Bolivia Nr. 130
(erschienen am 16. Mai 2002 - 44 Seiten)

Inhalt
Wahlen 2002 - Armes Bolivien!
Die Kandidaten im Überblick
Esther Balboa - Vizepräsidentschaftskandidatin an der Seite des "Mallku"
Hugo Bánzer Suarez † 5.5.2002
Nach Jahrhundert-Unwetter im Februar versinkt La Paz in Chaos und Trauer
Sozialkampf der Cocaleros
Repression gegen die Kokabauern
Berichte über Menschenrechtsverletzungen in Bolivien sind unerwünscht
Kino in La Paz - was bietet die bolivianische Filmwelt?
Carnaval de Oruro en Berlín

 

© Bolivia SAGO Informationszentrum e.V.
     

Auszüge aus den Beiträgen

Wahlen 2002 - Armes Bolivien!

Bolivien hat aufgrund seiner riesigen Erdgasvorräte erhebliche Bedeutung für den globalen Energiemarkt. Die gesicherten Erdgasreserven übersteigen eine Trillion Kubikfuß (28,3 Billiarden Kubikmeter). Die geografische Lage Boliviens ist strate-gisch günstig und macht das Land zu einer Energieachse in der Region. Dennoch gehört Bolivien zu den ärmsten Ländern der Welt. Die wichtigsten Probleme sind soziale Unruhen, Naturkatastrophen und unzulängliche politische Strukturen. Die Korruption ist das Krebsgeschwür des Landes, unter dem es seit seiner Geburt leidet, die Machtgier seiner Politiker kennt weder Grenzen noch Moral oder Skrupel. Die Zukunft, die dieses Land zu erwarten hat, könnte man fast als tragisch bezeichnen, wären da nicht die unermesslichen Naturschätze. Tragödie ist deshalb der zweite Name dieser Heimat. Man muss versuchen, ja sich zwingen, die Fantasie aufzubrin-gen, eine Alternative für dieses Land zu finden - auch wenn sie unglaublich erscheint: eine Alternative für dieses Volk, das längst nicht mehr an seine politischen Götter glaubt.
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Esther Balboa - Vizepräsidentschaftskandidatin an der Seite des "Mallku"

Sie kommt aus einem Dorf am Titicacasee, hat Quechua- und Aymarablut in den Adern und glaubt fest an das Gleichgewicht in der Natur, an die Harmonie von Wasser und Wind. Sie hat in Deutschland in den Humanwissenschaften promoviert. Erst vor kurzem hat sie Felipe Quispe, "el Mallku" [s. BOL 126, S.3-37], den Präsidentschaftskandidaten der Partei "Indigene Bewegung Pachacuti" (Movimiento Indigena Pachacuti, MIP) kennengelernt. Und sie wird ihre Wahlkampagne fernab der Fernsehkameras durchführen.
Esther Balboa wurde 1960 als Tochter eines Lehrers einer Fachschule, der von John F. Kennedy ins Leben gerufenen "Allianz für den Fortschritt", an den Ufern des Titicacasees geboren. Diese Schule war ein Erbe des legendären Ayllu-Schul-Experiments in Warisata. (Die Schule von Warisata nahe dem Titicacasee als Modell einer ländlichen auf dem Konzept einer Arbeitsschule beruhenden Mittelpunktschule [1931-41] gilt bis heute in Lateinamerika als bildungspolitisches Vorbild in ländli-chen indigenen Kontexten, besonders hinsichtlich hinsichtlich ihres Mittel-punktschulcharakters mit Lehrerausbildung und zugeordneten kleineren Zweigschulen; s. Burkhard Schwarz, Warisata und der indigenistische Traum von Schule, in: Dirk Bruns (Hg.), Bolivien, Express Reisehandbuch, Mundo Verlag Köln 1994, S. 209-215.) Esther Balboa verbrachte ihre Kindheit in der Gemeinde Pillapi und lernte wie die anderen Kinder der Gegend Aymara, später auch Spanisch in der Schule. Von der mütterlichen Seite her wurde Quechua in der Familie gesprochen und der Gebrauch des Spanischen - in einer Art Protesthaltung - vermieden. In jener Zeit hatte sie unauslöschliche Kindheitserlebnisse in der Begegnung mit der Schönheit und der Stille des großen Sees. Sie spielte auch in den Trümmern von Tiwanaku. In der Großstadt Cochabamba erlebte sie ihren Kulturschock. Hier musste man immer in Schuhen herumlaufen und für die Schule die langen "indianischen Zöpfe" abschneiden lassen. Sie besuchte katholische Schulen und las schon früh die Romane Tolstois und Dostojewskis.
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Hugo Bánzer Suarez † 5.5.2002

