Bolivia Nr. 124
erschienen am 19. Mai 2000 - 56 Seiten

Inhalt
Ausnahmezustand in Bolivien
En la frontera del caos...
Wie ein Pferderennen: Die bolivianischen Kommunalwahlen
Die Kommunlawahlen - Analyse und Einschätzungen
Ein Komplott gegen Banzer
Zwischen Nostalgie und Coca-Cola: Das Scheitern des XII. COB-Kongresses in El Alto
Ein Krieg zwischen Ayllus erschüttert Bolivien
F.O.B.E. JACH'A URU - Für eine bessere Zukunft
"Soweit die Füße tragen": Vierundzwanzig Stunden auf dem Pilgerweg
zwischen La Paz und Copacabana

 

© Bolivia SAGO Informationszentrum e.V.


Auszüge aus den Beiträgen

Ausnahmezustand in Bolivien
Der Ausnahmezustand begann am 9. April um 00:00 Uhr und wurde von Bánzer am 20. April wieder aufgehoben. Es war seit der Rückkehr der Demokratie der sechste Ausnahmezustand und der mit den meisten Toten (insgesamt kostete die Sondermaßnahme fünf Menschenleben), gleichzeitig aber auch der am wenigsten respektierte. Die Blockaden, Märsche etc. gingen weiter, als ob nichts wäre. In Santa Cruz, wo es sehr ruhig war bis auf ein paar Studentenunruhen gegen Ende des Ausnahmezustands, sollte vom ersten Tag an der Ausnahmezustand erst ab 2:00 Uhr morgens bis 6:00 Uhr gelten. Es sollten demnach in diesem Zeitraum keine Kneipen und andere Lokale mehr offen haben und die Zirkulation von Autos untersagt sein. Nichts von alledem konnte man feststellen. Lediglich am ersten Tag, also der Nacht vom 8. zum 9. April ließ sich ein etwas reduzierterer Autoverkehr feststellen, keinesfalls aber waren die Straßen Menschenleer und Autofrei. Je länger der Ausnahmezustand dauerte, desto mehr wurde er belächelt und schlichtweg ignoriert. Bis auf ein paar Gebäude und geschmacklich zweifelhafte Monumente, die an irgendwelche Heldentaten erinnern sollen, war keine Militärpolizei auf den Straßen zu sehen.
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Wie ein Pferderennen: Die bolivianischen Kommunalwahlen
Die vergangenen Kommunalwahlen stellten einen wichtigen Wandel in der traditionellen und von bestimmten Eliten dominierten Politik Boliviens dar. Das Auftauchen und die Bestätigung neuer politischer Leitfiguren einer neuen Generation ist offensichtlich.
Auch wenn sie von unterschiedlichen Parteien herkommen, so zeigt die Bestätigung politischer Führer wie Juan del Granado (La Paz), René Joaquino (Potosí), Mirtha Quevedo (Oruro), Johnny Fernandez (Santa Cruz), Manfred Reyes (Cochabamba), Fidel Herrera (Sucre), dass die regionalen politischen Kräfte unterschiedlich sind und - unabhängig von einer Koalition auf Regierungsebene - immer stärker eigenes Profil ausweisen. Die Oppositionspartei MNR ging landesweit gesehen mit 20,42 % als Siegerin hervor, aber der MIR machte einen Sprung und landete mit 15,96 % vor der ADN, die dieses Jahr nur 14,63 % erzielte. Man kann wohl sagen, dass der MIR größeres politisches Gewicht als sein Regierungspartner ADN besitzt. Ein anderes Aufmerksamkeit erheischendes Faktum: Diese drei Parteien haben sich besser in den Regionen positioniert und haben die UCS und CONDEPA deplaziert. Bis zu den Wahlen von 1995 teilten die UCS und die CONDEPA den Tisch mit den großen. Die UCS befand sich damals an zweiter Stelle und die CONDEPA an der dritten, aber in den letzten Wahlen landete die UCS auf dem vierten und die CONDEPA auf dem siebten Platz.
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Die Kommunlawahlen - Analyse und Einschätzungen
