Bolivia Nr. 128
(erschienen am 20.September 2001 - 56 Seiten)

Inhalt
Präsidentenwechsel in Bolivien
Das neue Kabinett
Neue Karten im Spiel um die Macht
¿Qué será...? 6. August 2001: schwerkranker Präsident Banzer dankt ab
Präsidentenwechsel, Mauerfall und Blumenklau
Gas, Öl und Eisen - Wege aus der Armut?
Zum Tod von Víctor Paz Estenssoro
Auch wir sind das Volk ...
Am Rande der Verzweiflung
Die juristische Aufarbeitung des "Weihnachtsmassakers" von 1996
"Menschenrechtsarbeit war hier nie leicht"
Bilder vom Karneval der Kulturen in Berlin

 

© Bolivia SAGO Informationszentrum e.V.
   

Auszüge aus den Beiträgen

Präsidentenwechsel in Bolivien
Bolivien hat für die Zeit bis zu den Wahlen im nächsten Jahr einen neuen Präsidenten: General Hugo Banzer Suárez, Vorsitzender der Acción Democrática Nacionalista (ADN), der seit den Wahlen von 1997 jenes Amt innehatte, erklärte am 6. August 2001 seinen gesundheitsbedingten Rücktritt, und sein Vizepräsident und Parteigenos-se, der vierzigjährige Jorge 'Tuto' Quiroga Ramírez wurde am darauffolgenden Tag als Präsident vereidigt. Der Präsidentschaftswechsel führte zu einem recht abrupten Wechsel in den Themen, welche bolivianische Medien in den Mittelpunkt rücken, ebenso wie in der Art, wie die Öffentlichkeit die Lage der Nation evaluiert: Wo vorher eine ziemlich bedrückende Krisenstimmung so gut wie alle Sektoren der bolivianischen Bevölkerung ergriffen hatte, da keimte unmittelbar nach dem Regierungswechsel verhaltene Hoffnung. Quiroga verkündete in seiner Antrittsrede in recht unverhohlenen Worten, dass er es als seine erste und vorrangige Aufgabe betrachte, Korruption, Stagnation und Untätigkeit in der bolivianischen Politik zu bekämpfen.
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Das neue Kabinett
Gustavo Fernández - MIR - Außenamt
José Luis Lupo Flores - parteilos - Minister im Präsidentenamt
Leopoldo Fernández Ferreira - ADN - Kabinettschef im Ministerrang
Oscar Guilarte Luján - ADN - Verteidigung
Jacques Trigo Loubiere - parteilos - Finanzen
Mario Serrate Ruíz - ADN - Justiz
Enrique Paz Argandoña - MIR - Gesundheit
Wigberto Rivero Pinto - MIR - Bauernangelegenheiten
Carlos Kempff Bruno - parteilos - Wirtschaftliche Entwicklung
Mauro Bertero - ADN - Information
Amalia Anaya Jaldín - parteilos - Erziehung
Javier Nogales Iturri - parteilos - Wohnungswesen
Claudio Mansilla Peña - ADN - Außenhandel
Ramiro Cavero Uriona - ADN - Nachhaltige Entwicklung
Walter Nuñez Rodríguez - MIR - Landwirtschaft
Jorge Pacheco Franco - UCS - Arbeit


Neue Karten im Spiel um die Macht
Hugo Banzer ist gegangen, und sein Nachfolger Jorge "Tuto" Quiroga (ADN) wünscht sich nichts mehr als sozialen Frieden im Land. Im August erreichte die Regierung mehrere Vereinbarungen mit protestierenden Indígenas, mit denen ein-zelne Konflikte erst einmal beruhigt werden konnten. Währenddessen bringen sich alle politischen Kräfte in Stellung für die Wahl 2002.
43 Millionen Dollar für Entwicklungsprogramme auf dem Altiplano, 1000 Traktoren für die Bauern, Entschädigungen für die Angehörigen von zwei Todesopfern im Verlauf der Auseinandersetzungen und die Rückgabe von beschlagnahmten Fahrrä-dern: Innenminister Leopoldo Fernández und Wigberto Ribero, der Minister für Bau-ernangelegenheiten, haben viel versprochen. Das politische Ziel ist klar. Die immer wiederkehrenden Blockaden auf dem Altiplano durch die Bauern unter Führung des "Mallku" sollen ein Ende finden. Präsident Quiroga braucht soziale Ruhe, um in dem einen Jahr seiner Präsidentschaft eine gute Figur zu machen und politischen Spiel-raum für wirtschaftspolitische Maßnahmen zu gewinnen.
Das Übereinkommen mit dem "Mallku" sorgt vordergründig für eine Beruhigung der Lage. Selbst wenn die Regierung die gegebenen Versprechen einlösen sollte - was keineswegs sicher ist - sind die nächsten Konflikte in diesem Abkommen bereits angelegt. Alle Verhandlungen zwischen Regierung und organisierten Bauern finden vor dem Hintergrund des Machtkampfes zwischen den verschiedenen campesino-Führern statt. Zugeständnisse an einen von ihnen haben zwangsläufig Proteste der andern zur Folge.