Der deutschstämmige General Hugo Bánzer Suarez, geboren am 10.5. 1926, Bildungsminister im Kabinett des Putschgenerals Barrientos (1964-66), ehemaliger Diktator (1971-1978), Gründer der konservativen Acción Democrática Nacionalista (Nationalistische Demokratische Aktion, ADN) 1979 und zuletzt demokratisch gewählter Präsident Boliviens (1997-2001), verstarb 75-jährig - 5 Tage vor seinem 76. Geburtstag - in seiner Residenz in Santa Cruz de la Sierra an den Folgen seines Krebsleidens. Am 6.8.2001 war er - bereits schwer von seiner Krankheit gezeichnet - zugunsten seines Vizepräsidenten und konstitutionellen Nachfolgers Jorge "Tuto" Quiroga Ramirez vorzeitig von seinem Staatsamt zurückgetreten. Sein Todestag war zugleich der Geburtstag seines Nachfolgers. Er galt als einer der einflussreichsten bolivianischen Politiker des vergangenen Jahrhunderts, da er auch nach der Zeit der Militärdiktaturen durch seine Mit-/Beteiligung an der Macht (1985 Unterstützung der Wahl des Präsidenten Victor Paz Estenssoro, 1989 mit ADN-Ministern im Kabinett des MIR-Präsidenten Jaime Paz Zamora vertreten und ab 1997 eigene Präsidentschaft im Rahmen einer "Megakoalition" zusammen mit MIR, UCS und anfangs auch CONDEPA) Einfluss auf die Geschicke des Landes ausübte. Bánzer, unter dessen Militärherrschaft 1971 - 1978 über 200 Menschen umgebracht wurden, hatte noch vor General Pinochet in Chile den Gürtel der Diktaturen Lateinamerikas verstärkt. Er war ein treuer Vasall der USA.
Als Bánzer starb, war die Endredaktion dieses Heftes bereits abgeschlossen. Wir werden dem Leben und Wirken des Generals in der nächsten Nummer einen ausführ-lichen Artikel widmen.


Nach Jahrhundert-Unwetter im Februar versinkt La Paz in Chaos und Trauer

Bolivien durchlebt bis heute ein emotionales Trauma aufgrund von 40 Minuten unbändiger Naturgewalt, welche 69 Tote, Hunderte Verletzte und Vermisste und enorme Schäden hinterlassen hat … .Aussagen wie "tenemos nuestro 11 de septiembre" ( Wir haben unseren 11. September ) lassen erahnen, wie tief der Schock über das Erlebte bei den Betroffenen sitzt.
Aber die gezeigte Wehrlosigkeit der Stadt La Paz wirft eine dringende politische Debatte auf über die Unfähigkeit des Staates, sich solchen Naturkatastrophen an-gemessen zu stellen und darüber, was die Gemeinderegierung von La Paz in der letzten Dekade unternommen hat, um einen Stadtentwicklungsplan zu entwerfen, der in der Lage ist, solche Gefahren zu verhindern.
Am 19. Februar steht das Notruftelefon nicht still - Hunderte Personen bitten in ihren Anrufen verzweifelt um sofortige Hilfe. 40 Minuten reichen aus, um in der Haupt-stadt ein Bild der Verwüstung zu hinterlassen - zuerst Hagel , dann folgen Regen und Sturzbäche., die binnen kurzer Zeit für die Stadt den Ausnahmezustand bringen .Bei dem kurzen, aber ungewöhnlich kräftigen Sturm und den schweren Regen- und Ha-gelniederschlägen waren 69 Personen getötet und mehr als 100 verletzt worden. Zahlreiche Personen blieben vermisst, wodurch lange Zeit die tatsächliche Zahl der Opfer unklar war.
Bei dem nur knapp eine Stunde dauernden Unwetter waren 41 Liter pro Quadratme-ter niedergegangen und hatten nach Angaben eines Sprechers der Stadtverwaltung die höchstens für acht bis zehn Liter ausgelegte Kanalisation hoffnungslos überflutet und damit den bis dato höchsten Niederschlag in der Geschichte der Stadt von 32 Litern pro Quadratmeter im Jahre 1976 überstiegen.
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Sozialkampf der Cocaleros

Der Kampf der Cocaleros gegen die Polizei in den Straßen von Cochabamba.
Während sich die sozialen Unruhen Anfang Februar im ganzen Land verschärfen und es große Mobilmachungen der Bevölkerung und der Arbeiter gibt, die um ihre eige-nen Forderungen kämpfen und sich mit den Cocaleros solidarisieren, und während die Straßenblockaden durch die Cocaleros in der Stadt Cochabamba immer häufiger werden, beginnt die dritte Woche intensiver Ausschreitungen, in der massive Pro-testmärsche und Straßenschlachten der Cocaleros, Arbeiter, Studenten und Gleichge-sinnter gegen die Polizei stattfinden. Unter den Cocaleros und übrigen Demonstran-ten gab es 100 Festgenommene, und auf dem Land wurden in den letzten Tagen zwei Bauern vom Militär erschossen, als diese bei den Straßenblockaden Widerstand leis-teten. Die soziale Bewegung weitet sich zum sozialen Kampf aus, mit dem Ziel, das neoliberale Parlament aufzulösen und eine große konstitutionelle Volksversammlung einzuberufen.
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