Bolivia Nr. 127
erschienen am 14. Mai 2001 - 64 Seiten

Inhalt
Das Gespenst der "tercera mobilización"
Überschwemmungen im gesamten Land
Ministeraustausch
Der erste bolivianische Kardinal
Der mysteriöse Tod von Banzers grauer Eminenz
Erdgas - eine neue Säule der bolivianischen Wirtschaft?
Boliviens Handicap liegt in der Führung
Die vergessenen Mineros
Clinton schrieb Banzer einen (zweiten) Abschiedsbrief
Große Allianz von Kommunikationsgruppen der spanischen Sprache

 

© Bolivia SAGO Informationszentrum e.V.

Auszüge aus den Beiträgen

Das Gespenst der "tercera mobilización"
Die Regierung hatte sich vorgenommen, die für 2001 zu erwartenden Konflikte durch "Dialog und Autorität" im Keime zu ersticken, aber sie ist durch bedeutende personelle Verluste und durch kleinkarierte Streitigkeiten und Machtkämpfe zwischen den Koalitionspartnern erheblich geschwächt. Der "systemischen" großen Oppositionspartei MNR des ehemaligen Staatspräsidenten Sánchez des Lozada missglückte aber ein Manöver zur vorzeitigen Ablösung Banzers. Den Gewerkschaften und anderen Interessenverbänden gelang es über Monate nicht, zu einer schlagkräftigen Einheit zu kommen, vielmehr war der Gewerkschaftsdachverband COB schwach und die Bauerngewerkschaft CSUTCB fast ein halbes Jahr lang gespalten. Dennoch entwickelte sich seit Ende März wieder eine landesweite Unruhewelle. Die von Felipe Quispe, el Mallku im Oktober ins Auge gefasste "dritte Mobilisierung" nahm Ende April deutliche Formen an.
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Überschwemmungen im gesamten Land
Dieses Jahr brach die Regenzeit den Rekord des letzten Jahrzehntes. Dies führte zu immer mehr Überschwemmungen im ganzen Land, bei denen ganze Dörfer und Stadtviertel unter Wasser gesetzt wurden, Häuser weggerissen wurden und die Straßen unterbrochen waren. Die Regierung erließ am 24. Januar ein Katastrophengesetz, und bat um internationale Hilfe. Die Zahl der betroffen Familien, die noch Ende Januar auf 13.500 geschätzt wurde, stieg bis März auf etwa 50.000 Familien an. Nach Angaben des Nationalen Katastrophendienstes (SENADECI) sind 313.270 Menschen Opfer der Überschwemmungen geworden: La Paz (117,030 Personen) und Cochabamba (77,860 Personen) zählen zu den am meisten betroffenen Departements (World Relief web, 19.3.2001), aber auch alle anderen Departements waren betroffen.
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Ministeraustausch
Am 13. Januar dieses Jahres trat Wálter Guiteras (ADN) von seinem Amt als Minister im Präsidentenamt zurück. Marcelo Pérez Monasterios (ADN) übernahm seine Amtsgeschäfte. Dem Rücktritt waren bewegte und spekulationsreiche Zeiten vorangegangen, in denen es fast unmöglich war, festzustellen, wo nun genau die Wahrheit lag. Eines aber verdeutlichte sich in dieser Krise: Hinter den bolivianischen Methoden, Probleme auf dem "kurzen und informellen Dienstweg" zu lösen, stehen handfeste persönliche und wirtschaftliche Interessen und Konflikte.
Am 3. Januar dieses Jahres berichtete die Zeitung "Extra", Wálter Guiteras habe am Vortag seine Frau und seine Tochter in seinem Haus im Stadtteil Cota-Cota von La Paz in betrunkenem Zustand geschlagen. Lourdes Arias de Guiteras habe die Polizeiwache aufsuchen müssen, um vor ihrem Ehemann Schutz zu finden. Der Fall sei angezeigt und Guiteras von der Abteilung zum Schutz der Familie (Brigada de la Protección a la Familia) kurzzeitig festgenommen worden. Per Anweisung aus dem Regierungspalast sei ein Informationsverbot verhängt worden. Nach seiner Freilassung habe Guiteras den beiden Streifenpolizisten, die den Fall aufnahmen, Vergünstigungen in Aussicht gestellt, um die Aufnahmeprotokolle verschwinden zu lassen.

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Der erste bolivianische Kardinal
Zum ersten Mal wurde ein gebürtiger Bolivianer zum Kardinal ernannt. Es erfüllte das Land und die Katholiken Boliviens mit Stolz und Freude , dass der Erzbischof von Santa Cruz, Julio Terrazas Sandoval den Kardinalsrang erreicht hat.
Zuvor war nur José Clemente Maurer, der deutscher Abstammung war, 1967 zum Kardinal ernannt worden. Um so mehr wurde mit Genugtuung vermerkt, dass nun erstmalig ein einheimischer Bischof die Kardinalswürde erlangt hat. Ebenso wie der Mainzer Bischof und Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz Karl Lehmann wurde auch Julio Terrazas erst durch eine Reihe von Nachnominierungen "in letzter Minute" in den Kardinalsrang befördert.
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Der mysteriöse Tod von Banzers grauer Eminenz
Nach dem skandalträchtigen Abgang seines wichtigen Ministers im Präsidentenamt Wálter Guiteras (u.a. Vertuschungsversuch seiner gewalttätigen Ehestreitigkeiten durch Polizistenbestechung, siehe den Artikel dazu in diesem Heft!) verlor Hugo Banzer Suárez nun auch seinen jahrzehntelangen Mitstreiter und wichtigsten Berater Alfredo Arce Carpio (60).
Am Samstag, den 10. Februar 2001wurde der Körper eines der einflussreichsten Männer in der Umgebung Banzers, Alfredo Arce Carpio - seines Zeichens "rechte Hand" des Staatschefs und als persönlicher Berater im Präsidentenamt mit den wichtigsten juristischen, politischen und auch wirtschaftlichen Fragen betraut -, leblos, aber in halb sitzender Position auf den Stufen der Angélica-Azcui-Gasse im Armenviertel Callampaya (Stadtteil Villa Victoria) von einem Bewohner des Elendsviertels aufgefunden. Die Funkstreife 110 wurde alarmiert, die Abteilung Tötungsdelikte der Kripo La Paz nahm ihre Arbeit um 8 Uhr auf, aber da bei dem gut gekleideten Toten keine Personalpapiere und keine Geldbörse gefunden wurde, konnte er erst 24 Stunden nach seiner Überführung in die Leichenhalle des Hospital de Clínicas voll identifiziert und danach am Sonntag gegen Mittag zu seinem Wohnsitz in der Calle Las Retamas im Stadtteils La Florida verbracht werden. Noch gab es nur Vermutungen über die Todesursache des prominenten Toten.
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