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Auszüge aus den Beiträgen
Wahlen 2002 - Armes
Bolivien!
Bolivien hat aufgrund seiner riesigen Erdgasvorräte
erhebliche Bedeutung für den globalen Energiemarkt. Die gesicherten
Erdgasreserven übersteigen eine Trillion Kubikfuß (28,3 Billiarden
Kubikmeter). Die geografische Lage Boliviens ist strate-gisch günstig
und macht das Land zu einer Energieachse in der Region. Dennoch gehört
Bolivien zu den ärmsten Ländern der Welt. Die wichtigsten Probleme
sind soziale Unruhen, Naturkatastrophen und unzulängliche politische
Strukturen. Die Korruption ist das Krebsgeschwür des Landes, unter
dem es seit seiner Geburt leidet, die Machtgier seiner Politiker kennt
weder Grenzen noch Moral oder Skrupel. Die Zukunft, die dieses Land zu
erwarten hat, könnte man fast als tragisch bezeichnen, wären
da nicht die unermesslichen Naturschätze. Tragödie ist deshalb
der zweite Name dieser Heimat. Man muss versuchen, ja sich zwingen, die
Fantasie aufzubrin-gen, eine Alternative für dieses Land zu finden
- auch wenn sie unglaublich erscheint: eine Alternative für dieses
Volk, das längst nicht mehr an seine politischen Götter glaubt.
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Esther Balboa - Vizepräsidentschaftskandidatin
an der Seite des "Mallku"
Sie kommt aus einem Dorf am Titicacasee, hat Quechua-
und Aymarablut in den Adern und glaubt fest an das Gleichgewicht in der
Natur, an die Harmonie von Wasser und Wind. Sie hat in Deutschland in
den Humanwissenschaften promoviert. Erst vor kurzem hat sie Felipe Quispe,
"el Mallku" [s. BOL 126, S.3-37], den Präsidentschaftskandidaten
der Partei "Indigene Bewegung Pachacuti" (Movimiento Indigena
Pachacuti, MIP) kennengelernt. Und sie wird ihre Wahlkampagne fernab der
Fernsehkameras durchführen.
Esther Balboa wurde 1960 als Tochter eines Lehrers einer Fachschule, der
von John F. Kennedy ins Leben gerufenen "Allianz für den Fortschritt",
an den Ufern des Titicacasees geboren. Diese Schule war ein Erbe des legendären
Ayllu-Schul-Experiments in Warisata. (Die Schule von Warisata nahe dem
Titicacasee als Modell einer ländlichen auf dem Konzept einer Arbeitsschule
beruhenden Mittelpunktschule [1931-41] gilt bis heute in Lateinamerika
als bildungspolitisches Vorbild in ländli-chen indigenen Kontexten,
besonders hinsichtlich hinsichtlich ihres Mittel-punktschulcharakters
mit Lehrerausbildung und zugeordneten kleineren Zweigschulen; s. Burkhard
Schwarz, Warisata und der indigenistische Traum von Schule, in: Dirk Bruns
(Hg.), Bolivien, Express Reisehandbuch, Mundo Verlag Köln 1994, S.
209-215.) Esther Balboa verbrachte ihre Kindheit in der Gemeinde Pillapi
und lernte wie die anderen Kinder der Gegend Aymara, später auch
Spanisch in der Schule. Von der mütterlichen Seite her wurde Quechua
in der Familie gesprochen und der Gebrauch des Spanischen - in einer Art
Protesthaltung - vermieden. In jener Zeit hatte sie unauslöschliche
Kindheitserlebnisse in der Begegnung mit der Schönheit und der Stille
des großen Sees. Sie spielte auch in den Trümmern von Tiwanaku.
In der Großstadt Cochabamba erlebte sie ihren Kulturschock. Hier
musste man immer in Schuhen herumlaufen und für die Schule die langen
"indianischen Zöpfe" abschneiden lassen. Sie besuchte katholische
Schulen und las schon früh die Romane Tolstois und Dostojewskis.
