Bolivia Nr. 126
erschienen am 30. Januar  2001 - 56 Seiten

Inhalt
Editorial
Ein sozialer Sturm rüttelt an den Grundfesten des Landes
Chronologie des Nationalen Dialogs II
CEREC0 - Rehabilitationszentrum in Cochabamba
"Alle Jahre wieder …" - Weihnachten in La Paz

 

© Bolivia SAGO Informationszentrum e.V.

Auszüge aus den Beiträgen

Ein sozialer Sturm rüttelt an den Grundfesten des Landes
Soziale Unruhen, Proteste und Blockaden, wie es sie in ihrer Intensität und Länge seit dem Kampf gegen die Diktaturen nicht mehr gegeben hat, erschütterten das soziale, wirtschaftliche und politische Gefüge Boliviens. Nur ein halbes Jahr nach Verhängung des Ausnahmezustands (siehe BOL 124, S.3-20) griff Präsident Bánzer erneut zu den Mitteln militärischer Repression. In erbitterten Kämpfen starben 14 Bauern, über 140 wurden verletzt; später wurden auch einige Soldaten entführt und getötet. In den Verhandlungen mit den Bauern gab die Regierung schließlich fast in allen Punkten nach. Der Lohnkampf der Lehrer ging weniger günstig aus. Bánzer bildete sein Kabinett um. Der Kampf um die endgültige Beseitigung der Kokapflanzungen wurde von beiden Seiten kompromisslos weitergeführt, die Entstehung einer "Narco-Guerilla" auch in Bolivien wird für möglich gehalten. In der Gestalt des Bauernführers und Verfechters einer Aymara-Nation Felipe Quispe Huanca, genannt "el Mallku" (der Kondor), erwuchs dem politischen Establishments Boliviens ein mächtiger Gegenspieler.
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Chronologie des Nationalen Dialogs II
Berichte einer Insiderin
Irene Tokarski ist Mitarbeiterin der bolivianischen Bischofskonferenz. Sie hat an den Verhandlungen des Nationalen Dialogs II als Koordinatorin des "Foro Jubileo", der Delegation der katholischen Kirche im Nationalen Dialog, teilgenommen und schildert hier ihre persönlichen Eindrücke des Verhandlungsverlaufs und der sozialen Situation Boliviens in schweren Zeiten.
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CEREC0 - Rehabilitationszentrum in Cochabamba
von Wolf Dieter Wiebach
Vom 29.03.1999 bis 31.05.1999 arbeitete ich in Cereco in Cochabamba/Bolivien. Cereco: das bedeutet "Centro de Rehabilitación Cochabamba". Doch bevor ich Näheres zu Cereco berichte, einige Ausführungen zum Stand der Sonderpädagogik in Bolivien: Die Sonderpädagogik ist in Bolivien keine Luxusproblematik mehr. So gibt es eine staatliche Koordinierungsstelle auf nationaler Ebene mit Unterordnungen auf departamentaler Ebene. In allen "departamentos" gibt es Zentren für Menschen mit Behinderungen, aber nur dort. Auf dem Land und in periurbanen Regionen existieren keine Angebote für behinderte Menschen, so dass dort keine (Früh )Erkennung, (Früh )Erfassung und (Früh )Förderung für diese Menschen vorhanden ist. Im übrigen befindet sich keins dieser Angebote in staatlicher Trägerschaft. Eine formalisierte Ausbildung für Sondererziehung existiert nicht. Die unterrichtenden Lehrer besitzen die übliche Lehrerausbildung (wenn überhaupt!) und haben sich in Weiterbildungskursen das notwendige Rüstzeug angeeignet. Seit Mai 1995 besteht auch die Möglichkeit eines zweijährigen Fernstudiums mit Abschluss. Die Sondererziehung für geistig behinderte Menschen ist am wenigsten entwickelt. Von den 256.000 Menschen mit geistiger Behinderung (das sind die üblichen 4% der Bevölkerung eines Landes) erhalten lediglich 200 eine entsprechende Erziehung (= 0,62%). In die üblichen Schulen werden sie nicht aufgenommen. Denn für sie ist keine Institution der Bildung zuständig, sondern das medizinische Personal. Doch nun zu CERECO: Es ist eine der größten und bedeutsamsten Einrichtungen der Sondererziehung in Bolivien, eine private Einrichtung, die staatliche Unterstützung erhält. Knapp die Hälfte der Lehrer wird vom Staat bezahlt. CERECO wurde vor 24 Jahren aus zwei Krankengymnastikräumen gegründet, und zwar von der seit nunmehr über 60 Jahre in Bolivien lebenden Deutschen Frau Eva Marcus. Mit Hilfe der Unterstützung eines Geistlichen, des Padre Leon Connolly, entstand dann der Bau eines Hauses. Kontrolliert von der staatlichen "Coordinación de educación especial" steht ihm ein sog. "directorio" vor, gewissermaßen ein Aufsichtsrat mit 7 gesellschaftlich anerkannten Persönlichkeiten der Stadt Cochabamba.

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"Alle Jahre wieder …" - Weihnachten in La Paz
Vorweihnachtliche Stimmung, Gepflogenheiten und Bräuche bei Bolivianern und Deutschen
Advent, so heißt es in Deutschland, sei die "schönste Zeit des Jahres". In Bolivien kennt man dies nur vom Hörensagen. Die Adventszeit mit Kranz und vier Kerzen gibt es nicht. Auch der Brauch mit den blank geputzten, herausgestellten Stiefeln zum Nikolaus ruft dort nur Staunen hervor. Wohl aber bereitet man sich - wie überall auf der Welt - auch im Andenhochland auf das Weihnachtsfest vor.
Die Zeit vor Navidad: Frauen stricken, um farbenfrohe und wärmende Pullis für die immer kühlen Nächte in La Paz noch rechtzeitig zum Fest auf dem Gabentisch zu legen. Kinder ziehen mit großen Augen zu den Weihnachtsmärkten der Hauptstadt. Hier finden sich sorgsam auf Tüchern ausgebreitet Krippenfiguren mit Jesuskind - El Niño - samt Stall und Ochs und Eseln. In unterschiedlichsten Größen und Preislagen. El Nacimiento - die Weihnachtskrippe - gehört für viele Familien zur weihnachtlichen Tradition. Jahr für Jahr wird sie liebevoll aufgebaut und geschmückt. Ab und an kommen neu erstandene Figuren vom Weihnachtsmarkt hinzu. An diesen Wochenenden sind die Märkte von La Paz besonders gut besucht. Auch viele Campesinos vom Altiplano zieht es in der Zeit vor Weihnachten in die Stadt. Man muss Geduld mitbringen, Stoßen und Drängen ertragen und sich schlicht im Strom der Menge treiben lassen. Es gibt viel zu bestaunen. Wünsche werden wach. Stände locken mit duftenden Speisen und heißen Getränken. Übereinander getürmte Puppen, Kuscheltiere und Spielzeugautos lassen Kinderherzen höher schlagen. Das ist in La Paz nicht anders als in Deutschland. Nur, dass in Bolivien die Wünsche der Kinder nicht so oft in Erfüllung gehen. Und mancher muss sich selbst kleiner Gaumenfreuden enthalten... Dennoch ist Weihnachten in La Paz nicht minder ein Erlebnis als im kaufkräftigen Deutschland.
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