pacific LNG (Pacific Liquid Natural Gas) will das bolivianische Erdgas exportieren. Der Konzern plant dazu die Verlegung von Gaspipelines und die Kon-struktion eines Werkes zur Gasverflüssigung. Pacific LNG ist ein Konsortium aus Bristish Gas, Pan American Energy und dem spanisch-argentinischen Mineralölkon-zern Repsol-YPF. Die Schätzungen der dazu erforderlichen Investitionen schwanken zwischen 5 und 7 Milliarden US?Dollar.
Der Transport von den bolivianischen Gasfeldern bis in die USA ist folgendermaßen geplant: Pacific LNG leitet das Erdgas von dem Margarita-Feld in Südbolivien (Tari-ja) über eine Pipeline bis zum Verflüssigungswerk im Pazifikhafen. Von dort aus wird das verflüssigte Gas in Containerschiffen bis zu Terminals in Baja California, Mexiko gebracht, wo es wieder in den gasförmigen Zustand umgewandelt wird. In Gascontai-nern wird es dann per Zug und Schiff nach Kalifornien, USA verfrachtet. Sempra Energy, eine Holding Company verschiedener Energie- und Dienstleistungsunterneh-men, verfügt bereits über die Lizenz, eine Anlage zur Gasrückgewinnung in Mexiko zu errichten. Sie will das Gas auf dem mexikanischen und US-amerikanischen Markt vertreiben.
Pacific LNG will den Gasexport über den Hafen Caleta de Patillos in Iquique (Chile) durchführen. Ein Export über den peruanischen Hafen in Ilo würde, so der technische Direktor des Konsortiums, Pedro Vaticón, die Investitionen um 760 Millionen US?Dollar und die jährlichen Transportkosten um 102 Millionen US?Dollar erhöhen. Die Regierung von Gonzalo Sánchez de Lozada hat inzwischen das Unternehmen Global Energy Consultants (GEC) beauftragt, eine Durchführbarkeitsstudie für den Erdgasexport zu erstellen und verlässliche technische und finanzielle Daten zu liefern. Für diese Studie wurden von der US-amerikanischen Trade Development Agency 380.000 Dollar gestiftet - unter der Bedingung, dass die Studie von einer US?Firma durchzuführen ist.
Das Thema des Hafens hat eine heftige Kontroverse in Bolivien ausgelöst. Nachdem die Entscheidung von bolivianischer Seite seit längerem hinausgezögert wurde, hat sich dieses zunächst rein technische Problem zu einem brisanten politischen Thema entwickelt. Die vorherige Regierung unter Jorge Quiroga hatte bereits mit Chile ein Abkommen ausgehandelt, das die Verpachtung des chilenischen Hafens an Bolivien für die Dauer von 99 Jahren vorsieht. In dieser Küstenexklave hätte Bolivien die Ho-heit über die Verwaltung und die steuer- und arbeitsrechtlichen Regelungen des Ha-fens bei der Abwicklung der Gasexporte. Die diplomatischen Beziehungen zwischen Chile und Bolivien sind seit 1978 unterbrochen, nachdem die Bemühungen Boliviens gescheitert waren, den im Jahre 1879 an das Nachbarland verlorenen Zugang zum Pazifik zurückzuerhalten. Chile lehnt seitdem jegliche Verhandlungen über diese Fra-ge ab. Der bolivianische Regierungssprecher Mauricio Antezana erklärte dagegen erst kürzlich wieder, dass für Bolivien die Forderung nach einem Meereszugang unver-zichtbarer Bestandteil der bolivianischen Außenpolitik ist.
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Regierung gegen Kokabauern - Goni gegen Evo
Die Spannungen zwischen Regierung und den Kokaproduzenten haben wieder zuge-nommen, nachdem die Zeit der Wahlen und der anschließenden Wahl des Präsidenten im Parlament zu einer kurzen Pause geführt hatten. Die Konfliktparteien werden repräsentiert durch Gonzalo Sanchez de Lozada auf der einen und Evo Morales auf der anderen Seite. Die beiden Widersachern setzen die ebenso alte wie konfliktreiche Auseinandersetzung zwischen den beiden Sektoren fort, die bereits so viele Leben gekostet hat und zu politischer wie wirtschaftlicher Instabilität des Landes geführt hat. Es ist ein alter Krieg mit neuer Verteilung der Macht. Die politische Partei Mo-vimiento al Socialismo (MAS) mit Evo Morales an der Spitze ist ein Ergebnis dieses Kampfes. Nach den Wahlen im Juni dieses Jahres wandelte sich die politische Position des MAS radikal, als dieser sich als zweitstärkste politische Kraft im Land etablieren konnte. Mit einer bedeutenden Anzahl von Sitzen im Parlament ist der MAS nun die Vertretung des bäuerlichen Sektors der Kokaproduzenten.