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¿Qué será...? 6. August 2001: Schwerkranker Präsident Banzer dankt ab
- Chronik eines angekündigten Rücktritts
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"Presento en esta fecha mi renuncia al cargo de presidente de Bolivia que el pueblo y este Congreso me han conferido, dejando el mando a quien legítimamente, por disposición de la Carta Magna, le corresponde".
Der Rücktritt des Präsidenten
"Am heutigen 6. August 2001 ersuche ich um meinen Rücktritt von meinem mir von Volk und Parlament übertragenen Amt als Präsident Boliviens. Das Mandat lege ich in die Händen dessen, dem dieses gemäß der "Magna Charta" rechtmäßig zusteht."
Dieser staatstragende Entscheid des bis dato amtierenden Regierungschefs war Kernaussage eines bewegenden 22minütigen Diskurses Präsident Banzers anlässlich der Feiern zum 176. Unabhängigkeitstag der Republik Bolivien in der offiziellen Hauptstadt Sucre. General a.D. Hugo Banzer trat an diesem Tage nach über 30jähriger politischer Karriere im Alter von 75 Jahren aus gesundheitlichen Gründen von seinem Amt zurück. Mit dem Abdanken des deutschstämmigen Präsidenten verabschiedete sich gleichzeitig auch der letzte bolivianische Staatschef der "52iger Generation" aus dem politischen Leben des Landes.

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Präsidentenwechsel, Mauerfall und Blumenklau
- Von unserem Redaktionsmitglied Niels Nobiling aus Sucre, 6. August 2001 -
Man hatte uns gewarnt. Wir (meine Frau und ich) sollten lieber nicht auf die Plaza 25 de Mayo gehen und uns die Abdankung Bánzers und die Einführung des neuen Präsi-denten Jorge Quiroga ansehen. Wir gingen doch.
Was war geschehen? Bánzer hatte sich zur Behandlung in Washington befunden und erst nach einigen Bemühungen zum Rücktritt bewogen werden können. Der Rücktritt sollte am historischen Platz (Casa de la Libertad in Sucre: Im "Haus der Freiheit" proklamierte im August 1825 die Nationalversammlung die Unabhängigkeit Boliviens von der spanischen Kolonialherrschaft) und zum historischen Datum (6.8.) stattfin-den. Bánzer wurde mit einem speziellen Hospitalflugzeug von Washington über Santa Cruz nach Sucre geflogen, um hier offiziell abzudanken und anschließend wurde der bisherige Vizepräsident Jorge Quiroga gemäß der Verfassung zum Präsidenten bis zum Ende der Wahlperiode ernannt.

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Gas, Öl und Eisen - Wege aus der Armut?
Die internationale Energiekrise der großen "Nachbarn" Brasilien, Chile, Mexiko und USA könnte zur Entwicklungschance für Bolivien werden, denn jetzt werden die riesigen Gasreserven Boliviens dringend gebraucht. Bolivien hat mit Gasreserven von über 47 Trillionen Kubikfuß (= 1,331 Trillionen oder 10 hoch 18 Kubikmeter!) nach Venezuela die in Südamerika zweitgrößten Vorkommen. .Auf höchster Ebene wird nun über Preispolitik und Verkaufsstrategien sowie Investitionsplänen und transkon-tinentale Pipeline-Erweiterungen, ja sogar über "Meereszugang gegen Gas" gespro-chen. Der "Eisenberg" Mutún an der brasilianischen Grenze mit enormen Mengen des reichhaltigen Erzvorkommens zieht große internationale Investoren an und soll in kürzester Frist für den Abbau freigegeben werden.
Die Sorge, dass Bolivien "dieses Mal" von seinem Reichtum selbst ausreichend profi-tiert und die erwarteten Einnahmen auch regional angemessen verteilt werden, treibt das Land um und hat mittlerweile auch die Politiker und Wahlkämpfer erreicht.

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