Bolivia Nr. 159
November 2009
(36 Seiten, erschienen am 23.11.2009)

Inhalt
Vor den Wahlen um Präsidentenamt und Sitze im Kongress
Parlament erklärt Terrorismusfall von Santa Cruz für abgeschlossen
ALBA-Treffen diskutiert Wirtschaftsunion
Indígenas im TIPNIS verweisen illegale Hochlandsiedler von ihrem Territorium - mit militärischer Unterstützung der Regierung
- Recuperando la Historia de la Lucha por la Democracia
Spezial: Klimafolgen
   - Der Illimani schmilzt

   - Wasserspiegel des Titicaca-Sees sinkt
   - Gletscher des Berges Chacaltaya komplett abgeschmolzen
- Die bolivianische Migration von Argentinien nach Spanien. Ein neuer transnationaler Raum
- Die Wiphala provoziert eine Debatte
- Wiedersehen zum Abschied: Nostalgietrip in die Stadt der Hohen Anden

 


Auszüge aus den Beiträgen

 

Vor den Wahlen um Präsidentenamt und Sitze im Kongress
Schon Anfang September wurde klar, dass es keine Einheitsfront der bürgerlichen Op-position gegen Morales geben würde. Die alte politische Elite, die nach Auffassung des MAS vor allem "noch" in der Presse, in der Justiz und den regionalen Kräften des boli-vianischen Ostens größeren Einfluss besitzt, trat als erstes Oppositions-Zweigespann Manfred Reyes Villa, ehemaliger Präfekt von Cochabamba zusammen mit dem Exprä-fekten von Pando Leopoldo Fernández an. Reyes bekommt die Unterstützung des Ex-Präfekten von La Paz José Luis Paredes (Plan Progreso), der ebenso wie er im August -Referendum 2008 von seinem Posten als Präfekt abberufen wurde. Reyes führt - wenn auch mit großem Abstand hinter der Regierungspartei - den Reigen der Oppositions-bündnisse an. Hingegen sehen die Wahlaussichten des MAS sehr gut aus. Fraglich scheint nur noch zu sein, ob die Zweidrittelmehrheit am Wahltag - 6. Dezember - ge-knackt wird.
Germán Antelo (MNR), ehemaliger Präsident des Bürgerkomitees Santa Cruz , sah für sich keine Chance und konnte sich auch nicht mit Cárdenas auf eine gemeinsame Kandi-datur einigen. Zur Kandadatur Leopoldo Fernández' meinte er: Wer mit so einer Ankla-ge, Drahtzieher eines Massakers zu sein, belastet sei, richte sich mit seiner Kandidatur zum Vizepräsidenten gegen das ganze Land, welches doch Gerechtigkeit fordere und die Wahrheit wissen wolle. Hier seien den Bürgerlichen alle Maßstäbe abhanden gekommen. So ein Irrtum räche sich bitter. Dagegen spekulierte Reyes auf einen Solidaritätseffekt der Bevölkerung mit einem Märtyrer und auf ein Ansteigen der gemeinsamen Wahl-chancen.
Víctor Hugo Cárdenas zog sich wegen der Aussichtslosigkeit seiner Bewerbung zurück und weil die alte "weiße" Elite ihn doch nur als indigenen Zählkandidaten gegen den Indio Evo Morales gebraucht hätte. Wegen des Verzichts von Jimena Costa und des unbeugsamen Willens Antelos, der Erste auf dem Ticket zu sein, blieb er allein zurück. Die Politologin Jimena Costa verzichtete darauf , Kandidatin irgend eines Blocks zu sein, um nicht "zum Desaster beizutragen." Sie verließ frustriert ein Treffen von Kandi-daten verschiedener Fronten und vermisste ein seriöses Sachgespräch über die Einheits-front und eine diesem dann entsprechende Einigung auf einen gemeinsamen Kandidaten.