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Hugo Bánzer Suarez
5.5.2002
Der deutschstämmige General Hugo Bánzer
Suarez, geboren am 10.5. 1926, Bildungsminister im Kabinett des Putschgenerals
Barrientos (1964-66), ehemaliger Diktator (1971-1978), Gründer der
konservativen Acción Democrática Nacionalista (Nationalistische
Demokratische Aktion, ADN) 1979 und zuletzt demokratisch gewählter
Präsident Boliviens (1997-2001), verstarb 75-jährig - 5 Tage
vor seinem 76. Geburtstag - in seiner Residenz in Santa Cruz de la Sierra
an den Folgen seines Krebsleidens. Am 6.8.2001 war er - bereits schwer
von seiner Krankheit gezeichnet - zugunsten seines Vizepräsidenten
und konstitutionellen Nachfolgers Jorge "Tuto" Quiroga Ramirez
vorzeitig von seinem Staatsamt zurückgetreten. Sein Todestag war
zugleich der Geburtstag seines Nachfolgers. Er galt als einer der einflussreichsten
bolivianischen Politiker des vergangenen Jahrhunderts, da er auch nach
der Zeit der Militärdiktaturen durch seine Mit-/Beteiligung an der
Macht (1985 Unterstützung der Wahl des Präsidenten Victor Paz
Estenssoro, 1989 mit ADN-Ministern im Kabinett des MIR-Präsidenten
Jaime Paz Zamora vertreten und ab 1997 eigene Präsidentschaft im
Rahmen einer "Megakoalition" zusammen mit MIR, UCS und anfangs
auch CONDEPA) Einfluss auf die Geschicke des Landes ausübte. Bánzer,
unter dessen Militärherrschaft 1971 - 1978 über 200 Menschen
umgebracht wurden, hatte noch vor General Pinochet in Chile den Gürtel
der Diktaturen Lateinamerikas verstärkt. Er war ein treuer Vasall
der USA.
Als Bánzer starb, war die Endredaktion dieses Heftes bereits abgeschlossen.
Wir werden dem Leben und Wirken des Generals in der nächsten Nummer
einen ausführ-lichen Artikel widmen.
Nach Jahrhundert-Unwetter
im Februar versinkt La Paz in Chaos und Trauer
Bolivien durchlebt bis heute ein emotionales Trauma aufgrund
von 40 Minuten unbändiger Naturgewalt, welche 69 Tote, Hunderte Verletzte
und Vermisste und enorme Schäden hinterlassen hat
.Aussagen
wie "tenemos nuestro 11 de septiembre" ( Wir haben unseren 11.
September ) lassen erahnen, wie tief der Schock über das Erlebte
bei den Betroffenen sitzt.
Aber die gezeigte Wehrlosigkeit der Stadt La Paz wirft eine dringende
politische Debatte auf über die Unfähigkeit des Staates, sich
solchen Naturkatastrophen an-gemessen zu stellen und darüber, was
die Gemeinderegierung von La Paz in der letzten Dekade unternommen hat,
um einen Stadtentwicklungsplan zu entwerfen, der in der Lage ist, solche
Gefahren zu verhindern.
Am 19. Februar steht das Notruftelefon nicht still - Hunderte Personen
bitten in ihren Anrufen verzweifelt um sofortige Hilfe. 40 Minuten reichen
aus, um in der Haupt-stadt ein Bild der Verwüstung zu hinterlassen
- zuerst Hagel , dann folgen Regen und Sturzbäche., die binnen kurzer
Zeit für die Stadt den Ausnahmezustand bringen .Bei dem kurzen, aber
ungewöhnlich kräftigen Sturm und den schweren Regen- und Ha-gelniederschlägen
waren 69 Personen getötet und mehr als 100 verletzt worden. Zahlreiche
Personen blieben vermisst, wodurch lange Zeit die tatsächliche Zahl
der Opfer unklar war.
Bei dem nur knapp eine Stunde dauernden Unwetter waren 41 Liter pro Quadratme-ter
niedergegangen und hatten nach Angaben eines Sprechers der Stadtverwaltung
die höchstens für acht bis zehn Liter ausgelegte Kanalisation
hoffnungslos überflutet und damit den bis dato höchsten Niederschlag
in der Geschichte der Stadt von 32 Litern pro Quadratmeter im Jahre 1976
überstiegen.
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Sozialkampf der Cocaleros
Der Kampf der Cocaleros gegen die Polizei in den
Straßen von Cochabamba.
Während sich die sozialen Unruhen Anfang Februar im ganzen Land verschärfen
und es große Mobilmachungen der Bevölkerung und der Arbeiter
gibt, die um ihre eige-nen Forderungen kämpfen und sich mit den Cocaleros
solidarisieren, und während die Straßenblockaden durch die
Cocaleros in der Stadt Cochabamba immer häufiger werden, beginnt
die dritte Woche intensiver Ausschreitungen, in der massive Pro-testmärsche
und Straßenschlachten der Cocaleros, Arbeiter, Studenten und Gleichge-sinnter
gegen die Polizei stattfinden. Unter den Cocaleros und übrigen Demonstran-ten
gab es 100 Festgenommene, und auf dem Land wurden in den letzten Tagen
zwei Bauern vom Militär erschossen, als diese bei den Straßenblockaden
Widerstand leis-teten. Die soziale Bewegung weitet sich zum sozialen Kampf
aus, mit dem Ziel, das neoliberale Parlament aufzulösen und eine
große konstitutionelle Volksversammlung einzuberufen.
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