Gerade diesem Sektor wird nun die Möglichkeit gegeben, sich nicht nur politisch sondern auch auf legale Weise Gehör zu verschaffen, und dies nicht nur auf nationaler sondern auch auf internationaler Ebene (Siehe bspw. den Brief von Morales an Nestor Gaviria, den Generalsekretär der Vereinigung der Amerikanischen Staaten). Auch beschränken sich die Möglichkeiten der Oppositionsarbeit nun nicht nur auf Straßen-blockaden, sondern auch auf die Legislative, dank der starken Präsenz im Parlament. Die Stärke der Opposition ist auch an den Positionen der Regierung erkennbar. So ist Gonzalo Sanchez de Lozada sehr viel flexibler und bereit zu Kompromissen, bis hin zu der Möglichkeit, der USA eine Pause in der erradicación, der Vernichtung der Kokapflanzen vorzuschlagen.

Schritt für Schritt
Wörtlich sagte Gonzalo Sanchez de Lozada: "Ich glaube dass es verschiedene Mög-lichkeiten gibt, aber es wäre völlig unangebracht [die erradicación auszusetzen]. Es war ein Vorschlag der Kokaproduzenten, eine Pause einzulegen, damit der soziale Frieden wiederhergestellt werden kann, während ein effektives System der alternati-ven Entwicklung eingeführt wird." Innerhalb dieses Rahmens werden verschiedene Optionen durch Arbeitskommissionen untersucht, in denen sowohl die Regierung als auch die Kokabauern vertreten sind. Sanchez de Lozada zieht eine multilaterale Zerti-fizierung im Rahmen des Anti-Drogenkampfes, die von der Vereinigung der Ameri-kanischen Staates (OAS) vergeben wird, der bisher bilateral von den USA vergebenen Zertifizierung vor. Diese habe "… immer die Konnotation von Souveränitätsverlust, Autorität und Zwang".
So macht die OAS im Bereich der Drogenbekämpfung die gleiche Evaluierung, die bisher alleinige Aufgabe der USA war, so dass Bolivien eine größere Rolle spielen kann, auch da es sich auf die Erfahrungen und erreichten Ergebnisse im Kampf gegen die Drogen berufen kann. Diese multilaterale Evaluierung soll nicht wie ein Strafme-chanismus erfolgen, sondern im Sinne gegenseitiger Unterstützung und Kooperation. "Wir führen die Evaluierung seit zwei Jahren durch. Vergangenes Jahr war die erste Evaluierung, und alle Länder haben sich der Untersuchung unterworfen, auch die USA und Kanada. Bei allen Ländern wurden die gleichen Indikatoren angewandt, und es wurden Empfehlungen ausgesprochen. Das ist der Weg, den man zukünftig be-schreiten sollte. Durch diese Aktion haben die USA ihre Hegemonie verloren, die Länder zu kontrollieren, die in die Produktion und Handel von Drogen, die insbeson-dere für den nordamerikanischen Markt bestimmt sind, involviert sind," bestätigt Nestor Gaviria (Generalsekretär der OAS) bei seinem Bolivienbesuch am 27. Sep-tember diesen Jahres.
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Zivildienst statt Militärdienst
Der Gesamtverband der bolivianischen Jugend (Unión de la Juventud Boliviana, kurz: 'Bolivianische Jugend' - Juventud Boliviana, JB) forderte in einer gemeinsa-men Erklärung die Abschaffung des obligatorischen Wehrdienstes und die Schaffung eines alternativen Zivildienstes durch den Gesetzgeber. Wenig später wurde in den Zeitungen öffentlich gemacht, dass die bolivianischen Streitkräfte in vielerlei höchst lukrative, zugleich undurchsichtige Geschäfte verwickelt sind.
Mehr als 50 Jugendorganisationen, vertreten von 100 Jugendlichen, trafen sich Mitte Oktober in Trinidad, um für eine Politik einzutreten, die der Jugend wirklich zugute kommen soll. Die in Trinidad versammelten Jugendlichen verlangten von Regierung und Parlament die Abschaffung des obligatorischen Kriegsdienstes und forderten, dass der Weg für flexible Alternativen, wie ein Dienst nach eigener Wahl (servicio opcional) oder ein Zivildienst, eröffnete werde.