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Parlament erklärt Terrorismusfall von Santa Cruz für abgeschlossen
Acht Monate hat eine von der Regierung Morales eingesetzte Kommission im Fall der drei in Santa Cruz in einem Hotel erschossene Personen ermittelt. Die Ermordeten waren von Sicherheitskräften verdächtigt worden, einen Anschlag auf den Präsidenten vorberei-tet zu haben. Die Ergebnisse der Ermittlungen hat die Kommission in einem Untersu-chungsbericht zusammengefasst und dem bolivianischen Parlament zur Billigung vorge-legt. Nach 10-stündiger Debatte hat der Untersuchungsbericht mit Mehrheit der Abge-ordneten der Regierungspartei das Parlament passiert.
In der Nacht zum 16. April dieses Jahres stürmte eine Spezialeinheit der Polizei das Hotel "Las Americas" in Santa Cruz, um eine des Terrorismus verdächtigte Gruppe zu zerschlagen. Nach offiziellen Angaben hatten die Sicherheitskräfte Information über eine Terrorzelle erhalten, die den bolivianischen Präsidenten ermorden wolle. Das Ziel der Gruppe sei dabei gewesen, Bolivien zu spalten. Wie zunächst bekannt gegeben wurde, waren bei dem Sturm auf das Hotel drei Männer von der Polizei erschossen worden: Arpad Magyarosi, ungarisch-rumänischer Abstammung, Michael Drwyer, ein Ire, sowie Eduardo Rozsa Flores, ein Ungarn bolivianischer Abstammung. Flores soll der Kopf der Bande gewesen sein. Zwei weitere Personen wurden bei der Auseinandersetzung festge-nommen. Es handelt sich um Elot Toaso aus Ungarn und Mario Francesco Tadic Astorga mit bolivianisch-kroatischer Herkunft.

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ALBA-Treffen diskutiert Wirtschaftsunion
Am 16. und 17. Oktober war Cochabamba Schauplatz des 7. Regionalen Gipfeltreffens von ALBA, der "Bolivarischen Allianz für die Völker unseres Amerika". Es stand unter dem Motto "El amanecer de los pueblos" ("Die Morgenröte der Völker" bzw. wörtlich "Morgendämmerung"). Schätzungsweise 200 Personen nahmen an dem Treffen teil, darunter Präsidenten, Premierminister, Außenminister und weitere politische Vertrete-rInnen der Mitgliedsstaaten der ALBA. Gleichzeitig fanden ein Treffen sozialer Organi-sationen sowie eine Unternehmermesse statt.
Dieses Jahr feiert ALBA ihr fünftes Jubiläum. Die von Cuba und Venezuela im Jahr 2004 gestartete Initiative ist eine Reaktion auf die US-amerikanischen Bestrebungen zur Etablierung einer neoliberalen Gesamtamerikanischen Freihandelszone, des ALCA. Die beiden Staaten hielten ALBA dagegen, damals "Bolivarische Alternative für die Völker unseres Amerika" genannt. Zu Cuba und Venezuela gesellten sich bald Bolivien, Nica-ragua sowie weitere karibische Staaten. Vor wenigen Monaten trat auch Ecuador unter Präsident Rafael Correa offiziell bei. Eins der wichtigsten Anliegen von ALBA ist die Schaffung regionaler Integration, die einen Handelsaustausch zur besseren Versorgung der Binnenmärkte und Volkswirtschaften seiner einzelnen Mitglieder ermöglichen soll. Auch die Bekämpfung der Armut und Ungleichheit, unter der viele der Mitgliedsstaaten leiden, ist ein zentrales Ziel. Das Profil von ALBA wurde entscheidend von den "antiim-perialistischen" Ideologien der gegenwärtigen Regierungen der erwähnten Länder ge-prägt. Bisher war die Gründung einer eigenen ALBA-Bank vorgesehen, die Kredite vergeben sollte an diejenigen, die sie benötigten. Inzwischen gibt es jedoch weitaus ehrgeizigere Vorhaben, wie sich auf dem Gipfel herausstellte.