Hinsichtlich der Kommunalwahlen vom vergangenen 5. Dezember lassen sich einige Ergebnisse und Wirkungen festmachen:
a) sie sichern den Lauf des strategischen Programms der Teilhabe des Volkes (participación popular - eingeführt unter Präsident Sanchez de Lozada 1993-97), dessen Realisierung und Durchführung im Einzelnen in den letzten Jahren nicht gerade forciert wurde,
b) sie machen in gewisser Weise das Panorama für die nationalen Wahlen des Jahres 2002 frei,
c) sie stärken die staatlichen und kommunalen Institutionen und
d) sie garantierten die Ausübung des allgemeinen Wahlrechts und stärkten auf diese Weise die junge bolivianische Demokratie.
Aufgrund der politischen Konnotationen, die sich seit dem 5. Dezember hinsichtlich des Jahres 2002 ergeben, werden wir vor allem diesen Aspekt analysieren.
Wir müssen die quantitativen Ergebnisse dieser Wahlen nur als Referenzzahlen betrachten, denn die Ergebnisse der nächsten nationalen Wahlen können davon abweichen, denn in diesen kommen andere, einer nationalen Wahl eigentümliche, Faktoren ins Spiel. Jedoch kann man aufgrund dieser Daten einige Tendenzen ausmachen, die sich in der nächsten Zukunft bestätigen können oder auch nicht.
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Ein Komplott gegen Banzer
Das Problem kam am 9. Januar ans Licht der Öffentlichkeit - mit der Aussage von Marino Diodato und seines Anwaltes Otto Ritter. Ritter sagte, dass Vizepräsident Jorge Tuto Quiroga ein Komplott gegen den Präsidenten geschmiedet habe, weil er weiß, dass er (aufgrund einer gesetzlichen Änderung) 2002 nicht als Präsident kandidieren kann . Genau deswegen versuchen nach seiner Meinung die Pitufos (eine Fraktion der ADN mit Jorge Quiroga) die Regierung des Generals zu destabilisieren.
Diodato, der wegen Verbindungen mit der Mafia und illegalen Spielgeschäften im Gefängnis sitzt, sagte aus, dass der Staatsanwalt Rodolfo Gutierrez ihn bat, den Präsidenten Banzer in illegale Geschäfte zu verwickeln. Er sagte: "Gutierrez hat mir gesagt, dass meine Gefangenschaft in 48 Stunden vorbei wäre, wenn ich Präsidenten Banzer in diese illegalen Aktivitäten involviere, aber ich habe ihm geantwortet, dass ich nie gegen den Präsidenten aussagen würde.".
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Zwischen Nostalgie und Coca-Cola: Das Scheitern des XII. COB-Kongresses in El Alto
Zum zweiten Mal hintereinander musste ein ordentlicher Kongress des Gewerkschaftsdachverbandes COB (Central Obrera Boliviana) wegen miserabler Vorbereitung und parteipolitischen Gezänks unterbrochen werden. Dies war die einzige und letzte Möglichkeit, die drohende Spaltung der bolivianischen Gewerkschaftsbewegung zu verhindern.
Der XII. Ordentliche Kongress des Bolivianischen Gewerkschaftsdachverbandes war zum 17. Januar 2000 in das Gebäude der Regionalen Arbeiterzentrale (Central Obrera Regional, COR) nach EL Alto eingeladen worden. Schon im Vorfeld dieses Ereignisses wurde es immer klarer, dass auf diesem Kongress zwei schwer definierbare Lager mit ihren entsprechenden Kandidaten für die Führungsämter aufeinanderprallen würden und dass die seit Jahren aufgeschobenen Entscheidungen über eine wirklich angemessene Integration bestimmter sozialer Gruppen in die Struktur und Leitung der Gewerkschaftsdachorganisation für erheblichen Konfliktstoff sorgen würde.
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