Das Treffen dieser Organisationen war vom Vizeministerium für Jugendangelegenhei-ten organisiert worden. Darin wurden im Laufe zweier Tage die Probleme der Jugendlichen hinsichtlich ihrer politischen, sozialen und wirtschaftlichen Situation analysiert, das Jugendgesetz (Ley de la Juventud) erarbeitet und "die Erklärung von Trinidad" entworfen.
Auch Verantwortliche der anderen Vizeministerien beteiligten sich an der Aufgabe, den anwesenden Jugendlichen die staatlichen Jugendprogramme und deren Durch-führung in den verschiedenen Bereichen der Jugendförderung zu erklären. Die Ju-gendpolitik solle künftig den regionalen, ethnischen und genderpolitischen Realitäten angepasst sein, um die aktive Teilhabe aller Jugendlichen an den gesellschaftlichen Prozessen vor Ort zu fördern.
Martín Castro, Geschäftsführer der JB, betonte, dass die Diskussion um den Militärdienst nichts Neues sei. Dieses Thema werde in verschiedenen Bereichen schon seit vier bis fünf Jahren diskutiert. Zum Thema des Militärdienstes hätte die JB Seminare veranstaltet, an denen auch die Armee und das Verteidigungsministeriums teilge-nommen hätten; aus diesen Seminaren stammten auch die jetzt angenommenen Vorschläge.
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Respekt vor der Sonne verloren - Hautkrebsverhütung als nationales Thema
Eine Information des meteorologischen Instituts alarmierte die bolivianische Öffent-lichkeit. Am 4.10.2002 übertraf die UV?Bestrahlung in La Paz das Maximum von 16 Einheiten auf einer internationalen Skala, die von 1 bis 16 reicht.. "Wir sind (beim bolivianischen Frühlingsanfang) erst am Beginn einer hohen Strahlungsintensität und werden voraussichtlich bis Ende Februar 2003 auf diesem Niveau bleiben", sagte der Direktor des Institutes Francesco Zaratti.
Ein Dermatologenkongress in Cochabamba, an dem 6o Dermatologen aus dem gan-zen Land teilnahmen, ging der Frage nach, warum die Krebserkrankungen bei 3o? bis 40jährigen immer mehr zunehmen. Bereits 1997 kamen Wissenschaftler verschiedener Disziplinen aus vielen Ländern bei einem Kongress an der Universität San Andres in La Paz zu dem Ergebnis, dass die Auswirkung erhöhter UV-Strahlen auf lebendige Organismen tödlich sind und sich proportional zur Höhe über dem Meeresspiegel und der Dauer der Bestrahlung verhielten. Die verringerte Ozonkonzentration könne die Fauna und Flora der Gewässer und damit der gesamten Andenregion um den Titica-casee beeinträchtigen.
Es wurde festgestellt, dass gegenwärtig mehr Krebserkrankungen gibt, auch bei jün-geren Menschen. Die Ärztin Edith Jimenez aus Cochabamba konstatierte, "dass sie früher nur bei über 50jährigen, heute auch bei 3o?40jährigen beobachtet werden. Dabei handele es sich um kumulative Schäden, die sich im Laufe vieler "Bestrahlun-gen" zu einem gesundheitlichen Schaden summieren. Nach Einschätzung der Ärztin werde dies durch die erhöhte ultraviolette Strahlung, die durch die Schädigung der Ozonschicht bedingt ist, verursacht.
Dagegen argumentiert der Direktor des meteorologischen Instituts, Francesco Zaratti, "dass die Ozonschicht in Bolivien von Natur aus sehr gering ist". "Das ist weder Schuld der bolivianischen Regierung noch der Umweltzerstörung." Er vertritt die These, dass es in den tropischen Zonen Boliviens eine geringere Ozonschicht als an den Polen gebe. Die Messungen seit 1979 hätten ergeben, dass die Ozonschicht ziem-lich stabil blieb. Während die Ozonschicht als mittleren Wert weltweit 300 Einheiten aufweise, finde man hier 250?255 Einheiten. Hier müsse der Höhenfaktor hinzuge-rechnet werden (s.o.). Aber auch in Santa Cruz, weniger als 500 Meter hoch, liege die Strahlungsintensität so hoch wie in den Mittelmeerländern.
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