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Indígenas im TIPNIS verweisen illegale Hochlandsiedler von ihrem Territorium - mit militärischer Unterstützung der Regierung
Das "Territorio Indígena y Parque Nacional Isibore-Securé" (TIPNIS) hat seit 1990 einen Doppelstatus als Nationalpark sowie als anerkanntes indigenes Territorium der dort lebenden Völker der Moxeños, Yuracarés y Chimánes. Es befindet sich im Süden des Departaments Beni sowie im Norden des Departaments Cochabamba und umfasst verschiedene Höhen- und Vegetationszonen, von Bergnebelwäldern der Andenausläufer im Südwesten bis hin zu subtropischen Regenwäldern des Tieflands.
Seit seiner Gründung ist es dort immer wieder zu Auseinandersetzungen mit Siedlern aus dem Hochland gekommen, die für den Anbau ihrer Cocafelder immer weiter in das Ge-biet vordringen, Waldflächen roden und somit die Lebensgrundlage der traditionell dort lebenden Indigenaas zerstören und diese teilweise auch direkt bedrohen. Eine solche illegale Landnahme innerhalb ihres Territoriums bzw. der Widerstand der Indígenas zum Schutz ihres rechtmäßigen Eigentums hat im September aufgrund seines konfrontativen Verlaufs in den Medienberichten Eingang gefunden.
In diesem Fall handelte es sich um ca. 250 Siedler, die in das TIPNIS eingedrungen waren und dabei waren, eine Siedlung namens "Colonia 16 de Octubre" und neue Coca-pflanzungen anzulegen. Am 1.September hatte eine Generalversammlung der Dorfvor-steher und Autoritäten der betroffenen Völker den Staat dazu aufgefordert, diese illega-len Siedler von ihrem Territorium zu verweisen. Die ursprünglich gegebene Frist von einer Woche wurde mehrmals verlängert. Auch die Repräsentanten von CIDOB (Natio-naler Dachverband der indigenen Tieflandvölker Boliviens) unterstützten die Forderung und wandten sich - ebenfalls vergeblich - mit einer entsprechenden Resolution an die Regierung.

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Spezial Klimafolgen: Der Illimani schmilzt
Der Illimani ist mit 6.462 Metern Höhe die höchste Erhebung der Cordillera Real und das Wahrzeichen von La Paz. Das vorläufige Ergebnis durch Fotoaufnahmen der Luft-waffe ergab eine erhebliche Abnahme des Eismassivs und damit den Nachweis der Aus-wirkungen des Klimawandels in der Region um La Paz, von dem die umliegenden Ge-meinden zuerst betroffen sind. Obwohl noch keine exakten Daten vorliegen, ist die Ver-ringerung der Schneedecke erheblich, wie die an der Erforschung beteiligten Institute der Universität San Andres und die NGO (Nichtregierungsorganisation) "Nahrhaftes Was-ser" feststellten. Dabei handelt es sich um einen fortschreitenden Prozess. Gemeinden, wo aus klimatischen Gründen früher nichts angepflanzt werden konnte, verfügen nun über Bewässerungssysteme und geraten in Konkurrenz zu anderen Gemeinden, die jetzt kein Wasser zum bewässern haben, so Magaly Garcia vom Institut für Landwirtschafts-forschung und Naturvorkommen. Nach Angaben der Bauern der umliegenden Gemein-den ist die Eisfläche auf der La Paz'er Seite um 30 % zurückgegangen. Gleichzeitig wurde ein Anstieg der Temperaturen beobachtet und ein Rückgang der Niederschläge. Der Umfang des Rückgangs der Eisdecke im Zeitraum von 1956 bis 2006 schwankt je nach Einzelgebiet von 20 % bis 50 %.

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